"Die Fälscher" Oscar für Österreich


Erstmals hat Österreich einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen. Auch Deutschland ist am Erfolg beteiligt: Stefan Ruzowitzkys "Die Fälscher" wurde hier gedreht und zur Hälfte mit Mitteln aus Deutschland produziert. stern.de sprach mit dem österreichischen Filmregisseur und Drehbuchautor.
Von Kathrin Buchner

Der Film "Die Fälscher" erzählt ein bis heute wenig beachtetes Kapitel in der Geschichte des Dritten Reiches: Die Nazis errichteten 1942 eine Geldfälscherwerkstatt im KZ Sachsenhausen. Eine Spurensuche bei einem der Überlebenden ergab: Film und Wirklichkeit klaffen kaum auseinander.

Den ganzen Tag wurden sie mit Operettenmusik aus dem Radio berieselt, es gab Betten mit weißen Leinen und Kopfkissen, reichlich zu essen, Zigaretten, zivile Anzüge, Lederschuhe, Remmidemmi-Tanzabende mit SS-Schergen und eine Tischtennisplatte. In den Baracken 18 und 19 des Konzentrationslagers Sachsenhausen lebten Häftlinge unter Erste-Klasse-Bedingungen in Isolationshaft. Es war das größte Geldfälscherunternehmen, das es jemals gegeben hatte.

"Diese ganze Geschichte ist voll von bizarren, grotesken, theatralischen Facetten. Ich würde mich gar nicht trauen, die zu erfinden", sagt Stefan Ruzowitzky im stern.de-Interview. Der österreichische Filmemacher ("Die Siebtelbauern", "Anatomie") hat Regie bei "Die Fälscher" geführt und auch das Drehbuch geschrieben. Der Film zeigt ein bis heute wenig beachtetes Kapitel des Dritten Reichs. Um den Markt zu überschwemmen und den Gegner zu schwächen, suchte sich SS-Sturmbannführer Bernhard Krüger in KZs jüdische Buchdrucker, Typografen und die Blüten herstellten. "Operation Bernhard" hieß der Coup, über 130 Millionen britische Pfundnoten wurden gedruckt, so täuschend ähnlich, dass selbst Experten der Britischen Zentralbank sie als echt deklarierten.

"Das Schwerste war nicht die Königin, sondern die feinen Schnörkel auf den Geldscheinen", sagt Adolf Burger. 90 Jahre alt ist er, bis auf einen weiteren Insassen ist der gebürtige Slowake der einzige Überlebende der Fälscher. Nüchtern und ohne Sentimentalität erzählt der rüstige Senior von seinen Erlebnissen im Konzentrationslager. Er zeigt seinen Unterarm, Häftling Nummer 64.401, eine Zahl für die Ewigkeit tätowiert. Der Kommunist kam 1942 ins KZ Birkenau, 26 Jahre jung. Seine Frau landete gleich in der Gaskammer. Burger wurde als Versuchskaninchen mit Typhus infiziert, magerte bis auf 35 Kilo ab, schlief im verlausten Pferdestall, hatte aber Glück im Unglück: Er arbeitet 18 Monate im Aufräumungskommando, sortierte die Habseligkeiten der Todgeweihten, Zahnbürsten, Seife, Schuhe, Kleider, Gabel, Messer, Löffel, Lebensmittel - das Essen war gesichert, aber psychisch jenseits humaner Maßstäbe, "800.000 habe ich ins Gas gehen sehen", sagt Burger.

In Wirklichkeit war Burger kein Held

Im Film spielt August Diehl den KZ-Häftling und Drucker Adolf Burger als einen prinzipientreuen Sturkopf, eine moralische Instanz, der nicht mit dem Nazis kooperieren will, die anderen durch seine Sabotage-Aktionen in Lebensgefahr bringt und sich so ständig in Diskussionen mit seinen Mitinsassen lieferte. Vorgänge, die nicht der Wahrheit entsprachen. Das schmeichelt Burger, aber er gibt freimütig zu: "Ich war kein Held. In Auschwitz hatte ich Angst vor Schlägen, weil sie mir die Zähne ausgetreten hatten." Als er eines Tages den Befehl bekam, nach dem morgendlichen Zählappell zum Lagerführer zu gehen, konnte er die ganze Nacht nicht schlafen. "Dann ist ein Wunder geschehen", sagt Burger über seine Versetzung. Als er in die Fälscherwerkstatt kam und die luxuriösen Bedingungen sah, fühlte er sich "wie ein Toter auf Urlaub". Wenn sie duschen gehen wollte, wurde für die normalen Häftlinge Lagersperre angeordnet. Spätestens da wurde ihnen klar, dass sie als menschliche Geheimwaffe der Nazis die Fälscherwerkstatt nie lebend verlassen sollten.

