Pixar-Disney Hollywoods trickreiche Hitfabrik


Zehn Filme, zehn Volltreffer: Auch die neueste Pixar-Produktion "Oben" räumt in den Kinos wieder kräftig ab. Was ist eigentlich das Erfolgsgeheimnis der Computertrick-Pioniere aus Kalifornien?
Von Karsten Lemm

Nein, sie haben es sich nicht leicht gemacht. Mehr als vier Jahre Arbeit stecken in "Oben", dem jüngsten Werk der Trickfilmschmiede Pixar. Und ehe es überhaupt richtig losgehen konnte für die mehr als 100 Grafiker, Trickzeichner, Softwarespezialisten und Technischen Direktoren, machte sich ein Teil von ihnen auf in den Urwald. Tagelang kämpften sich Regisseur Pete Docter, Produzent Jonas Rivera und ihre Kollegen durch das Hochland von Venezuela, um die magische Welt der Tepuis zu erkunden - so heißen die Tafelberge, umgeben von Regenwald, so abgeschieden, dass manche bis heute kein Menschen betreten hat. "Wir fanden, dass wir das alles erstmal selbst erleben müssen, wenn wir es in unserem Film karikieren wollen", sagt Rivera im Gespräch mit stern.de.

"Oben" erzählt die Geschichte eines 78-jährigen Witwers, der eines Tages mitsamt seinem Haus, das an Tausenden Luftballons hängt, einfach davonfliegt, weil er sich und seiner verstorbenen Frau ein Versprechen erfüllen will: einmal nach Südamerika reisen und die paradiesischen "Paradise Falls"-Wasserfälle besuchen. An seiner Seite: ein pummeliger achtjähriger Pfadfinderjunge und ein sprechender Hund. Auch damit haben es sich die Pixar-Kreativen nicht leicht gemacht. Ein grantiger Alter und ein übergewichtiges Kind taugen nicht unbedingt als Traumpaar, um Millionen ins Kino zu locken. "Wir wollen unsere Zuschauer an Orte mitnehmen, die sie noch nie gesehen haben", erklärt Rivera, "und Emotionen wachrufen, die man bei Trickfilmen sonst nicht kennt."

Sorge an der Wall Street

Das dürfte gelungen sein. In "Oben" ringt der Held gleich zu Beginn mit dem Tod seiner Frau. Sein Leben wird grau und trist. An einer Stelle fließen sogar ein paar Tropfen Blut - nicht gerade luftig-leichte Kinder-Unterhaltung à la "Toy Story" und "Monster AG". Zwar findet die Geschichte dann schnell ihren Weg in bunte Abenteuer, Kritiker überschlagen sich mit Lob, und als erster Trickfilm überhaupt durfte "Oben" im Mai die Filmfestspiele in Cannes eröffnen. Doch vor dem Start herrschte Skepsis. Spielzeugfabrikanten, T-Shirt-Designer und andere Merchandising-Partner zeigten am jüngsten Pixar-Werk so wenig Interesse, dass Wall-Street-Analysten - ohnehin nervlich etwas angespannt - schon Wochen vor dem US-Start im Frühjahr warnten, "Oben" könne nur abstürzen. Finanziell zumindest. "Verkaufen!" rieten sie mit Blick auf die Aktien der Pixar-Mutter Disney.

Die Sorge war unbegründet. In US-Kinos spielte "Oben" allein in den ersten drei Tagen 68 Millionen Dollar ein und entwickelte sich zu einem der wenigen Kassenmagneten des sonst eher mauen Sommers. Weltweit kamen schon jetzt 415 Millionen Dollar zusammen, gut 280 Millionen Euro. Das macht den Film, der nun auch in Deutschland Premiere feiert, zum zehnten Pixar-Hit in Serie. Seit "Toy Story" 1995 den Reigen eröffnete, haben die Trickfilmer aus Emeryville bei San Francisco sich keinen einzigen Fehltritt geleistet - weder an der Kinokasse noch in den Augen der Kritiker. "Pixar ist das erfolgreichste Filmstudio der Welt, kommerziell betrachtet ebenso wie unter künstlerischen Aspekten", sagt David A. Price, Autor des Buches "The Pixar Touch" (bisher nur auf Englisch erschienen).

