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Toronto-Tagebuch: Miesepeter und Spaßvögel zur Halbzeit

Beim Filmfest in Toronto scheinen die Hollywoodstars nur zwei Extreme zu kennen: Während sich Keira Knightley einsilbig gibt und Edward Norton mit verschränkten Armen seinen Film totdiskutiert, bleibt bei anderen Pressekonferenzen vor Lachen kein Auge trocken.

Von Matthias Schmidt, Toronto

Halbzeit in Toronto und allerhöchste Zeit für eine cineastische Tiefenanalyse. Nehmen wir mal den Film "Pride And Glory", ein Polizeithriller, der brutal, dreckig und schnell durchaus mit Klassikern des Genres oder mit modernen TV-Serien wie "The Shield"mithalten kann. Es handelt sich mal wieder um korrupte Cops, die sich in New York mit Schutzgeldzahlungen von Drogendealern eine willkommene zusätzliche Einkommens- und Machtquelle erschlossen haben. Das geht so lange gut, bis vier Kollegen in einem selbst geschaffenen Hinterhalt erschossen werden und ein Ermittler (Edward Norton) die kriminellen Machenschaften der Gesetzeshüter aufdeckt, in die leider auch sein Bruder (Noah Emmerich) und sein Schwager (Colin Farrell), beide genauso wie ihr Vater (Jon Voight) bei der Polizei, verwickelt sind.

Genug Material also für private und professionelle Fallstricke. "Die eigene Familie ist die schwierigste Arena, um die Wahrheit zu sagen, es ist besonders hart, ehrlich zu den Menschen zu sein, die dir nahe stehen", versucht Norton das Loyalitäts-Dilemma seiner Figur zu erklären. Der Film sei außerdem "tuned into the Zeitgeist", denn die Balance zwischen Individuum und Institution und die Frage, wie weit wir gehen dürfen, um uns selbst zu beschützen, beschäftigen gerade alle Amerikaner. Emmerich ergänzt: Ja, ja, die Gratwanderung zwischen Sicherheit und Freiheit sei inzwischen doch alltäglich. Deswegen bewundere er die Arbeit von Polizisten: "Sie arbeiten an den Rändern der Gesellschaft, am Abgrund zur Dunkelheit. Wenn ich einen Verrückten sehe, wechsle ich die Straßenseite, um von ihm weg zu kommen. Die Cops gehen direkt auf ihn zu."

Denkerstirn und Desinteresse bei den Größen Hollywoods

All das wurde auf der Pressekonferenz zum Film gesagt, die leider unentschuldigt ohne Farrell stattfinden musste. Doch Norton, blass, dünn und mit verschränkten Armen und Beinen Abwehrbereitschaft signalisierend, warf immer wieder die Denkerstirn in Falten, um in langsam und sorgfältig formulierten Sätzen den Film zu dekonstruieren. Das Feuilleton hätte seine wahre Freude an solchen Gesprächsrunden. Doch so viel Ernsthaftigkeit ist eher ungewöhnlich bei Pressekonferenzen, bei denen man oft wegen des Klick-Klack-Kamera-Dauerfeuers die Antworten der Stars sowieso nur halb versteht. Jede Andeutung einer Geste, eines Lächelns oder eines Positionswechsels in den Ledersesseln auf dem Podium wird von der Fotografenmeute gnadenlos festgehalten.

Kein Wunder, dass dann einem global umschwärmten It-Girl wie Keira Knightley auf ihrer Pressekonferenz nur mit Mühe ein Lächeln zu entlocken ist. Knightley - stylish wie immer im kurzen, dunkelgrünen Faltenrock und Bluse - wirkt offensichtlich gelangweilt und desinteressiert. Gefragt nach ihrer Vorbereitung auf die Rolle, antwortet sie bissig und denkbar knapp: "Vorstellungskraft". Sie ist in Toronto für "The Duchess", die opulent bebilderte Lebensgeschichte einer forschen Gräfin, die 1774 wegen ihrer extravaganten Kleider, ihrer politische Aktivitäten und auch einer außerehelichen Äffare für Klatsch und Schlagzeilen sorgte. Eine weitere kostümierte Paraderolle für Knightley, deren perfektem Gesicht ausführlich in Großaufnahmen gehuldigt wird. Trotz Ralph Fiennes als eiskaltem Ehemann und Charlotte Rampling als der ehrgeizigen Mutter der Gräfin: "The Duchess" ist zwar perfekt ausgestattet, erzählt aber leider nichts wirklich Neues über das Kino-Lieblingsthema, die Sorgen der Aristokratie.

Die Spaßmacher von Toronto

Wie gutgelaunt eine Pressekonferenz, selbst bei dämlichen Fragen, verlaufen kann, hatten kurz zuvor Viggo Mortensen und Ed Harris für den Western "Appaloosa" und Adrien Brody, Mark Ruffalo und Rachel Weisz für ihre Gaunerkomödie "The Brothers Bloom" bewiesen. Brody und der Regisseur Rian Johnson lobten eine Journalistin für ihren schicken Hut, sie könne die Rolle der Interviewerin gleich im nächsten Film spielen. Ruffalo schwärmte als Vegetarier über die Küche in Serbien, wo der Film größtenteils gedreht wurde: "Fleisch eingewickelt in Fleisch, sehr gut." Und Weisz amüsierte sich köstlich über eine Frage nach den Kussqualitäten von Brody: "Er ist natürlich wundervoll." Mortensen fiel bei einer Frage an seine Kollegin Renée Zellweger, ob sie die Tacos in New Mexico mochte, vor Lachen fast aus dem Stuhl. Und bei der abendlichen Premiere sprang er dann im hellgrauen Maßanzug voller Übermut über die Barrikaden, um den Fans auf der anderen Straßenseite Autogramme zu geben. Die Security war nicht begeistert.

Auch bei den anderen Premieren von Toronto reißt der Starreigen derweil nicht ab. Allein in den letzen beiden Tagen präsentierten sich auf diversen Galas neben Edward, Keira, Viggo und Adrien noch Kate Beckinsale, Alan Alda, Matt Damon, Mickey Rourke, Evan Rachel Wood, Jennifer Aniston, Antonio Banderas, Gael Garcia Bernal, Paris Hilton, Isabelle Huppert und Benicio Del Toro. Bei dieser Auswahl wird sicher so mancher Spaßvogel dabei sein.