Ein Leben auf dem Pulverfass, trotz der vergleichsweise komfortablen Unterbringung. Kraft, viel zu diskutieren oder Widerstand zu leisten, hatten die Fälscher kaum, sagt Burger. Wenn einer der Fälscher nicht so funktionierte, wie er sich das vorstellte, machte SS-Sturmbannführer Krüger kurzen Prozess und erschoss denjenigen. Wie die anderen KZ-Insassen waren auch die Sonderhäftlinge waren froh um jeden Tag, den sie leben konnten. Trotzdem hat Regisseur Ruzowitzky sehr bewusst in seinem Film den Schwerpunkt auf den Konflikt zwischen purem Überleben und moralischer Verantwortung gelegt. "Für mich geht es da ganz stark um heutige, universelle Fragen. Darf man im KZ Pingpong spielen, während gleich nebenan Menschen zu Tode gefoltert werden?"

Selbst im KZ war der Meisterfälscher ein Außenseiter

Erst als sie nach Millionen falschen Pfundnoten auch noch den Dollar fälschen sollten, begann Sabotage. "Es war mein holländischer Vorarbeiter Abraham Jacobson, der sagte, dass sie nie den Dollar bekommen, sonst verlängern wir den Krieg", sagt Burger. Um die Druckvorlagen unbrauchbar zu machen, benützte er verdorbene Gelatine. SS-Sturmbannführer beschimpfte die Arbeiter als Dummköpfe und holte den russischen Meisterfälscher Salamon Smolianoff (im Film heißt er Salomon Sorowitsch) auch schon an der Herstellung der Pfundnoten beteiligt. Als nichtpolitischer Häftling war er ein Außenseiter, der Meisterfälscher, sagt Burger: "Alle haben sich von ihm abgesetzt, weil er einen grünen Winkel hatte, das bedeutet Krimineller. Ich konnte das nicht ertragen, also habe ich mich zu ihm gesetzt, wir wurden Freunde".

Verzögerungstaktik fruchtet

Auch diese Episoden verarbeitet Ruzowitzky im Film. Vier Drehbuchfassungen schickte er an Adolf Burger, "er war mir das wichtigste Korrektiv", so der Regisseur. Der bewahrte Ruzowitzky vor historisch relevanten Fehlern. Zugeständnisse an das Genre Spielfilm zu machen, fiel dem 90-Jährigen nicht allzu schwer. Schließlich deckt er sich mit seiner eigenen Motivation, nämlich die Erinnerung zu bewahren. Wie authentisch die Rekonstruktion der Fälscherwerkstatt, für die Ruzwitzky originale Druckmaschinen aus der Zeit aufgetrieben hatte, gelang, zeigt dieser Vorfall: Als Burger bei den Dreharbeiten in Babelsberg zu Gast war, sprach er den in Uniform gekleideten Schauspieler Devid Striesow wie gewohnt mit Sturmbannführer Krüger an.

Burger leiht sich Fotoapparat um das Grauen zu verewigen

Der Film endet mit der Befreiung der Fälscher im KZ Sachsenhausen - einer der eindringlichsten Szenen des Films, als die wohlgenährten Gelddrucker ihren ausgemergelten Lagergenossen gegenüberstehen und sie kaum überzeugen können, auch Nazi-Opfer zu sein. In Wirklichkeit verlegten die Nazis die Fälscher mitsamt ihren Geräten ins KZ Ebenhausen - ein letzter verzweifelter Versuch, mit den noch zu druckenden Dollars den "Endsieg" zu erzwingen.