In Hollywood, wo das Ansehen parallel zum Umsatz wächst, zählen vor allem die Rekordsummen, die Woody, Nemo, Wall-E & Co. über die Jahre eingespielt haben: Allein im Kino kamen weltweit fast fünf Milliarden Dollar (3,5 Milliarden Euro) zusammen, dazu verdienten die ersten neun Pixar-Produktionen noch bergeweise Geld durch DVD-Verkäufe, Spielzeug und andere Lizenz-Einnahmen. "Pixar ist der Gold-Standard", sagt Elizabeth Guider, Chefredakteurin des Fachblatts Hollywood-Reporter, "das einzige Studio, das mit jedem Film einen Volltreffer gelandet hat. Das ist in Hollywood ohne Beispiel."

Natürlich steigt mit dem Erfolg ...

... auch der Druck für die Filmemacher, gibt Jonas Rivera zu. Wer möchte schon gern den ersten Flop abliefern? "Wir spüren es jedes Mal", sagt der "Oben"-Produzent, "aber es gibt bei uns auch seit langem den Grundsatz: Wir behandeln jeden Film so, als sei es der Erste und der Letzte, an dem wir je arbeiten werden." Das fällt verständlicherweise leichter, wenn es um originelle Ideen geht. Fortsetzungen oder Verfilmungen von Comics und anderen Vorlagen waren bisher bei Pixar tabu. Mit Ausnahme von "Toy Story 2" setzten die Trickspezialisten konsequent auf neues, eigenes Material. Erst für 2010 steht mit Teil drei der "Toy Story" wieder Bekanntes auf dem Programm. "Normalerweise geht es in Hollywood darum, aus einem Hit das meiste herauszuholen", sagt Elizabeth Guider. So jagt dann ein Shrek den nächsten, und die Welt erfährt alles über Batman, Spiderman und Captain Kirk in jungen Jahren. Pixar dagegen "geht lieber eigene Wege und will Neues entdecken", so Guider, "das ist erfrischend."

Andere Studios mögen fertige Drehbücher oder Konzepte kaufen, die sie an Lohnschreiber weiterreichen. Pixar stellt das Hollywood-Prinzip auf den Kopf und gibt einem ausgewählten Kreis von Kreativen praktisch freie Hand: "Wir investieren in Menschen, nicht in Ideen", erklärt Docter, "und dann heißt es irgendwann: 'Jetzt bist du dran, lass dir was einfallen!'" Er selbst, ein fröhlicher, jungenhafter 41-Jähriger, war 1990 der dritte Trickzeichner, den das 1986 gegründete Studio einstellte, um Figuren, die anfangs nur aus Gittermustern im Computer bestehen, zum Leben zu erwecken.

Das kostspielige "Hobby" von Steve Jobs

Pixar versuchte damals noch, sich mit dem Verkauf von Grafikrechnern und Software sowie Spezialeffekten für Werbespots über Wasser zu halten. Erst der Erfolg von "Toy Story" brachte den Trickfilmpionieren den Durchbruch - sehr zur Erleichterung des Pixar-Eigentümers Steve Jobs. Der Apple-Mitgründer hatte die kleine Firma, die auf der Schnittstelle zwischen Kunst und Computerei lag, 1986 dem "Krieg der Sterne"-Vater George Lucas abgekauft, weil er glaubte, Spezialrechner für Grafikanwendungen könnten ein gigantisches Geschäft werden. Stattdessen kostete ihn sein "Hobby", wie er Pixar gern nannte, ein Vermögen. Nach 50 Millionen Dollar an Verlusten reichte es Jobs - er versuchte, die Pixel-Jongleure, die ihm nichts als Miese einbrachten, an den Meistbietenden zu verscherbeln. Für kurze Zeit verhandelte er 1994 sogar mit Microsoft, ehe er es sich anders überlegte und Pixar doch behielt.

