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"Der Krieg des Charlie Wilson": "Das haben wir uns nicht ausgedacht"

In der US-Politsatire "Der Krieg des Charlie Wilson" spielt Tom Hanks einen koksenden, polygamen, heftig bechernden Kongressabgeordneten, der die Weltpolitik manipuliert. Doch was ist wirklich dran, an der Geschichte des Charlie Wilson?

Von Christoph Reuter

Ein Film ist ein Film ist ein Film. Und "Der Krieg des Charlie Wilson" ist überdies ein ziemlicher komischer Film: Ein koksender, polygamer, heftig bechernder Kongressabgeordneter, der im Trio mit einer millionenschweren Südstaatenschönheit und einem pöbelnden CIA-Agenten quasi im Alleingang die US-Regierung dazu bringt, die Mudschahedin gegen die sojwetischen Besatzer Afghanistans zum Sieg hochzurüsten.

"Das haben wir uns nicht ausgedacht", endete der Abspann eines Trailers, und die Macher haben recht: Alles hat sich tatsächlich so ereignet, damals, als kampflüsterne Mudschahedin in Tracht noch keine Terroristen waren, sondern "freedom fighters" mit ihren lustigen "freedom hats".

Tolstoi meets Kafka, inszeniert von Monthy Python

Doch so amüsant der Film ist - die Wirklichkeit war noch spannender und nicht minder komisch. Allein der Inhalt des 550 Seiten-Buch gleichen Namens, aus dem das Drehbuch destilliert wurde, hätte Stoff für eine ganze Wilson-Serie geboten - Tolstoi meets Kafka, inszeniert von Monthy Python. Alle Filmberichte erzählen derzeit dieselben Geschichten: vom demokratischen Abgeordneten Charlie "Good time" Wilson, der in der Fantasy Suite des Cesar's Palace in Las Vegas mit schönen Nackten im Whirlpool liegt und sich hinterher wegen des dort gesnieften Kokains vor Ermittlungsausschüssen rechtfertigen muss; von Joanna Herring, der blonden, millionenschweren Südstaatlerin, die Wilsons Libido und sein Herz für die Mudschahedin weckte, vom grantelnden CIA-Agenten Gust Avrakotos, der vor allem gegen seine eigene Firma kämpft und mit den anderen beiden den brennenden Wunsch teilt, Kommunisten zu killen. Oder die Episode von Caroll Shannon, ehemalige Miss Sea & Ski, Miss Humble Oil, Südstaatenschönheit, die gewissermaßen bauchtanzend aus ihrer langweiligen Ehe ausgebrochen war, nachdem Wilson die politische Karriere ihres Mannes ruiniert hatte und dann mit ihr ins Bett gegangen war. Sie war fest davon überzeugt, eine Wiedergeburt Nofretetes zu sein und betörte auf Wilsons Wunsch den ägyptischen Verteidigungsminister Mohammed Abu Ghazala beim Bauchtanz samt Schwert derart, dass die nervösen Leibwächter einschritten und Wilson immerzu beschwörend auf den Minister flüsterte: "nicht anfassen! Nicht anfassen!"

Parabel auf den faszinierenden Irrtum Amerikas

Doch die wirkliche Geschichte enthält noch mehr: Sie ist die Parabel auf den faszinierenden Irrtum Amerikas, vor 20 Jahren begriffen zu haben, wie sich in Afghanistan ein unklugerweise dort eingefallenes Imperium besiegen ließ - um heute den Kernfehler der Sowjets von damals zu wiederholen. Keiner glaubte in Carters und Reagans Regierung daran, die mächtige 40. Sowjetarmee mit über 130.000 Mann aus Afghanistan vertreiben zu können. Ronald Reagan sprach zwar vollmundig vom sowjetischen "Reich des Bösen", aber beschränkte seine Militärabenteur auf die Eroberung der winzigen Karibik-Insel Grenada und die heimliche Unterstützung der Contras: jener Söldnertruppe im Dschungel von Honduras, die den sowjetisch untersützten Sandinisten in Nicaragua die Macht wieder entreißen sollte. Reagans greiser, meist kaum verständlich murmelnder CIA-Chef William Casey wiederholte gebetsmühlenhaft: "Die Sowjetunion ist verwundbar. Wenn es Amerika gelingt, sie an einem Ort zu besiegen, wird es sie erschüttern. Dieser Ort wird Nicaragua sein!" Dorthin müsse das Geld fließen, zu den Contras. Fern von Moskaus Armeen. Krieg, so schien es, sollte dort geführt werden, wo er auch zu gewinnen war. Das schien in Afghanistan nicht der Fall zu sein.

