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Wim Wenders zum 60.: Ein Mann mit vielen Leidenschaften

Für seine Bildsprache erntete Wim Wenders zahlreiche Auszeichnungen bei großen Filmfesten. Nun ist der international renommierte Regisseur 60 geworden.

Er nennt sich "berufsmäßiger Reisender". Er ist ein Künstler, der sich von Natur- und Stadtlandschaften fangen und unterwegs von Musik treiben lässt. Doch Wim Wenders ist weder Maler noch Musiker geworden, sondern einer der wichtigsten deutschen Filmregisseure mit großem internationalem Renommee. Seit den 70er Jahren fügt er immer wieder Geschichten von inneren Entdeckungsreisen mit eindrucksvollen Bildern und starken Sounds zu sehr persönlichen Suchexpeditionen auf der Leinwand zusammen. Am 14. August wurde Wenders 60 Jahre alt.

Neuer Film spielt in Westernlandschaft

Nach Jahren in den USA will er seinen nächsten Film wieder in Deutschland drehen. Doch seinem Prinzip, vor der ersten Klappe ausgiebig "on the road" Atmosphäre zu tanken, bleibt der Arztsohn aus Düsseldorf auch in der alten Heimat treu. Er müsse erst mal "in diesem Land ein bisschen herumfahren, bevor ich überhaupt das Recht habe, hier wieder einen Film zu machen", sagt Wenders, der mit seiner Frau Donata in Los Angeles und Berlin lebt. "Für mich ist das hier im Moment alles unbekannter als der amerikanische Westen, wo ich mich inzwischen richtig gut auskenne - besser als in Sachsen, Mecklenburg oder auch in Bayern." Wenders' neuer Film "Don't Come Knocking" (Kinostart 25.8.) spielt in der klassischen US-Westernlandschaft.

"Augen kann man nicht kaufen", hat Wenders einmal in seiner trockenen Art gesagt. Und der Reiz seiner besten Werke liegt in ganz besonderen Augenblicken: Wenn Bruno Ganz als Engel in "Der Himmel über Berlin" (1987) von der Berliner Siegessäule auf die entrückte Stadt hinabblickt; wenn Nastassja Kinski in "Paris, Texas" (1984) beschützt von einem roten Angorapullover ihre Seele entblößt; wenn Dennis Hopper in "Der amerikanische Freund" (1977) mit Cowboyhut und Stiefeln durch Hamburg stolziert wie über eine eigene Ranch; wenn die durchrunzelten Gesichter der Musiker im "Buena Vista Social Club" (1998) so würdevoll strahlen wie die Auto-Oldtimer auf den Straßen Havannas - das sind Kamera-Gemälde, die mehr erzählen als Worte.

Eine international ausgezeichnete Bildsprache

Seine Bildsprache hat Wim Wenders international berühmt gemacht. Eine Goldene Palme und viele andere Auszeichnungen bei den Filmfestspielen in Cannes, den Löwen von Venedig, den Silbernen Bären der Berlinale, etliche Deutsche Filmpreise, Oscar-Nominierungen und viele Ehrungen mehr sammelte er für sein Werk. Erst kürzlich wurde er als neues Mitglied in den Orden "Pour le mérite" aufgenommen. Er ist der einzige aus den Reihen der Erfinder des "Neuen Deutschen Films", der auch 30 Jahre nach dessen Blütezeit emsig fürs Kino produziert und einen Film nach dem anderen dreht - politische Dramen wie "Land of Plenty" (2004), Musik- und Dokumentarfilme wie "Buena Vista" oder "The Soul of a Man" (2003), Thriller wie "The Million Dollar Hotel" (2000), aber auch Werbespots für die Deutsche Bahn.

Mehr als 40 Werke hat er seit "Summer In The City" inszeniert, seinem Abschlussfilm 1970 nach dem Studium in München. Ein Jahr später gründete Wenders mit zwölf anderen den Filmverlag der Autoren und verfilmte das Buch "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" seines Freundes Peter Handke. Die Bezeichnung "Autorenfilm" wurde zum Gütezeichen für individuelle Werke jenseits kommerzieller Zwänge, für künstlerische Eigenständigkeit und Gestaltungswillen. Wenders bekam für seine Road Movies "Alice in den Städten" (1973) oder "Im Lauf der Zeit" (1976) viel Beachtung.

Ein Verfechter der digitalen Revolution

Sein erster Schritt in die USA wurde Ende der 70er Jahre zum Albtraum. Wenders sollte für Francis Ford Coppola den Krimi "Hammett" inszenieren, das Projekt zog sich über vier Jahre hin und wurde zum Fiasko. Doch während der "Hammett"-Krise entstanden in Amerika auch die Meisterwerke "Der Stand der Dinge" und "Paris, Texas". In den 90er Jahren widmete sich Wenders auch intensiv der technischen Zukunft des Kinos: "Ich bin ein großer Verfechter der digitalen Revolution."

Der oft so grüblerisch wirkende Filmemacher ist ein "überzeugter Christ" und Mann mit vielen Leidenschaften: Wenders porträtierte den japanischen Modekünstler Yohji Yamamoto ("Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten", 1989) und trägt mit Stolz dessen verzierte Jacken und Jeans. Und neben Mode ist Musik ohnehin auch privat sein Lieblingsthema. Wenders pflegt sehr produktive Freundschaften zu Künstlern wie Ry Cooder oder Bono von U2. Auf seiner eigenen Strandparty in Cannes kam er dieses Jahr zu den besten Soul- und Rockhits der 70er und 80er kaum von der Tanzfläche herunter.

Karin Zintz/DPA / DPA