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George Clooney Der Mann, der nichts falsch macht


Er war hier! Bei uns! Auf der Berlinale! George Clooney hat das Land in kollektive Verzückung versetzt. Warum ist dieser Mann der beliebteste Filmstar der Welt? Eine Spurensuche in Italien und Amerika.

Über die Geschichte mit der knallroten "Ape" müssen sie in Laglio heute noch grinsen. Das dreirädrige Lieferwägelchen, das wegen seines emsigen Gequäkes "Biene" heißt und eine italienische Legende ist, wurde eines Tages vor dem schmiedeeisernen Tor der Villa Oleandra abgeladen, nagelneu und mit einer Schleife gekrönt. Als Glücksbringer war das Geschenk gedacht, "für George", den prominenten Anwohner in der Via Regina 20. Spendiert hatte ihn eine rassige Schöne aus Salerno mit dem viel versprechenden Namen Rita Bellacosa. Sie war George Clooney ein paar Abende zuvor in "Harry's Bar" im Nachbarort Cernobbio über den Weg gelaufen, man hatte ein bisschen geflirtet und Rita dummerweise den Kopf verloren.

Doch der "Sexiest Man Alive" verweigerte übers Hauspersonal die Annahme der sperrigen Liebesgabe, und Rita greinte noch Wochen später darüber in sämtlichen Klatschblättern Italiens. Von Oriettas Friseursalon bis zum Tresen der "Bar Lanterna" aber war die Schadenfreude groß: "Selbst schuld, warum können diese Weiber unserem Nachbarn auch keine Ruhe lassen."

Wäre George Clooney das, was sie hier einen "stronzo" nennen, wäre alles anders. Wäre er ein Mistkerl, hätten die Leute aus Laglio kein Mitleid mit dem Superstar aus Hollywood, der vor dreieinhalb Jahren in ihr abgelegenes 900-Seelen-Dorf am Ufer des Comer Sees eingeschlagen war wie ein Meteorit. Kein gutes Haar würden sie lassen an Amerikas attraktivstem Grauschopf, wenn er hier den Mr. Wichtig gäbe. Stattdessen dies: verklärte Blicke auf dem Postamt, versonnenes Lächeln im Lebensmittelladen, kauziges Wohlwollen am Tresen von Signore Motti, dem Fleischer. Und ein Bürgermeister, der sagt: "Clooney ist dermaßen liebenswürdig, das ist uns fast schon unheimlich."

Die Liebe ist gegenseitig. Die gleiche Verklärung, das gleiche versonnene Lächeln, wenn der Mann aus Kentucky über seine Wahlheimat am Lago di Como spricht: "Dort zu leben ist das Romantischste, das Beste, was ich je für mich getan habe", wiederholt er wie ein Mantra, seit er 2002 die 25-Zimmer-Villa von Clifford Heinz aus dem Ketchup-Clan zum Schnäppchenpreis von sieben Millionen Euro erworben hat.

Denn das zartrosa Palais aus dem 17. Jahrhundert, mit Zypressenpark und eigenem Bootssteg, war für Clooney nicht nur finanziell ein Glücksgriff. Im Sommer 2003 verbrachte er erstmals mehr als ein Vierteljahr am Stück in seinem Anwesen am alpengesäumten See mit seinen spektakulären Belle-Epoque-Villen, stattete es mit 15 Schlafräumen, Pool, Fitnessstudio und Heimkino aus, platzierte Antiquitäten, schwere Teppiche und kostbare Altmeister in der Beletage und richtete im Erdgeschoss eine rustikale Taverne mit langen Holztischen ein.

Spätestens in jenem Sommer muss ihn der Virus der "Italianità" ereilt haben, der seit Goethe immer wieder reife Menschen in blinde Verzückung versetzt und als unheilbar gilt: "Italien ist die Liebe meines Lebens", schmachtet Clooney seither, posiert dabei gern mit Sehnsuchtsblick Richtung Lago auf seiner Samtcouch unter Lüstern und schwärmt vom "Sinn für Schönheit" seines Gastlands.

An seiner Wandlung zum sinnenfrohen Genießer lässt er alle Welt teilhaben: Clooney, der notorische "Schlamper", der angesichts der ihn umgebenden Ästhetik in seiner Villa zum "Reinlichkeitsfanatiker" mutiert. Signor George, einst FastFood-sozialisierter Schlinger, der heute mit Fausto, dem Wirt seines Lieblingslokals "Gatto Nero", beim Steinpilz-Risotto über die Vorzüge eines Brunello gegenüber denen eines Barbaresco philosophiert. "Hier nimmt man sich Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens - man zelebriert sie, statt sie einfach zu erledigen wie bei uns." Auf die Monate in Laglio, verriet er kürzlich der "Weltwoche", warte er "wie früher in der Schule auf die Sommerferien".