Die Geschichte ging anders aus, die Contras sind ein fast vergessener Irrtum der Geschichte. Denn die USA, vereint mit dem pakistanischen Regime, die sich exklusiv um den Krieg vor Ort kümmerten, begriffen nach und nach, dass sie den perfekten Hebel gegen die sowjetische Militärmaschinerie gefunden hatten: Die Afghanen, Fehden, Kriege und Entbehrungen gewohnt, unterwarfen sich einfach nicht. Sie folgten keiner gemeinsamen Führung, die man ausschalten könnte. Die Sowjets bauten Straßen, Firmen, Schulen, ihre Version der "Win hearts and minds"-Kampagne. Die Mudschahedin ignorierten die Straßen, sprengten die Schulen und ermordeten die Lehrer - wie Jahre später die Taliban. Ohne Geld und Waffen aus Amerika und Pakistan hätten die "freedom fighters" nicht gewonnen - aber sie in die Unterwerfung zu zwingen, gelang den Sowjets auch nicht mit maßloser Grausamkeit und dreimal sovielen Soldaten wie der heutigen Truppengemeinschaft schon bevor die Dollarmillionen aus Washington flossen.

Millionen für Afghanistan

Im Herbst 1983 traf Wilson CIA-Chef William Casey. Der wollte abwiegeln, er hätte auch gern mehr Waffen für die Mudschahedin, aber leider kein Geld. "Mr. Director, Sie verstehen nicht", erwiderte Wilson: "Wir werden ihnen alle Mittel liefern, die Sie wollen. Ich zahle alles!" Casey schaute ihn an, als komme er von einem anderen Planeten. Nicht nur, dass ein Abgeordneter der CIA kein Geld wegnehmen wollte, sondern ihr welches aufdrängte; er wollte der CIA auch noch vorschreiben, welche Waffen sie davon kaufen sollte. Im Vergabeausschuss brachte Wilson ohne Gegenstimme 40 Millionen für Mittel zum Abschuss der sowjetischen Kampfhubschrauber durch. Casey verstand die Welt nicht mehr: Da versuchte er händeringend, Geld für den von Präsident Ronald Reagan so sehnlich gewünschten Feldzug der Contras zusammenzubekommen, stattdessen überhäufte Wilson ihn mit Millionen für Afghanistan.

Washington hatte verstanden. Und marschierte knapp 20 Jahre später in Afghanistan ein, um sich wenig später in der gleichen Rolle wie die Sowjets wiederzufinden. Und nicht zu verstehen, wieso sie noch so viele Taliban umbringen können und trotzdem nicht siegen. Ihre Freunde von damals sind ihre Todfeinde heute. Mudschahedin-Kommandeur Jalaludin Haqqani, für Charlie Wilson einst "das Gute in Menschengestalt", begegnete den Amerikanern nach dem 11.9.2001 wieder: als einer der wichtigsten Militärkommandeure der Taliban auf Platz 3 ihrer "most wanted"-Liste für Afghanistan. Sie haben ihn bis heute nicht gefasst.

Anderthalb Jahrzehnte Recherche für "Charlie Wilson's war"

Das Buch "Charlie Wilson's war", für das der amerikanische Fernsehjournalist George Crile anderthalb Jahrzehnte recherchierte, erzählt auch, wie Wilson es überhaupt gelang, in jene machtvollen "Appropriation Subcommittees" zu kommen, in denen die Milliarden für Waffenkäufe, Geheimdienste und Auslandshilfen vergeben werden. Der Lebemann Wilson aus kargen Verhältnissen war in den frühen Jahren seiner Kongresszeit zu einem der flammendsten Unterstützer Israels avanciert. Deren Lobby, allen voran die extrem einflussreiche Lobbyorganisation AIPAC war entzückt, zumal in Wilsons osttexanischer Heimat nicht mal jüdische Wähler wohnten. Ein echter Überzeugungstäter, der fortan großzügig mit Wahlkampfspenden und sonstiger Unterstützung bedacht wurde.

Joanne Herring war es auch, die Wilson mit Prinz Bandar zusammen brachte, dem saudischen Botschafter, der Washington buchstäblich zusammenkaufte: Diskret hatte er bereits zugestimmt, den Bürgerkrieg der Contras mit einer Million Dollar pro Monat zu unterstützen. Nun war er, nachdem Wilson dafür gesorgt hatte, dass Saudi Arabien ausgerechnet gegen Israels Willen AWACS-Aufklärungsflugzeuge bekam, bereit zu größerem: Jede Summe, die Washington für den Dschihad in Afghanistan aufbrachte, würde Saudi Arabien verdoppeln. Wilson führte seinen Privatkrieg - schmiedete Allianzen zwischen Geheimdienstchefs, Waffenhändlern und Staatsschefs verfeindeter Regime und bekriegte in den Anfangsjahren vor allem die CIA, die sich von diesem durchgedrehten Playboy nichts in Geschäft hereinreden lassen wollte, derweil Wilson seinerseits drohte, der CIA alle Mittel für die Contras zu streichen.

Es lief weit mehr aus dem Ruder, als im Film zu sehen ist

Es gibt aber auch Geschichten, die schafften es nicht in den Film. Zum Beispiel die des bis dato völlig unbekannten Kongressmitarbeiters Vaughn Forest, dem es auf Anhieb gelang, einen Termin mit CIA-Chef Casey zu bekommen, da sie beide dem ultrakatholischen Bund der "Tempelritter von Malta" angehörten. Auch die Geschichte von Wilsons Büroleiter Charlie Schnabel, der so begeistert vom Krieg war, dass er eines Nachts im melancholischen Vollrausch zum Islam konvertiert sein soll, hat es nicht in den Film geschafft.

