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Sacha Baron Cohen als "Brüno" Der Selbstzerstörer


Er hatte eine gute Zeit: die Augen im Ausschnitt von Madonna, die Hände an den Brüsten von Pamela Anderson und der Hintern im Gesicht von Eminem. Doch nach Ali G, Borat und nun Brüno im Leinwandformat ist der britische Komiker Sacha Baron Cohen durch mit seinem Alter-Ego-Theater. Und wir mit ihm. Ein vorübergehender Nachruf.
Von Sophie Albers

Ist Sacha Baron Cohen auch nur halb so brillant wie Kulturoptimisten gerne behaupten, dann wird der Komiker nach seiner pinkfarbenen Homophobie-Attacke "Brüno", die nun ins Kino kommt, erst einmal den Mund halten. Kein Musikvideo, kein neuer Film, keine weitere MTV-Award-Zeremonie, sondern eine Phase der Besinnung in einem seiner Anwesen in London oder Los Angeles, wo der öffentlichkeitsscheue 38-Jährige mit Freundin Isla Fisher und Tochter Olive lebt.

Brüno, der schwule Modejournalist aus Wien, der mit dem Ziel, der "berühmteste Österreicher seit Hitler" zu werden, nach Hollywood aufbricht, ist die neueste Attraktion im Extremhumorzirkus des Sacha Baron Cohen. Nach dem rassistischen und sexistischen Möchtegern-Gangstarapper Ali G aus einem Londoner Vorort und dem antisemitischen und frauenfeindlichen Borat aus Kasachstan geht nun der militant schwule, modebesessene Scheinwerferlicht-Junkie Brüno aus Wien auf Dummkopfjagd.

In Beverly Hills lässt er die Popsängerin und TV-Prominente Paula Abdul während eines Interviews auf mexikanischen Schwarzarbeitern Platz nehmen, hat aberwitzigen Schleudersex mit seinem schmalbrüstigen asiatischen Gespielen im Hotel, präsentiert in einer Talkshow sein Dritte-Welt-Baby, das er gegen seinen iPod eingetauscht hat, und lässt seinen Penis sprechen. Brüno macht da weiter, wo Borat aufgehört hat. Und genau das ist sein Ende.

Don't believe the hype

"Borat" hat der Zuschauer entweder laut lachend geliebt oder in tiefster Empörung gehasst. Dazwischen ließ der falsche Kasache auf seiner Amerikareise keinen Platz, wenn er mit brutalst möglicher Naivität und Ignoranz den dünnen Vorhang namens Zivilisation beiseite fegte und Fremdenhass, Sexismus und den ganzen Dreck an die vermeintlich saubere Oberfläche beförderte. Das Lachen über Tabubrüche und Dummheit der Anderen funktionierte bei Burschenschaftlern ebenso gut wie bei gut situierten Südstaatlern. Die "Borat"-Welle rollte und riss mit, was nicht Medienhype-resistent war.

Das ist zweieinhalb Jahre her, und Borat ist seitdem ein popkulturelles Phänomen in einer Reihe mit den Filmen von Michael Moore. So wie der "Fahrenheit 9/11"-Regisseur den Dokumentarfilm zum Dokutainment vergoldet hat, hat Baron Cohen der Satire eine Schockbehandlung verpasst, von der sie sich nie wieder erholen wird. Aber so wie Michael Moores Propaganda-Pop mit dem erhobenen Zeigefinger als Taktstock langweilig geworden ist, ist nun eben auch das "Ali G/ Borat/ Brüno"-Konzept bekannt: Falscher Extrem-Ignorant wiegt andere Ignoranten so lange in Sicherheit, bis sie offen zugeben, welche zu sein. Und weil man die Masche nun eben kennt, sieht es plötzlich etwas verkrampft aus, wenn "Brüno" auf der Leinwand schnuteziehend mit Gummidildos um sich schlägt.

260 Millionen Dollar

Brüno ist der letzte Charakter aus Baron Cohens wohlsortierter Klamaukkiste. Und angeblich hatte sich der Unterhaltungskonzern Universal bereits für 42,5 Millionen Dollar die Verwertungsrechte gesichert, als "Borat" noch nicht mal im Kino war, wo er mittlerweile mehr als 260 Millionen Dollar eingespielt hat.

Wie Ali G und der falsche Kasache entstand auch das schwule Fashionvictim, kurz nachdem Baron Cohen an der britischen Eliteuniversität Cambridge seinen Doktor in Geschichte gemacht und ein Jahr im Kibbuz in Israel gearbeitet hatte. Er stellte sich damals ein Ultimatum: Sollte er in den nächsten fünf Jahren keinen Erfolg als Schauspieler und Komiker haben, würde er sich etwas anderes suchen. Vielleicht doch die akademische Karriere, die sich seine Eltern - ein walisischer Kleiderhändler und eine israelische Aerobiclehrerin - für ihn gewünscht hatten. Musste er dann aber nicht.

Zwar flog er beim ersten TV-Sender, der ihn anstellte, wegen Ausstrahlung unangebrachter Kurzfilme aus Eigenherstellung schnell wieder raus, doch landete der Peter-Sellers-Fan schon bald in der "The 11 O'Clock Show", wo er seinen Charakter Ali G und dessen entlarvende Chaosinterviews mit Prominenten von Donald Trump bis Victoria Beckham perfektionierte. Zur Belohnung durfte der Trainingsanzug- und Goldkettenträger in Madonnas Video zu "Music" den Chauffeur spielen.

Brünos Beerdigung

In Großbritannien hatte der Möchtegern-Gangsta, der in Wahrheit ein Wohlstandskind ist, bald eine große Fangemeinde und ab 2000 eine eigene Show. In eben dieser "Ali G Show" traten auch Baron Cohens Alter Egos Borat und Brüno auf. Als erster schaffte Ali G den Sprung über den großen Teich und auf die große Leinwand. 2006 gelang Baron Cohen der von Streit und Klagen begleitete internationale Durchbruch mit "Borat". Und nun wird also "Brüno" abgewickelt.

Es wird ein schneller Tod sein. Erfolg ist für Baron Cohens Figuren Gift. Er wird in der westlichen Welt kaum noch jemanden finden, der sie nicht kennt, um seine Hardcore-Aufklärungsspielchen zu treiben. Der Ruhm ist wie ein eingebauter Selbstzerstörungsknopf. Deshalb ist Brünos Kinoabenteuer auch gleichzeitig seine Beerdigung. Doch ist dieser Augenblick des Todes auch der, in dem Sacha Baron Cohen wieder spannend werden könnte. Schließlich hat der Mann eine Vision. Auch wenn er ungern darüber spricht.

In einem seiner raren Interviews ohne Maske zitierte der gläubige Jude zum Thema Antisemitismus und "Borat" einst den angesehenen Historiker Ian Kershaw: "Der Weg nach Auschwitz war mit Gleichgültigkeit gepflastert", hat der einmal gesagt. "Es ist nicht sehr lustig, wenn ein Komiker über den Holocaust spricht", führte Baron Cohen aus, "aber es ist eine interessante Idee, das nicht jeder Deutsche ein durchgeknallter Antisemit sein musste. Sie mussten einfach nur gleichgültig sein." Wenn der Kampf gegen die Gleichgültigkeit Baron Cohens erklärtes Ziel ist, fällt ihm in seiner Denkpause nach "Brüno" sicherlich etwas gutes Neues ein. Der Mann hat schließlich Mut.


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