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The Namesake: Von Kalkutta nach New York und zurück

In Mira Nairs anglo-indischem Familienepos "The Namesake" verflechten sich Ost und West. Doch dem Multi-Kulti-Curry hätte ein wenig mehr Schäfe gut getan.

Das Familiendrama "The Namesake" schildert über zwei Generationen hinweg die prekäre Balance zwischen Ost und West. Der junge Inder Ashoke Ganguli heiratet in Kalkutta in arrangierter Ehe die junge Sängerin Ashima und nimmt sie mit ins graue New York. Zwei Kinder werden geboren, doch die Handlung konzentriert sich auf den Weg des ältesten Sohnes Gogol, der sich von seinen traditionsbewussten Eltern distanziert. Erst nach einem Schicksalsschlag besinnt er sich auf seinen indischen Wurzeln. Das am 7. Juni anlaufende Drama basiert auf einem internationalen Bestseller und ist das bisher persönlichste Werk von Mira Nair, die selbst als 19-Jährige aus Neu-Delhi zum Harvard-Studium in die USA kam und als bekannteste anglo-indische Filmemacherin Pionierarbeit für das Weltkino leistete. Wer aber von ihrer Immigranten-Saga einen Beitrag zu jenem nach dem 11. September 2001 postulierten "Kampf der Kulturen" erwartet, wird eines Besseren belehrt.

Die Gangulis sind Einwanderer Erster Klasse, und der sanftmütige Mathematikprofessor Ashoke ist so sehr von West-Kultur geprägt, dass er seinen Erstgeborenen nach einem russischen Dichter nennt. Die Gründe für den Namen jedoch verschweigt er zunächst. Und so nimmt Sohn Gogol, der völlig aufgeht im zupackenden "American Way of Live", seinem Vater den russischen Namensvetter (The Namesake), dem das Image eines Depressiven und Wahnsinnigen anhaftet, ziemlich krumm und benennt sich um. Als Nick beginnt er eine viel versprechende Architektenkarriere und lässt zu Gunsten seiner schnieken blonden Freundin und ihrer reichen Familie seine "altmodischen" Eltern links liegen. Als Ashoke jedoch plötzlich stirbt, stürzt Gogol in eine tiefe Identitätskrise und trennt sich von Maxine. Das Wiedersehen mit einer entfernten Verwandten führt schließlich zur Freude der Mutter zu einer üppigen bengalischen Hochzeit, doch Gogols Rückgriff auf die Tradition erweist sich als Irrweg.

Tradition und Schuldgefühl

Die Zerrissenheit der Familie zwischen westlicher Individualität und konservativen Traditionen erscheint vor allem als ein fast lautloser, aber umso eindrücklicherer Generationenkonflikt. So sind Gogols Trauer und seine Schuldgefühle darüber, dass er sich seiner Eltern schämte, allgemein gültig. Die nicht wieder gut zu machende Entfremdung des Sohnes von seinem Vater und dessen Gogol-Rätsel bilden das dramatische Rückgrat des Filmes und verleihen ihm einen melancholischen Grundton. Anmutig-sinnliche Bilder kontrastieren zugleich die kalte Wahlheimat mit dem farbigen, brodelnden Indien, dem besonders Mutter Ashima (der wunderschöne Bollywood-Star Tabu) nachtrauert. Konkrete Reibungspunkte zwischen den Welten bleiben in Nairs subtiler und oft humorvoller Inszenierung beiläufige Streiflichter. Wenn etwa Teenager Gogol beim Familienbesuch in Kalkutta unbedingt joggen will, wirkt das inmitten der trägen Menschenmassen ziemlich gaga und führt beim nachrennenden Hausdiener fast zum Kollaps. Und Gogols Braut Moushumi, eine scharfzüngige Literatin, nimmt zwar spaßeshalber jene verschämten Posen ein, die man aus indischen Bollywood-Filmen kennt. Dabei ist die kleine Wuchtbrumme seit ihrer Pariser Studentenzeit unrettbar auf erotisches Laissez-faire geeicht.

Lammfromme Charaktere

Stereotyp bleibt jedoch Vorgängerin Maxine, die zu sehr in Richtung "dumme Gans" tendiert und bei der Beerdigung von Gogols Vater dauerlächelnd in jedes Fettnäpfchen tritt. Und es ist von Anfang an zu spüren, dass viele freche Roman-Details unter den Tisch fielen und Figuren zu kurz abgehakt werden. Dabei wollte die Regisseurin Mira Nair behutsam das Gefühl von Heimatlosigkeit anhand vielschichtiger Personen visualisieren. So hat man bei aller, auch optischer Brillanz das Gefühl, dass es dem Diaspora-Epos ein wenig an Fleisch auf den Rippen mangelt und die Charaktere allzu lammfromm daherkommen. Deshalb drücken manchmal Heimweh und Schicksal schwer aufs Zuschauergemüt: dieses Multi-Kulti-Curry könnte etwas mehr Chili vertragen.

Birgit Roschy/AP / AP