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Regisseur Uwe Boll: Das Boll-Werk

Darf man über 9/11 Witze machen? Der Film "Postal" tut genau dies - und sorgt in den USA für Empörung, obwohl nicht mal ein Starttermin feststeht. Regisseur ist der Deutsche Dr. phil. Uwe Boll, der sich auf Videospielverfilmungen spezialisiert hat - und Kritiker auch im Boxring trifft.

Von Ralf Sander

Zwei Männer sitzen im Cockpit eines Passagierflugzeugs. Der eine sagt mit arabischem Akzent: "Werden wir für diese Mission im Paradies eigentlich mit 99 oder 100 Jungfrauen belohnt?" "Lass uns Osama fragen", antwortet der andere. Doch der Anruf beim Terrorchef bringt eine böse Überraschung: Wegen des sprunghaften Anstiegs an Märtyrern gebe es Probleme mit der Jungfrauenversorgung - pro Mann könnten nur noch 20 garantiert werden. Die Männer gucken sich an. "Das war so nicht abgesprochen. Lass uns zu den Bahamas fliegen." Gerade als die Hijacker die Maschine auf neuen Kurs bringen wollen, brechen Passagiere die Cockpittür auf. Es kommt zum Kampf, das Flugzeug gerät außer Kontrolle - und stürzt ins World Trade Center.

Das ist die Eröffnungsszene des Films "Postal". Er hat noch keinen Starttermin, sorgt aber schon für einen Skandal in den USA. Respektlos sei das, schäumt die "New York Post", die größte Boulevardzeitung des Landes, und noch schlimmer: unpatriotisch! Zumindest dieser Vorwurf führt ins Leere, denn der Regisseur ist Deutscher: Uwe Boll. Und dem kommt die Aufregung gerade recht. "Das ist das Beste, das uns passieren kann", sagt sein Kommunikationsberater Hasso Mansfeld. Krawall und Uwe Boll, das passt schon lange zusammen: Der 41-Jährige verfilmt Videospiele mit Monstern, Vampiren und Zombies. Er erledigt von der Geldbeschaffung über die Regie bis zum Vertrieb alles selbst. Er wird vom Feuilleton meist ignoriert und im Internet gehasst.

Besuch eines Workaholics

Beim Treffen mit stern.de erscheint Boll verschnupft, einen Wollschal um den Hals, ein Körnerbrötchen in der Hand. Er ist eher klein, bullig, das angegraute Haar ist kurz geschoren. Zehn Jahre lang war Boll Amateurboxer. Er spricht schnell, gelegentlich rappeln englische Begriffe dazwischen, gesprochen mit starkem deutschem Akzent. Sein Auftreten wirkt natürlich, und auch Pressemann Mansfeld ist kein Schönredner. Die Kurzinfo, die er über Boll verschickt, lautet so: "Dr. Uwe Boll ist besessen vom Filme machen und arbeitet an sieben Tagen in der Woche. Er hat zwei Hunde, und er joggt."

Ein bisschen mehr zu erzählen gibt es schon: 1965 geboren in Wermelskirchen, aufgewachsen in Burscheid, zwischen Solingen und Bergisch Gladbach, lebt Boll heute in Mainz und Vancouver. In Kanada dreht er die meisten seiner Filme, weil es billiger ist als in den USA und die Filmförderung Geld beisteuert. Studium der Filmregie und Betriebswirtschaft, Dissertation in Literaturwissenschaft. In den 90ern Regisseur und Produzent. Ab 2000 Finanzierung über einen eigenen Medienfonds und der Erwerb von Filmlizenzen für Videospiele. Mehr als 260 Millionen Euro sammelte die Boll KG auf diesem Wege ein, von Zahnärzten, Anwälten und anderen, die ihre Steuerlast senken wollten. Zur Belohnung gab es für die Investoren einen Besuch am Set und eine Rolle als Komparse, als Sklave oder Betrunkener. Boll finanzierte mit dem Geld zunächst einige kleinere Projekte, darunter "Heart of America" (2003). Das sehenswerte Jugenddrama über einen Amoklauf an einer amerikanischen Highschool blieb unbeachtet. Im gleichen Jahr drehte Boll seine erste Videospielverfilmung: "House of the Dead".

Der Ärger begann.

