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Toronto-Tagebuch: Kanada, das Kino und die Kanonen

Die Kanadier schwärmen gerne davon, wie sicher ihr Land sei im Vergleich zu den schießwütigen Nachbarn aus den USA. Doch die Festivalmacher in Toronto haben sich für den Wettbewerb genau die Filme ausgesucht, in denen besonders viel geschossen wird. Nun gab es das erste reale Opfer.

Von Matthias Schmidt, Toronto

Ein Verbrechen versetzt die Stadt in Aufregung. Am helllichten Tag wird ein junger Mann erschossen. Und dann aus einer Luxuslimousine bei voller Fahrt auf die Straße geworfen. Mitten hinein in die Rush Hour auf einem der am stärksten befahrenen Highways des Landes. Der Stau hat sich nach Stunden noch nicht aufgelöst, dutzende Zeugen haben Widersprüchliches gesehen. Mal soll eine Frau die Schüsse abgefeuert haben, mal ein Schwarzer. Die öffentliche Hinrichtung, der 49. Mord des Jahres, kommt denkbar ungelegen: Zwei Tage später soll in einem traditionellen Feierakt der Polizisten-Nachwuchs eingeschworen werden, direkt vor dem futuristischen Rathaus. To Serve And To Protect.

Hört sich an wie eine prächtige Ausgangsposition für einen Krimi, ist aber gerade tatsächlich in Toronto passiert. Und das auch noch zur Festivalzeit, während der man den vielen ausländischen Berichterstattern immer wieder vorschwärmt, wie sicher Kanada doch sei im Vergleich zu den schießwütigen Nachbarn aus den USA. Auch im Kino wurde in den letzten Tagen gern und oft eine Waffe gezogen. Beispielsweise im Polizeisolidaritätsdrama "Pride And Glory", in dem sich Edward Norton und Colin Farrell bemühen, die Grenze zwischen Gut und Böse möglichst schrankenlos zu gestalten. Im Western "Appaloosa" sowieso, schließlich wurde Amerika nur mit Hilfe von Handfeuerwaffen aus Indianerhand entrissen. Und dass ein amerikanisches Bombenentschärfungsteam in Bagdad im überwältigenden Actionthriller "The Hurt Locker" von Katherine Bigelow ohne Sturmgewehr auskommt, würde nicht mal die UNO einklagen.

Schwer bewaffnete Ganoven

Auch in der Gangster-Biographie "Public Enemy Number One", die die kriminelle Karriere von Jacques Mesrine (Vincent Cassel) verfolgt, ist der Kugelverbrauch enorm. Die Beweggründe und das bewegte Liebesleben (u.a. mit Cécile de France) des berüchtigten Franzosen werden jedoch wie eine flüchtig geschriebene Einkaufsliste abgehakt, bis man als Zuschauer vollends vergisst, warum man sich für den brutalen Unsympathen überhaupt interessieren sollte. Ganz zu Schweigen, warum man sich auch noch den zweiten Teil des überlangen Reißers antun sollte, der zum Festival aber noch nicht fertig war. Und in "What Doesn't Kill You" wollen zwei Bostoner Kleinganoven (Ethan Hawke und Mark Ruffalo) zurück auf den Weg der Tugend, wobei der schwer bewaffnete Überfall auf einen Geldtransporter nicht wirklich hilfreich ist.

Doch auch das Independent-Kino mit seinen vielen funktionsunfähigen Familien scheint ohne Schussgewalt nicht mehr überlebensfähig. "Lymelife" schildert den Alltag auf Long Island Ende der 70er Jahre, als eine Borreliose-Epidemie die Menschen in Hysterie versetzte. Doch die Brüder Scott und Jimmy (Rory und Kieran Culkin) machen sich mehr Sorgen über die Seitensprünge ihres Vaters (Alec Baldwin), die kurzen Röcke der Kleinstadt-Schönheit (Emma Roberts) und einen Jagdgewehr-vernarrten Nachbarn. Natürlich knallt es irgendwann.

Waffen auf der Leinwand, Jesus auf den Straßen

Selbst in der grundharmlosen Komödie "Management", in der sich Steve Zahn als Romantiker versucht und Jennifer Aniston als Schauspielerin, muss die eigentlich liebenswerte Story über die ungelenken Näherungsversuche eines Motel-Managers an eine durchreisende Businessfrau nach der Hälfte durch einen durchgedrehten Yogurt-Hersteller aufgepeppt werden, der mit seinem Gewehr wild um sich ballert. Für die Geschichte so überflüssig wie Reporter-Fragen an Aniston über ihr momentanes Verhältnis zu Brad Pitt.

Und in dem weithin unbefriedigenden "Uncertainty" geht es vor allem um die Schwierigkeiten eines jungen Paars (Lynn Collins und Joseph Gordon-Levitt, der in den Staaten schon als der nächste Heath Ledger gehypt wird), die richtigen, teils folgenschweren Entscheidungen zu treffen. Kind, ja oder nein? Wann davon der Mutter erzählen? Das gefundene Mobiltelefon behalten oder zurück geben? Zum emotionalen Stress kommt bald körperlicher, als der vermeintliche Handybesitzer vor ihren Augen... Na, nun raten Sie mal?

Am Ende dieser waffenstarrenden Kinotage wird man dann umso ungläubiger Zeuge einer Demonstration durch die Innenstadt von Toronto. "Jesus In The City" heißt es da auf großen Transparenten. Dahinter hüpfen und singen bunt gekleidete Menschen und bekunden, unterstützt von großen Lautsprechertürmen auf mehreren Sattelschleppern, lautstark ihre Begeisterung für den "King of Kings". Nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei. Und war trotzdem bemerkenswerter als all der Patronenhagel auf der Leinwand.