HOME

Tom-Hanks-Interview: "Ich könnte als Präsident kandidieren"

In der US-Politsatire "Der Krieg des Charlie Wilson" spielt Tom Hanks einen Politiker und Lebemann, der vom Whirlpool aus die Weltpolitik manipuliert. Im stern.de-Interview spricht der Superstar über seinen neuen Film - und erklärt, warum er das Regieren lieber anderen Leuten überlässt.

"Der Krieg des Charlie Wilson" erzählt die wahre Geschichte des unbekümmerten Playboys und Parlamentariers Charlie, der Anfang der 80er Jahre zu einem der wichtigsten Strippenzieher des afghanischen Bürgerkriegs wird. Angestachelt von der steinreichen Texanerin Joanne Herring (Julia Roberts) überzeugt er Washington beinahe im Alleingang, die finanzielle Unterstützung afghanischer Rebellen aufzustocken, um das Land von den sowjetischen Besatzern zu befreien. Der Film von Mike Nichols startet am 7. Februar in den deutschen Kinos. Neben Tom Hanks und Julia Roberts brilliert Philip Seymour Hoffman in der Rolle des frustierten CIA-Manns Gust Avrakotos.

In Ihrem neuen Film spielen Sie einen unbedeutenden Parlamentarier, der sich in eine heikle außenpolitische Mission einmischt und damit die die weitere politische Entwicklung in Afghanistan maßgeblich beeinflusst - gipfelnd in den schrecklichen Ereignissen des 11. September 2001. Wie stehen Sie zu diesem Charakter, den Sie darstellen?

An der Katastrophe vom 11. September trägt nicht Charlie Wilson die Schuld, sondern die Flugschulen in Miami - sie haben schließlich die Terroristen ausgebildet, die ins World Trade Center geflogen sind. Was Charlie Wilson damals in Pakistan und Afghanistan bewegte, ist eines von Tausend Kapiteln, das die westliche Welt verbockt hat. Washington hätte auf Charlie Wilson hören sollen. Ich bewundere den Mann. Er ist frei von jeder Art von Scheinheiligkeit. Er war ein Trinker, ein Frauenheld, und schreckte auch nicht vor Drogen zurück - aber er stand zu seinem Lotterleben. Ich habe ihn einmal gefragt: Wie hast du es denn bei diesem Lebensstil geschafft, immer wieder Wahlen zu gewinnen? Man könne alles über ihn sagen, antwortete er mir, auch dass er der schlechteste Kongressabgeordnete aller Zeiten sei. Er gebe ja zu, dass er seine Fehler habe, aber er habe sich immer durchgesetzt und gehalten, was er versprochen habe. Das nötigt mir Respekt ab. Auch deshalb ist der Mann für mich ein Held. Wie er versuche ich, mein Leben ohne Scheinheiligkeit und Heuchelei zu leben - was mir nicht immer gelingt, besonders wenn ich mit Journalisten rede. (lacht)

Haben Sie während der Dreharbeiten auch Chivas Regal getrunken wie Charlie Wilson?

Ich trinke nicht. Der Grund, warum ich immer stocknüchtern bin, ist, dass ich mich selbst total faszinierend finde. Während der Trinkszenen hab ich entweder Tee oder Ginger Ale mit Wasser geschluckt.

Wie stehen Sie zur derzeitigen politischen Situation?

Ich verrate Ihnen mal was: Ich hab schon gewählt. Allerdings war das Wahllokal geschlossen. Ich habe meine Stimme unter dem Türschlitz durchgeschoben.

Waren Sie da nicht zu früh dran?

Nein. Überhaupt nicht. Wir werden doch schon seit einem Jahr mit Wahlkampf überzogen. Wie kann ich da zu früh sein? Ich hab für Chris Todd gestimmt, weil er volles Haar trägt und vor dem Podium ein gutes Bild abgibt. Er hat das Zeug zum Präsidenten... Natürlich hab ich ihn nicht gewählt, aber was kann man schon machen?

Ich sehe keine großen Unterschiede zwischen den einzelnen Kandidaten. Ich glaube nur, dass bestimmte Dinge hier im Argen liegen und etwas unternommen werden muss. Wie Amerika das beschissenste Gesundheitssystem der Welt haben kann, ist mir völlig unbegreiflich. Wie kann Amerika das schlechteste Bildungssystem aller Industrienationen haben? Dass normale Amerikaner nicht mit dem Zug von einer Stadt in die andere fahren können... Das will mir einfach nicht in den Kopf.

Und wer kann die Probleme in Ihrem Land lösen?

Es gibt durchaus gute Politiker bei uns, manche sind Republikaner, manche sind Demokraten. Aber ich glaube, ihnen sind die Hände gebunden, aus Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann. Ich schlage Folgendes vor: Lasst uns eine Nachrichten-Sperre in Washington einführen. Die sollen ihre Arbeit machen und keine Statements darüber abgeben. Auf diese Weise würden sie vielleicht endlich etwas gebacken kriegen. Diese Clowns, Demokraten wie Republikaner, sind derart verliebt in die Fernsehkameras und Mikrofone, dass sie überhaupt nichts mehr auf die Reihe bekommen. Trotzdem muss man wählen gehen. Wer nicht wählt, ist ein Narr und sollte sich nicht beschweren. Man muss sich fragen, was die eigene Überzeugung ist, und dann herausfinden, was sich ändern soll. Und dann muss man die Leute wählen, die eine Chance haben, diese Dinge umzusetzen. Man wählt also nur eine Chance - aber das ist besser als nichts.