Dabei ist auch sein Alltag in Los Angeles derzeit eine Party, wörtlich zu nehmen und in jedem erdenklichen übertragenen Sinn. Im Grunde steht er kurz davor, Amerikas Nationalheiliger zu werden - oder doch Amerikas Liebling. Kein Schauspieler ziert derzeit so viele Titelblätter ("alle Magazine bis auf "National Geographic"", spottete liebevoll die "Los Angeles Times"), keiner wird so offensiv beschmatzt von Teenie-Mädchen bis zu graubärtigen politischen Kommentatoren.

Als Reinkarnation von Cary Grant gepriesen und von "Time" zu "Hollywoods führendem Linken" deklariert, gelang dem 44-Jährigen scheinbar mühelos der Sprung vom Sexsymbol zum Powerplayer. Plötzlich steht der ehemalige Fernseh-Doktor für die Rettung des Kinos: für Qualität und Idealismus, für Red-State-Blue-State-übergreifende Appelle an den An- und Verstand seiner Landsleute. Komiker machen sich bereits über die hemmungslose Anbetung lustig; in einem Cartoon nimmt ein breit grinsender George Clooney den George-Clooney-Preis entgegen, "der alljährlich an denjenigen verliehen wird, der George Clooney für den klügsten, sensibelsten, politisch weitsichtigsten Menschen der Welt hält".

Für drei weitere - und wenigstens echte - Preise wurde der Vielumschwärmte vorvergangenen Dienstag nominiert. Wobei nur einer der "Oscars" fürs Spielen wäre. Die andern beiden sind ernst: Sein Drehbuch zum Denkstück "Good Night, and Good Luck" (Start 6.4.) spielt während der Kommunistenhatz der McCarthy-Ära und ist doch eine aktuelle Warnung vor den Versuchen der Bush-Regierung, im "Krieg gegen den Terrorismus" die Bürgerrechte auszuhöhlen. Seine Inszenierung erschien der "Oscar"-Academy gleichfalls preiswürdig; "da wächst der nächste Costa-Gavras heran", sprach Steven Spielberg, offenbar auch im Clooney-Taumel.

"Ein Grund, weshalb ich nach Italien gegangen bin", gestand "Oscar's Golden Boy" noch vor zwei Jahren, "war sicher auch das Gefühl, im eigenen Land missverstanden zu sein." Als "Verräter" wurde er damals beschimpft, weil er sich gegen den Irak-Krieg aussprach, und der Talkshow-Moderator Bill O'Reilly, eine Art Löwenthal des US-Fernsehens, prophezeite geifernd das Ende seiner Karriere.

Das Gegenteil trat ein: Amerika, tief verunsichert über seinen Platz in der Welt, blickt dankbar nach Hollywood, das sich neuerdings wieder auf seine alte Rolle als sozialer Seismograf besinnt. Auf ein Kino, das nicht à la "Herr der Ringe" ins exotische Irgendwo entführt, sondern versucht, Herr der Dinge zu werden, die das Land umtreiben. Und Clooney, mit seinem klugen Film und seinen gelassenen Bekenntnissen, ein Liberaler zu sein (und stolz darauf!); Clooney mit seiner nicht immer eleganten, aber niemals unbeholfenen Kritik an Bush; Clooney mit seinen braunen Augen und dieser - also jetzt ganz objektiv - supersexy Stimme: Clooney kommt gerade recht.

Wirkte er auch nur einen Hauch ernsthafter, wäre der Spaß sofort vorbei. Sein Geheimnis ist das Leichte. Nicht predigen - witzeln. Nicht den Papst spielen, sondern Danny Ocean. In seinen politischen Ansichten und Bestrebungen ist Clooney gewiss nicht einen Deut weniger entschieden als, sagen wir, Sean Penn. Aber neben wem möchte man lieber während eines Wohltätigkeitsdinners sitzen?

Wenn er über einen Regisseur erfahre, dass er ein "Brüller" ist, sagte Clooney einmal, wolle er nicht mit ihm drehen, ob Traumrolle oder nicht. "Das Leben ist zu kurz." Er will es nett haben hienieden. Er hebt gern einen ("irische Vorfahren!"), liebt es, mit der Harley rumzudröhnen und eine rasch wechselnde Galerie an Girlfriends auszuführen; Teri Hatcher von den "Desperate Housewives" soll die neueste Eroberung sein. Die Frage nach der Ehe, es wäre die zweite, ist ein Running Gag in Interviews und wird vom begehrtesten Einzelstück Hollywoods so easy wie eisern weggelacht.

