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Satire "Postal": Lachen lernen mit Dr. Boll

Der deutsche Regisseur Uwe Boll bringt seine politisch inkorrekte Brachial-Satire "Postal" in die Kinos. Während er sich in den USA mit juristischen Problemen herumschlägt, absolviert der Mainzer eine Deutschlandtour, um dem Publikum direkt im Kino zu erklären, was es zu erwarten hat.

Von Ralf Sander

Nachts in einem Hamburger Kino. Sneak Preview, ein Überraschungsfilm steht auf dem Programm. Die zahlenden Zuschauer wissen nicht, was sie erwartet. Ein paar Journalisten sind auch da. Die wissen, warum der bullige Mann mit den raspelkurzen Haaren in der dritten Reihe aufsteht, sich zum Publikum dreht und zu einer Rede über seine Sicht der Welt, über Krieg und Terror und Kunstfreiheit ansetzt. Die Ansprache ist rhetorisch nicht ausgefeilt, scheint aber von Herzen zu kommen. Alles geht ein wenig drunter und drüber. Dass die Computerspielverfilmung "Postal" (Deutschlandstart: 18.10.) gezeigt werden soll, erfahren die überraschungswilligen Spätkinogeher recht früh. Dass der Redner der Macher des Films selbst ist, vergisst er allerdings zu sagen. "Ich glaube, das ist der Regisseur", hört man eine Frau irgendwann flüstern. Als der promovierte Literaturwissenschaftler Uwe Boll seinen Kurzvortrag beendet, sind Zuschauer klüger und gewarnt zugleich: Er verspricht einen Kreuzzug gegen Political Correctness und Witze, die sonst niemand zu machen wage. Wegen der Schere im Kopf, und so. Aber Satire müsse alles dürfen.

Mit Sicherheit, fügt der 42-Jährige hinzu, werde der Film nicht jedem gefallen. Und während der Vorstellung noch ein Bierchen mehr zu trinken, sei auch nicht schlecht.

Eine größere Gruppe junger Männer vorn links im Kinosaal hätte dieser Aufforderung nicht bedurft, lässt Schnaps und Bier kreisen und scheint in froher Erwartung eines derben Vergnügens. Die anderen, auch die Journalisten, sind still. Keiner steht auf und meckert. Das ist nicht selbstverständlich.

Unorthodoxe Werbetournee

Uwe Bolls schlechtes Verhältnis zu Filmkritikern ist Legende (mehr dazu in dem Porträt: "Das Boll-Werk") und hat sich inzwischen als "Boll-Bashing" vor allem im Web verselbstständigt. Auch die einwöchige "Postal"-Tour durch Deutschland, die von der Kleinstadt Bingen über Würzburg, Bochum bis in die Großstädte Berlin und Hamburg führte und immer Sneak-Preview-Zuschauer und Journalisten in den Kinosälen versammelte, brachte einige Auseinandersetzungen mit sich. Einige Zuschauer beschimpften Boll in den Diskussionen im Anschluss an die Vorführung wegen der in ihren Augen mangelnden Qualität seiner bisherigen Filme. Dann erzählt Boll auch noch von einem Zeitungskritiker, der den Film nach einer Viertelstunde verlassen habe, sich aber hinterher mit ihm noch über selbigen unterhalten wollte: "Das ist doch totaler Blödsinn. Wie kann der den Film beurteilen, wenn er ihn nicht gesehen hat. Das macht er bei anderen Filmen doch auch nicht." Bei diesem Thema wirkt der Mainzer angespannt, das jahrelange "Boll-Bashing" hat Spuren hinterlassen. Nicht nur, weil es auch den kommerziellen Erfolg seiner Filme beeinflusst. Das Gefühl, ständig unfair beurteilt zu werden, ist wohl der Antrieb für diese eher unorthodoxe Promotour. Es geht auch darum, die möglicherweise schlechte Presse auszuhebeln und das Publikum, wenn es sich denn amüsiert, schon vorab als Mundpropagandaverteiler einzuspannen. Und die anwesenden Journalisten könnten sehen, dass das Volk lacht. Wenn es sich denn traut. Um durch politische Korrektheit verursachte Spaßhemmungen abzubauen, dabei soll Bolls Vorrede helfen. Sozusagen als Lachabsolution.