Die Reaktionen auf "House of the Dead" waren katastrophal. Im Internet überboten sich Filmfans und -kritiker mit Verrissen. Boll fühlte sich ungerecht behandelt und schimpfte zurück in Foren, Chats, E-Mails: "Das ist ein Film über Zombies. Was erwarten die? 'Schindlers Liste'?". Und er legte zwei weitere verfilmte Games nach: "Alone in the Dark" und "BloodRayne" (beide 2005). Die Kritikerkriege gingen weiter, das Niveau fiel ins Bodenlose. Boll sei "der Goebbels der Videospielverfilmungen", finanziert mit "Nazi Money". Kurz: Er sei der schlechteste Regisseur der Welt.

Was nicht stimmt. Bei nüchterner Betrachtung dreht Boll normale Genrefilme. Mit wenig Geld, für junge Männer zwischen 18 und 30, die ein bisschen dreckige Unterhaltung wollen. Man kann über inhaltliche Schwächen spotten. Oder darüber streiten, ob die Filme den Kern der zugrunde liegenden Spiele treffen. Auch schauspielerisch ging viel schief. Was Boll auch zugibt. Er erzählt von missglückten Versuchen, bei "Alone in the Dark" zwei Drehbücher zu einem zu verschmelzen. Und beim Casting habe er nicht aufgepasst: "Da hatte plötzlich Tara Reid eine Hauptrolle. Die kann gar nix." Doch niemand, der das Nachtprogramm auf RTL2 und die Regale der Videotheken kennt, kann behaupten, diese Filme seien die schlechtesten der Welt. Dafür sind sie zu professionell gefilmt und produziert. Vielleicht hätte Boll sein "House of the Dead" mit ein paar Freunden und mehreren Pfund Hackfleisch im Keller seiner Eltern drehen sollen - dann wäre das Ergebnis heute vielleicht Kult. Mit Sicherheit hätte der Film dann aber keine 90 Millionen Dollar weltweit eingespielt, bei Kosten von sieben Millionen.

Der Kampf wird zum Selbstzweck

"Auf Boll einzuprügeln, hat sich zu einem eigenen Genre im Netz entwickelt", sagt Mannsfeld. "Es war völlig egal, was ich gemacht habe, es wurde immer verrissen", fügt Boll hinzu. In der Internet Movie Database, in der Filme von den Nutzern bewertet werden können, haben seine Werke extrem schlechte Wertungen - selbst jene, die noch nicht fertig gedreht sind. "Fuchsteufelswild hat mich aber erst gemacht, dass dieser Internet-Quatsch in die traditionellen Medien gewandert ist. Auch professionelle Journalisten haben sich nicht mehr mit den Filmen, sondern nur noch mit meiner Person beschäftigt", sagt Boll.

Auf der nächsten Seite lesen - und sehen - Sie, wie Boll Kritiker verprügelt, wie er einmal richtig großes Hollywoodkino machen konnte - und warum "Postal" überall auf der Welt zugleich schocken und amüsieren soll.

Mit einer bizarren Aktion wollte Boll im vergangenen September zum Befreiungsschlag ausholen. Im Boxring. "Raging Boll" gegen vier seiner härtesten Internetkritiker. Der Ex-Boxer gewann dreimal durch K.o., einmal schmiss der Gegner das Handtuch. "Nur einer von den Typen hat wirklich trainiert. Das sagt doch einiges über deren Mentalität aus", meint Boll. "Ich habe keine Lust mehr auf weitere Auseinandersetzungen." Aber es sieht nicht nach Frieden aus. Nach dem Kampf sagten einige der Verlierer, sie seien von einer PR-Aktion ausgegangen und hätten nicht mit einem echten Kampf gerechnet. Ein Publicitygag war die Boxerei tatsächlich, vermarktet vom Online-Casino Goldenpalace.com. Boll verteidigt sich: "Absurd. Es war klar angesagt, dass geboxt wird." Echte Schläge sind einfach werbewirksamer.