Als die Fälscher am 5. Mai 1945 in Ebensee von den Amerikanern befreit wurden, ging Adolf Burger ins nächste Dorf, borgte sich einen Fotoapparat von den Bewohnern und fotografierte. Zehn Bilder hatte er zur Verfügung. Instinktiv hatte Burger gespürt, dass Erzählungen allein nicht reichen würden, um das Unfassbare deutlich zu machen. 20 Jahre ließ er seine Erinnerungen ruhen. Erst als die "Auschwitzlüge", die Leugnung des Völkermordes durch die Nazis, verbreitet wurde, entschloss er sich, seine Geschichte zu erzählen. Er sammelte Beweise, sammelte Dokumente, Fotos, gefälschte Pfundnoten, Briefmarken. Seitdem engagiert er sich, kämpft gegen das Vergessen, recherchiert in Archiven, hält Vorträge in Schulen, ist Vizepräsident vom Sachsenhausen-Komitees und ist im Komitee der Auschwitz-Häftlinge, hat ein Buch geschrieben, "Des Teufels Werkstatt". "Die Leute sollten erfahren, dass die Nazis nicht nur gemordet haben, sondern auch ganz gemeine Betrüger waren", so Burger.

Der Schatz im Toplitzsee

Um ihre Spuren zu verwischen, versenkten die Nazis kistenweise Falschgeld, Druckapparate und Akten in den Toplitzsee im steirischen Salzkammergut. Nach dem Krieg rankten sich Gerüchte um den angeblichen Nazischatz, der in dem idyllischen, aber schwer zugänglichen und sehr tiefen Bergsee liegen sollten. Bei dem Versuch, den angeblich dort lagernden Nazischatz zu bergen, blieb 1946 ein amerikanischer Taucher mit seinem Schlauch an einem der Baumstämme, die in 30 Meter Tiefe lagern, hängen, der riss ab, der Taucher starb.

1959 gelangte stern-Reporter Wolfgang Löhde an die Informationen, wo in etwa sich Blüten im See befänden. "Stern"-Erfinder Henri Nannen persönlich ordnete die Bergungsaktion an. VW-Busse mit aufgeklebten stern-Logos fuhren an den einsamen Bergsee auf, am Ufer wurde ein "Hauptquartier" in Form eines Klepper-Zwei-Mann-Zeltes aufgeschlagen. Als man die ersten Kisten aus dem See zog, fand man nicht nur Pfundnoten, sondern tonnenweise Geheimakten, unter anderem Tagebücher über Falschgeldherstellung, Einsatzbefehle für SS-Agenten, Anweisungen für Sprengungen von feindlichen Schiffen. Genug Material für politischen Sprengstoff. stern-Verleger Gerd Bucerius wurde die Angelegenheit zu heikel, er sagte die Aktion ab. Aus dem Material fertigte Löhde zusammen mit einem Redakteur eine 15-teilige Serie mit dem Titel "Geld wie Heu". "Mein Kollege Michael Horbach wurde einfach nicht fertig mit dem Lesen meiner Recherchen", sagt Reporter Wolfgang Löhde in einem Interview 2006 in einer österreichischen Zeitung über die Gründe für den Abbruch, die in der deutschen Presse zu allerlei Spekulationen führten, von Intervention durch den Bundesnachrichtendienst und führenden Unternehmern, die um ihren Ruf fürchteten, war die Rede.

Auch ein Kinofilm folgte: "Der Schatz vom Toplitzsee" unter der Regie von Franz Antel mit Gerd Fröbe in der Hauptrolle. Als die österreichische Gendamerie 1963 noch mal auf Suche ging, sprach die Metallsonde an. Was man vom Grund des Sees an die Oberfläche beförderte, waren zwei Blechschilder mit der Aufschrift "Der stern ist mutig, der stern ist aktuell", weitere Akten und die Blüten. Eine weitere Bergung im Jahre 2000, bei der auch Adolf Burger dabei war, förderte dann die restlichen Kisten zu Tage. Die Dokumente lagern in Archiven und harren ihrer vollständigen Auswertung.

Bei den Nürnberger Prozessen wurden die Drahtzieher der Fälscherwerkstatt nicht geahndet. Womöglich wäre Großbritannien bankrott gegangen, spekuliert Adolf Burger. Schließlich wurde in der Fälschwerkstatt Sachsenhausen rund 134 Millionen Pfund hergestellt, das Dreifache der Währungsreserven Großbritanniens. Auch SS-Sturmbannführer Krüger ging ohne Strafe aus. Er starb 1989 in Hamburg. Und Adolf Burger kämpft weiter gegen das Vergessen - auch "Die Fälscher" trägt einen Teil dazu bei.


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