Immerhin räumt er ein, dass manche Liaison drüben in Old Europe an seinem noch immer dürftigen Italienisch scheitere. Künstlich zerknirscht erzählt er dann von einer heimischen Verehrerin, die Sache sei nach dem dritten Date eingeschlafen: "Ich begriff das Problem während eines Telefongesprächs, wenn man es überhaupt so nennen darf." Freches Grinsen. "Sie sagte nur: 'Oh Geoooooorge' - und ich: 'Oh duuuu!'"

Seine reiche Kumpelschar

überzieht er mit den blödesten Streichen, die ein erwachsener Mann sich ausdenken kann. Einem guten Freund, der sich Sorgen um seine kranke Katze und ihr hartnäckig gemiedenes Katzenklo machte, hinterließ er eine mächtige Bombe auf der Streu. Dem Kollegen Brad Pitt klebte er eine bemerkenswerte Information aufs Autoheck: "Kleiner Penis an Bord." Kürzlich, als er in New York Interviews zu seinem Politthriller "Syriana" gab, betrat er den Raum und sagte als Erstes, nach einem langen Blick auf seinen Leinwandpartner Matt Damon, der auf dem Flur vorbeiging: "Hat Matt nicht einen tollen Arsch?"

Er sieht nicht einen Tag jünger aus als 44; er sah schon mit 28 nicht jünger aus. In einer Welt der Buben - seine Freunde Pitt und Tom Cruise sind nur ein, zwei Jahre jünger und wirken dennoch, als kämen sie auf Skateboards zum Set - kommt er einem, Kindskopf hin oder her, auf völlig unverkrampfte Art und Weise erwachsen vor. In "Ocean's Twelve" macht er sogar Witzchen über sein so unjungenhaftes Äußeres. "Sehe ich wirklich aus wie 50?", fragt er empört einen seiner Ganoven. Und der zuckt die Achseln und antwortet: "Nur vom Hals aufwärts."

Ganz klar

ist es Nick und Nina Clooney zu verdanken, dass aus George kein "stronzo" wurde. Der Fernsehjournalist aus Kentucky ist der Bruder der in den 60er Jahren immens berühmten Sängerin Rosemary - und als solcher vor den Fallen der Berühmtheit gewarnt. "Verstört" habe die Familie damals auf Belästigungen von Fans und vor allem auf das plötzliche Fremdeln der Freunde reagiert. Sie seien "fleißige, normale Leute", sagt der heute 72-Jährige, der nach einem gescheiterten Anlauf in den US-Kongress vor zwei Jahren nun wieder Kolumnen über Weltpolitik und auch mal den weltberühmten Sohn in einer Tageszeitung schreibt. Als George sich über Bill O'Reillys Attacken beklagte, schnarrte Nick: "Musst du jetzt hungern? Kommst du jetzt ins Gefängnis? Stell dich doch nicht so an!" Seine Eltern, sagt der Junior heute brav, hätten ihn gelehrt, der Macht immer die Wahrheit entgegenzusetzen.

Daher war Nick Clooney hoch irritiert, als sein eigener Sohn, der als Kind in Papas Nachrichtensendung Teleprompter-Pappen hochhielt und an der Universität von Kentucky ein Journalismusstudium anfing, eines Tages verkündete, er wolle lieber Schauspieler werden. Nicht, dass es toll anfing für den jungen Akteur. Er trat in 15 Pilotfilmen für Fernsehserien auf, die nicht ausgestrahlt wurden, und fünfmal bewarb er sich für eine Nebenrolle in "Thelma and Louise", die schließlich an Brad Pitt ging. Seine bemerkenswertesten Leinwandpartner in jener Zeit waren Killertomaten. Erste Erfolge, mit der Ärzteserie "ER", hatte er erst mit über 30.

In seinem Büro auf dem Gelände von Warner Brothers in Burbank hängt ein Foto, das ihn an seinen peinlichsten Flop erinnert. Es zeigt ihn 1997 als "Batman", komplett mit den damals viel zitierten Gumminippeln am Flattermannkostüm. Noch heute antwortet er auf die Frage, ob er schon mal im Kino geweint habe: "Oh ja, bei der "Batman"-Premiere. Und dann weinte ich eine ganze Woche lang."

Damals habe er beschlossen, nicht einfach nur seinen Kopf hinzuhalten. Sondern ihn auch zu benützen. Er wolle nicht dereinst als alter Sack zwischen Cruise und Pitt sitzen und darauf hoffen, dass irgend so ein junger Regisseur eine Rolle für ihn hat. Mit seinem Freund, dem Regisseur Steven Soderbergh, gründete er eine Produktionsfirma, produziert seitdem eigene Stoffe. Vor drei Jahren begab er sich nach Washington und drehte eine TV-Dokumentationsreihe über die Strippenzieher und Kabelträger im Kapitol. Er wolle, sagt er manchmal mit überraschendem Ernst, etwas anderes hinterlassen als nur große, bunte Studiofilme, in denen er irgendeinen belanglosen Text aufsagt.