"Er erkannte, was er an Pixar hatte", sagt Buchautor David Price, und mehr noch: Sobald sich abzeichnete, dass "Toy Story" ein Hit werden würde, fing Jobs an, seinen Vertriebspartner Disney zu Neuverhandlungen zu drängen. "Er hatte die unglaubliche Vision, dass Pixar ein gleichwertiger Partner sein könnte, nicht einfach nur ein Auftragnehmer", staunt Price. Bis vor drei Jahren verband die beiden Trickstudios eine höchst lukrative, bisweilen auch stürmische Ehe. Dann legte Disney gut sieben Milliarden Dollar auf den Tisch, um Pixar zu einem Teil des eigenen Imperiums zu machen. Es war ein Fall von "David schluckt Goliath": "Pixar ist Disney", urteilt "Hollywood Reporter"-Chefin Elizabeth Guider, zumindest soweit es das Trickfilmgeschäft des Traditionsstudios angehe. "Die Pixar-Leute haben das Sagen."

An der Spitze steht John Lasseter, mehrfacher Oscar-Preisträger, Regisseur der "Toy Story"-Filme und seit der Übernahme durch Disney sowohl Kreativchef bei Pixar als auch der Walt Disney Animation Studios. Der 52-jährige Vater von fünf Söhnen, ein Fan farbenfroher Familienunterhaltung ebenso wie kunterbunter Hawaii-Hemden, gilt den über 1200 Pixar-Mitarbeitern weniger als Chef denn als Leitfigur und guter Geist. "John hält schützend seine Hand über uns", sagt Jonas Rivera und grinst vergnügt. "Wir sitzen hier in Nordkalifornien und können mehr oder weniger machen, was wir wollen." Vorausgesetzt es wird gut, versteht sich.

Pixars schmutziges Geheimnis

Dass Pixar verlässlich Hits in Serie produziert, begründen alle Beteiligten in erster Linie mit gnadenloser Qualitätskontrolle. "Das schmutzige Geheimnis ist: Alle unsere Filme waren zu irgendeinem Zeitpunkt komplette Flops", erzählt Regisseur Pete Docter. Erst durch viel Arbeit, Geduld und Bereitschaft zu schonungsloser Kritik sei es noch jedes Mal gelungen, das vermeintliche Desaster zu verhindern. "Wir haben ein System entwickelt, bei dem wir immer wieder andere Regisseure aus dem Haus dazuholen, die genau hinschauen, Fragen stellen, Vorschläge machen", sagt Docter. "Das bedeutet viel Kritik - und viel Umschreiben."

Sein eigener Film "Oben" begann mit einem einzelnen Bild: Docter stellte sich vor, wie ein Haus an einer Handvoll Luftballons hängt und davonfliegt. Was folgte, war eine lange, mühevolle Suche nach der Geschichte, die hinter dem Bild stecken könnte. "Es ist ein etwas chaotischer Prozess, eine Entdeckungsreise, bei der man einfach seinem Instinkt trauen muss", erzählt der Regisseur. "Manchmal landet man dabei in einer Sackgasse, dann wieder wandert man in fruchtbare Täler." Allein das Ausarbeiten der Handlung, das Schreiben, Umschreiben und Entwerfen von Skizzen für ein Storyboard, dauerte mehr als ein Jahr - doch gedrängelt, versichert Docter, habe niemand. "Wir nehmen uns die Zeit, Fehler zu machen und auch mal eine falsche Abzweigung zu nehmen. Denn das ist der einzige Weg zum Ziel."


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