Warum kandidieren Sie nicht für ein öffentliches Amt? Tom Hanks als Präsident würde die Welt beruhigen.

Sicher könnte ich mich als Präsidentschaftskandidat aufstellen lassen, aber es interessiert mich nicht. Für jemanden, der so desinteressiert ist wie ich, gäbe das ein trauriges Ergebnis. Im Gegensatz zu mir ist Arnold ein "politisches Tier". Arnold Schwarzenegger, der Gouverneur von Kalifornien, hat eine Agenda, er will was bewegen und setzt sich durch. Was seine Politik betrifft, stimme ich nicht mit allem überein, aber ich bin beeindruckt von seiner Person.

Wie haben Sie es als Produzent von "Der Krieg des Charlie Wilson" geschafft, Julia Roberts wieder vor die Filmkamera zu locken?

Das haben wir Mike Nichols, dem Regisseur, zu verdanken. Seit ihrem gemeinsamen Film "Closer" hat er eine enge Beziehung zu Julia. Sie ist ein extrem ehrlicher und verlässlicher Mensch, erstklassig in jeder Hinsicht: professionell wie künstlerisch. Außerdem ist sie unkompliziert und offen. Sie weiß, wer sie ist. Und sie weiß, was sie will. Es gibt einen Grund dafür, dass sie so populär und geerdet ist: Weil für sie noch andere Dinge wichtig sind, als Schauspielerin in einem Film zu sein. Und das finde ich gut. Außerdem ist sie ja auch ganz hübsch anzusehen... Ich würde jederzeit wieder mit Julia arbeiten, egal wo, egal welches Projekt.

Sie haben die Hälfte Ihres Lebens hinter sich…

Was wollen Sie damit sagen? Werde ich 102 Jahre alt? Sind Sie Hellseherin?

Nein. Ich war nur mit meiner Frage noch nicht fertig... In diesem Film haben Sie Julia Roberts geküsst. Was haben Sie sonst noch für Träume?

Julia Roberts ein zweites mal zu küssen. Es war ja kein richtiger Zungenkuss. Mir hat sehr gefallen, wie sie mich in den Hintern kniff - ich hab mich seitdem nicht mehr geduscht (lacht). Ich war noch nie einer von den Typen, die große Ziele oder Träume haben. Ich glaube an das Glück, an glückliche Zufälle. Mein einzig wirkliches Ziel im Leben ist, mich leidenschaftlich für meine Arbeit und mein Leben einzusetzen und hoffentlich alles miteinander in Einklang zu bringen.

Da Sie offenbar kein erfolgsgetriebener Mensch sind, was würden Sie gerne machen, wenn Ihnen plötzlich viel Zeit zur Verfügung stünde?

Ich würde lernen, Bassgitarre zu spielen. Die hat nur vier Saiten und man spielt darauf auch keine Akkorde. Ist also leichter als eine richtige Gitarre. Und ich würde gerne Deutsch lernen, weil ich gehört habe, dass diese Sprache mit wenigen Worten auskommt (lacht) und man die Worte oft einfach bloß aneinanderhängt. Außerdem mag ich den Klang der deutschen Sprache. Als ich einmal in Deutschland ankam, wurde mir gesagt, dass man Ding, auf dem ich gelandet war, "Flugplatz" nennt. Für einen Amerikaner wie mich klingt das natürlich aufregend. Dann hatte ich zum Frühstück ein "flamen compot" (Pflaumenkompott). Ich würde gerne mit solchen Worten kommunizieren. Deutsch klingt für mich einfach faszinierend.

Sie haben von sich selbst einmal gesagt, Sie seien der netteste Typ in ganz Hollywood. Sie sind immer gut drauf. Was bringt Sie runter, was hilft Ihnen wieder hoch?

Ich lehne es ab mich zu langweilen. Ich nehme mir auch nicht einen ganzen Tag für die Presse frei, um mich dann mit euren Fragen zu langweilen. Und ich will andererseits auch euch nicht langweilen. Ich unterhalte. Was mich deprimiert, sind die ernsten Dinge des Lebens, zum Beispiel wenn meine Mutter krank wird und sterben könnte. Man sagt immer: "Das Leben ist zu kurz." Bla bla bla. Stimmt nicht. Das Leben ist lang. Und wenn man jeden Tag griesgrämig und missmutig verbringt, und das 79 Jahre lang… Für mich unvorstellbar. Das liegt mir nicht. Ich will faszinierend sein, und das ohne Chivas Regal. Warum man mich den nettesten Typen Hollywoods nennt? Weil ich niemanden langweile. Jetzt wissen Sie, wie ich ticke.

Interview: Frances Schönberger