Frappierende Parallelen zur Gegenwart

Liest man Charlie Wilsons ganze Geschichte, tauchen alte Bekannte in neuem Licht auf und ergeben sich immer wieder frappierende Parallelen zur Gegenwart. Da taucht Michail Gorbatschow, Konkursabwickler der Sowjetunion auf - aber nicht als gütiger Friedensengel, sondern als gnadenloser letzter KPDSU-Generalsekretär. Gorbatschow sendet jenen General Michail Zaitsev nach Kabul, der schon den Prager Frühling niedergeschlagen hat. Zaitsev habe ein Jahr Zeit, in Afghanistan mit allen Mitteln den Aufstand niederzuschlagen. Schon zuvor, auf der Beerdigung von KPDSU-Generalsekretär Tschernenko, hatte Gorbatschow Zia ul-Haq zur Seite genommen und ihm unverhohlen gedroht, Pakistan zu zerstören, falls dessen Unterstützung für die "Banditen" nicht aufhöre. Zia lächelte und leugnete alles. Schon damals, wie ein Vorbote späterer Irrtümer, tauchte auch Richard Perle auf: einer jener Neokonservativen Politiker, die nach dem 11.9.2001 die Regierung Bush in den Irak-Krieg lotsten in der absurden Annahme, das Land sei mit einer kleinen Streitmacht zu erobern und zu halten.

1985 kam Perle zu Gust Avrakotos und schlug vor, tausende sowjetischer Soldaten mittels Lautsprecher zum Überlaufen zu den Mudschaheddin zu bewegen und aus ihnen neue Armee zu bilden. Avrakotos zeigte im Nationalen Sicherheitsrat mit einer kleinen Diashow des Grauens, was sowjetischen Gefangenen geschah: Auf einem Bild war ein Soldat zu sehen, der von mehreren Afghanen vergewaltigt wird, auf dem nächsten baumelte eine kastrierte Leiche vom Geschützrohr eines Panzers, und so fort. Die Mudschaheddin, die keine Gefangenen machen, mussten mühsam überredet werden, wenigstens zwei lebende Soldaten bei ihren pakistanischen Instrukteuren abzuliefern: Einer hatte den Verstand verloren, der andere wollte alles, nur nicht mehr kämpfen. Die Idee von der Armee der Überläufer verschwand in den Schubladen. Richard Perle aber sollte 17 Jahre später doch noch dazu kommen, seine von keiner Realität getrübten Ideen mit dem Irak-Feldzug zu verwirklichen.

Vergesst die Nachrichten! Ignoriert die Interviews mit Politikern!

Angesichts des gegenwärtigen Washingtoner Kriegsgerassels angesichts Teherans zivilen Nuklearprogramms ist es auch erhellend nachzulesen, wie Wilson und die CIA jedesmal hilfreich einsprangen, wenn schon wieder ein pakistanischer Agent in den USA ertappt worden war, Equipment für die Entwicklung einer pakistanischen Nuklearwaffe beschafft zu haben. Denn allen damaligen Regierungsbeteuerungen und Gerichtsermittlungen zum Trotz: Die CIA und Ronald Reagans Regierung wussten die ganze Zeit vom Atombombenprojekt der Pakistanis und hat beiden Augen nicht nur fest geschlossen gehalten, sondern auch noch mitgeholfen zu verschleiern, wenn doch mal wieder etwas ruchbar wurde. Sei es die pakistanische Bombe, seien es die wiederholten Dementis Zia ul-Haqs in Moskau bei den in rascher Folge stattfindenden Beerdigungen der KPSDU-Generalsekretäre, dass Pakistan die Mudschahedin niemals, nieeemals unterstütze - alles Lüge.

Man lernt, wenn man die 550 Seiten des Buches liest: Vergesst die Nachrichten! Ignoriert die Interviews mit Politikern! Zumindest alle Statements der Washingtoner Regierung, alle Unschuldsbeteuerungen pakistanischer Militärdiktatoren (selbst wenn sie sich beim Interview noch so leutselig geben), vergesst alle flammenden Dementis wahlweise ägyptischer, syrischer oder israelischer Politiker! Fast alle Lüge. Als George W. Bush behauptet hat, Saddams Regime hätte Massenvernichtungswaffen und einen engen Draht zu al-Qaida unterhalten; oder wenn heute Pakistans Diktator Musharraf beschwört, man unterstütze die Taliban nicht; wenn Syriens Despotenspross Baschar al-Assad entrüstet von sich weist, dass sein Regime für die Mordkampagne an libanesischen Politikern verantwortlich sei - getrost ignorieren. Und darauf hoffen, dass 20 Jahre später irgendwer stolz in seinen Memoiren erzählt, wie clever man die Welt belogen habe.