"Raging Boll" vermöbelt seine Kritiker

Ringen um Leinwände

Der Kampf mit den Kritikern ist vorerst beendet, ein anderer dauert an: Der Kampf um die Kinozuschauer. Der Gegner: die Verleihfirmen. Denn der Workaholic hat neue Filme fertig, darunter "In the Name of the King", sein Opus magnum, basierend auf dem Spiel "Dungeon Siege". 60 Millionen Dollar hat das Fantasyepos gekostet ("sieht aber aus wie 100 Millionen"), mehr als der bislang teuerste deutsche Film "Das Parfüm". Die Besetzung kann sich sehen lassen: Burt Reynolds, Leelee Sobieski, Ray Liotta, Kristanna Loken. Die Hauptrolle spielt Jason Statham, der sich durch die "Transporter"-Filme als aufstrebender Actionstar empfohlen hat. Als Boll einige Ausschnitte zeigt, wird er ganz aufgeregt. Er freut sich über die teuren Spezialeffekte ("Das ist photorealistisch!") und darüber, 60 statt 20 Tage Zeit für die Dreharbeiten zu haben und sich Boote, Hubschrauber und teure Kameratechnik leisten zu können. Nun muss das Geld wieder reinkommen, das schuldet er seinen Investoren und sich selbst. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird Fox den Film am 18. Oktober unter dem Titel "Schwerter des Königs - Dungeon Siege" in die Kinos bringen. Und in den USA? Da ist es schwierig. Boll will einen Vertriebsdeal, der ihn - wie in Europa - ab der ersten verkauften Kinokarte an den Erlösen beteiligt. Viele US-Studios veröffentlichen fremd produzierte Filme unter der Bedingung, dass sie zunächst ihre gesamten Kosten für Werbung und Kopien sowie eine Vertriebsgebühr zurückbekommen, bevor der erste Dollar an den Produzenten geht. "Ich kenne Abrechnungen anderer Filme. Häufig sind die Ausgaben zufällig genauso hoch wie die Einnahmen des Films. Darauf kann ich mich nicht einlassen", erzählt Boll. Die finanzielle Situation hat sich geändert. 2005 hat die Bundesregierung dem Steuersparmodell Medienfonds den Hahn zugedreht. Boll produziert nur noch einen Film mit den gesammelten Geldern: "Far Cry", wieder ein Videospiel, ein sehr erfolgreiches dazu. 2008 wird der Film erscheinen, der Erfolgsdruck ist hoch. Ansonsten werden schon mal kleinere Brötchen gebacken. Auch Auftragsarbeiten, die nur auf DVD erscheinen ("BloodRayne 2"), gehören dazu. Boll zuckt mit den Schultern: "Das ist eben Business".

Was darf Satire?

Richtig zuschlagen will der Ex-Boxer mit dem Film zum Spiel "Postal", dessen eingangs beschriebene Cockpitszene er stern.de gezeigt hat. Es gibt gleich mehrere Gründe, zur Skepsis: Das Spiel "Postal" hat einen schlimmen Ruf. Der Egoshooter ist technisch schlecht, extrem brutal und sehr dumm. Oder? "Ja, das Spiel war nicht besonders toll", sagt Boll, "was mich aber fasziniert hat, war das völlige Fehlen jeglicher Political Correctness. Ich meine, jetzt durch den Irakkrieg und den Terrorismus ist alles so fucked up. Das ist doch der perfekte Zeitpunkt für eine wirklich inkorrekte Komödie." In der Tradition von "Kentucky Fried Movie" und "Nackte Kanone" stehe "Postal", sagt der Regisseur, die Trailer lassen auch noch eine gehörige Portion "Southpark" und Splattercomedy a là "Braindead" vermuten. Wie der sinnlos herumballernde Verlierer Dude, der als Hauptfigur aus dem Spiel in den Film übernommen wurde, will Boll gegen alles und jeden schießen: "Wir müssen endlich die Schere aus dem Kopf herauskriegen. Satire muss alles dürfen." Die Taliban? Kiffende Idioten. Osama bin Laden? Lebt in den USA, wo er gemeinsam mit George W. Bush Versicherungsbetrug begeht. Und schließlich Bolls "Postal"-Auftritt - als er selbst: In Lederhosen spielt er einen Filmregisseur, dessen letzte Worte lauten: "Ich finanziere meine Filme mit Nazigold." Diese Szene ging übrigens dem Kritiker einer großen deutschen Zeitung zu weit, erzählt Boll. In den USA sind es die Witze über 9/11, die für Aufruhr sorgen. Und im Nahen Osten, wohin der Film bereits verkauft sei, gebe es bestimmt andere Szenen, die beleidigen und belustigen werden. Boll gibt sich überzeugt, dass Satire auf diese Weise global funktionieren kann. Wenn den Film jemand zu sehen bekommt. In den USA traut sich noch niemand so richtig, "Postal" ins Kino zu bringen. Deutschland ist da schon weiter: Starttermin ist der 27. September. Dann lässt sich überprüfen, ob Boll die mit Sicherheit zu erwartenden Prügel zu Recht erhält oder nicht.