Hört er etwa auf

mit schauspielern? "Nein, ich muss ja Geld verdienen", sagt er an jenem Nachmittag in New York und grinst. Er trägt einen schwarzen Anzug, schwarzes Hemd, ist wieder schlank, nachdem er für "Syriana" die wohlpublizierten 15 Kilo zugenommen hat. Der ambitionierte und verwickelte Politthriller, der diese Woche auf der Berlinale gezeigt und die Stadt in Clooney-Taumel stürzen wird, liegt ihm am Herzen. Er spielt einen ausgelaugten CIA-Agenten in der Schusslinie zwischen "Big Oil"-Companies und Geheimdiensten; es geht um Korruption und die Abhängigkeit der Amerikaner vom Öl. Unternehmungen wie "Syriana", sagt Co-Produzent Clooney, könne er sich nur leisten, wenn Danny Ocean, seine finanziell bislang einträchtigste Filmfigur, immer wieder ein paar Raubzüge macht.

Das letzte Mal, als er mit "den Jungs" drehte, lud er die ganze erlesene Star-Crew zu sich ins Comer Idyll ein - Pitt, Damon, Julia Roberts, Catherine Zeta-Jones. Was für die Leute im Dorf zunächst wie ein Märchen klang, wurde schnell zum Alptraum: Schwärme kirrer Fans und entfesselte Paparazzi-Horden fielen zu Wasser und zu Lande über Laglio her, tagelang konnten selbst Anwohner die gesperrte Durchfahrtsstraße und das Seeufer nicht mehr nutzen. Wochen später herrschte schon wieder Ausnahmezustand, weil ihr Ehrenbürger, der in Europa mit Werbung für Sonnenbrillen und Martinis schnell mal 500 000 Dollar verdient, sein geliebtes Laglio als Drehort für einen TV-Spot ausgeguckt hatte: "Fiat Idea ab 12 500 Euro. George not included." Da fing es an zu grummeln im Ort.

Als hilfreich erwies sich da Clooneys Hang zu handgeschriebenen Briefen: Bei jedem der "freundlichsten und warmherzigsten Einwohner, die ich kenne" entschuldigte er sich im Oktober 2004 für die Unannehmlichkeiten, rühmte Laglio als "das schönste Städtchen der Welt" und unterzeichnete mit "Ihr Nachbar George Clooney". Die Leute waren gerührt und versöhnt.

Doch der Rummel beginnt Clooneys Italo-Bohème empfindlich zu stören. Kaum hat sich seine Ankunft herumgesprochen, belagern Fotografen und Groupies den Ort, nerven Clooney-Fans von ihren Booten aus selbst nachts noch mit "George-come-out!"-Chören. Der Angehimmelte ließ rund um die Villa Sichtblenden hochziehen, Überwachungskameras einbauen und den Zaun mit güldenen Speerspitzen aufrüsten. Seine abendlichen Aperitivo-Besuche in "Harry's Bar" an Cernobbios Strandpromenade sind seltener geworden, auch die Abstecher zum "Gatto Nero" hoch über dem See: Wo schon Rummenigge und Klinsmann schlemmten, hält Wirt Fausto bei Bedarf einen kleinen Saal mit atemberaubender Aussicht für Clooney und Company frei. Michael Douglas und Matt Damon hat sein Stammgast hier schon angeschleppt und sich hernach im Gästebuch artig bedankt: "Grazzi! It was a great night!"

Auch am Pool des Nobelhotels Villa d'Este, "wo wirklich tolle Frauen liegen", wie er Freunden anvertraute, ist Clooney nicht mehr aufgetaucht, seit sie ihn im vergangenen Sommer mit einer Handy-kamera beim Anbändeln mit einer glutäugigen Erbin aus Apulien abschossen: Die Bilder vom Techtelmechtel mit "Gianna Elvira" gingen um die Welt. "Ausgehen", klagt Clooney, sei leider auch in Italien "zu einem Riesenakt geworden".

Maurizio Gerosa,

Restaurantchef aus Como, würde da gern selbstlos aushelfen. Der Anfangsvierziger, eine ölige Clooney-Kopie, hat sich in der italienischen Klatschpresse bereits als Doppelgänger einen Namen gemacht, posiert mit Hingabe in Outfit und Pose seines Idols vor Touristenkameras. In einem Brief bot Maurizio dem "lieben George" seine Dienste als Clooney-Klon an, der nervige Groupies und Fotografen von ihm ablenken könne. Das Bewerbungsschreiben warf er eigenhändig im Briefkasten an der Via Regina 20 ein. Doch es erging ihm nicht besser als Rita mit ihrer feuerroten "Ape". Bislang hat George die Annahme verweigert.

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