"Wenn Euch der Film gefällt", ruft Boll ins Hamburger Kino, als er kurz nach Filmbeginn den Saal verlässt und zum Flieger eilt, "dann erzählt es weiter. Und wenn nicht, Fresse halten." Das Publikum lacht.

Ein Drittel geht

Ob die zehn Leute, rund 40 sind im Kino, die den Film während der Vorstellung verlassen, Bolls Wunsch nachkommen werden? "Jedes mal ist rund ein Drittel des Publikums rausgegangen", erklärt Boll im Gespräch mit stern.de, "und ein Drittel liebt den Film. Weil das Publikum nicht wissen konnte, was es erwartet, sind solche extremen Reaktionen normal, finde ich."

Was erwartet denn Zuschauer denn nun?

"Going postal" bedeutet im Englischen "durchdrehen", auch "Amok laufen". Damit beschreibt der Titel ziemlich genau den Charakter des Films. Bolls Film ist ein satirischer, derber Großangriff mit dem Holzhammer auf alles, was irgendjemandem heilig sein könnte. 9/11, die Taliban, George W. Bush und Osama bin Laden, christliche Fundamentalisten, schützenswerte Randgruppen, Jobbewerbungsgespräche, Schulkinder, die Medien, deutsche Nazis und die amerikanische Unterschicht - alles wird aufs Bösartigste geschändet. Die Story ist krude: Der arbeitslose Verlierer Dude wohnt in einer abgewrackten Wohnwagensiedlung mit seiner unglaublich fetten Frau, die ihn mit jedem Mann betrügt, der in ihren Gravitationsbereich kommt. Eines Morgens muss er erst ein entwürdigendes Bewerbungsgespräch über sich ergehen lassen, und später auf dem Sozialamt läuft's auch nicht gut. Da kommt ein unmoralisches Angebot seines Onkels Dave gerade Recht, der als notgeiler Sektenführer ein Problem mit der Steuerfahndung hat. Es beginnt eine völlig abstruse Geschichte, in deren Verlauf unter anderem Daves Sektengroupies, Bin Laden und eine Gruppe debiler Taliban, ein Dorf voller Lederhosen-Nazis, der US-Präsident und jede Menge Waffen aufeinandertreffen. Und am Ende geht die Welt unter.

Kulturelle Geschmacksgrenzen

"Postal" ist immer irrsinnig und gnadenlos übertrieben, meistens geschmacklos und in seinen besten Szenen treffsicher und sehr witzig. Der Film funktioniert besonders dann, wenn politische oder gesellschaftliche Themen aufs Korn genommen werden. Allerdings leidet "Postal" unter Längen im Mittelteil und vor allem unter seiner gewaltigen Zotenquote. Schwallartig ergießen sich Sexscherze, Fäkalpointen und allerhand eklige Szenen von der Leinwand, die lustig zu finden Geschmacksache ist. Wer auf dergleichen nicht wirklich steht, muss ganz tapfer sein. Boll berichtet in diesem Zusammenhang von kulturellen Unterschieden: "Als ich den Film auf einigen amerikanischen Festivals gezeigt habe, hatte niemand Probleme mit den Witzen unter der Gürtellinie. Die regten sich über die politischen Anspielungen auf, zum Beispiel die Szene über die Piloten des World-Trade-Center-Attentats und die angebliche Freundschaft zwischen Bin Laden und Bush. In Deutschland ist es genau anders herum." Im Endeffekt benimmt sich "Postal" wie ein Derwisch in der Komödienabteilung einer Videothek: Grapscht nach Nonsense-Klassikern wie "Kentucky Fried Movie". Rast weiter zu aktuellen Referenz-Geschmacklosigkeiten wie "South Park" und "Borat". Reißt mit dem Hintern noch das Regal mit den Zotenorgien "American Pie" und "Road Trip" um. Und bewirft mit den DVDs diejenigen, die bestimmen wollen, was man zeigen darf und was nicht. Nicht jeder Wurf ist ein Treffer, aber manche schon. Und die tun weh.

"Die ganze Zielsetzung des Films war ja nicht, dass der Bildungsbürger sagt: 'Ach, was für eine nette Satire über Bush und Bin Laden' und dann nach Hause geht und sein Tässchen Tee trinkt", so Boll. Dass so etwas passiert, lässt sich mit Sicherheit ausschließen.