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Hörbuch-Tipp

"Tyll" von Daniel Kehlmann: Forrest Gump im Dreißigjährigen Krieg

Was hat Till Eulenspiegel im Dreißigjährigen Krieg verloren? Eine ganze Menge! In Daniel Kehlmanns Roman "Tyll" ist der Narr das Bindeglied zwischen den verschiedenen Ständen und Konfessionen - und setzt den Erzählreigen erst in Gang.

"Tyll" von Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann versetzt in seinem historischen Roman "Tyll" den berühmten Gaukler Till Eulenspiegel in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs.

Worum geht es?

Der Dreißigjährige Krieg gehört zu den ganz großen Katastrophen, die sich auf deutschem Boden abgespielt haben. Ein Drittel der Bevölkerung kam dabei ums Leben, große Teile des Landes wurden verwüstet, die Menschen auf Jahrzehnte traumatisiert. In diesem Jahr jährt sich der Kriegsbeginn zum 400. Mal. Erfolgsautor ("Die Vermessung der Welt") hat in seinem neuen Roman "Tyll" einen besonderen Kniff gefunden, um aus dieser Zeit zu erzählen: Er verpflanzt den bekannten Schalk Till Eulenspiegel aus dem 14. ins 17. Jahrhundert und lässt ihn Zeuge des Dreißigjährigen Krieges werden. Wie ein Forrest Gump der Barock-Ära ist er in diesem Roman auf wundersame Weise bei vielen historisch bedeutenden Ereignissen anwesend. Er begleitet den "Winterkönig" Friedrich I. zu seinem Treffen mit dem schwedischen Monarchen Gustav Adolf. Trifft gleich mehrmals den Universalgelehrten Athanasius Kircher. Überlebt bei Zusmarshausen die letzte große Feldschlacht des Krieges. Und ist dabei, als Elisabeth Stuart in Osnabrück eine achte Kurfürstenwürde für ihren Sohn Karl Ludwig durchsetzt.

Der Narr spielt in diesem Buch eine wichtige Rolle, denn nur er ist in der Lage, an all diesen Geschehnissen teilzunehmen, nur er ist sowohl Königen wie Bettlern nahe und sorgt dafür, dass die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden kann. Eulenspiegel ist dabei nicht der Spaßmacher, als der er bekannt ist. Vielmehr wohnt ihm etwas Böses, Zynisches inne. Die Menschen scheint er nicht zu mögen, er beobachtet sie vielmehr, in seinen kalten Augen spiegelt sich die Grausamkeit des Schlachtens und Massensterbens sowie die Absurdität des Religionskrieges wider.

Wer spricht?

Der bekannte Schauspieler , der sich über die Jahre zu einem der besten deutschen Hörbuch-Sprechern entwickelt hat. In "Tyll" spielt er sein ganzes Können aus: Mit seiner Stimme erweckt er die vielen Charaktere zum Leben, Männer wie Frauen, Alte, Junge. Vor allem beherrscht der Sprecher die verschiedensten Dialekte. Wenn Noethen das Gespräch eines Wiener und eines Franken während einer Feldschlacht wiedergibt, ist das schon große humoristische Kunst.

"Tyll" von Daniel Kehlmann

"Tyll" von Daniel Kehlmann

Das Hörbuch wird gelesen von Ulrich Noethen, dauert 11 Stunden und 15 Minuten und ist bei Audible erhältlich.

Warum lohnt sich das Hörbuch?

Literarisch hochwertige Romane über den Dreißigjährigen  gibt es einige. Grimmelshausen, Günter Grass, Alfred Döblin - sie alle haben sich mit dieser Epoche beschäftigt. Allerdings in einer Sprache, die aus dem 17. Jahrhundert stammt oder dem barocken Deutsch nachempfunden ist. Kehlmann hat die Sprache von allem Tand befreit und erzählt in einer schnörkellosen Prosa, was dem Fluss der Geschichte zugute kommt. En passant bekommt der Hörer viel historisches Wissen mit auf den Weg.

Was stört?

Daniel Kehlmann erzählt Kaleidoskop-artig, springt immer wieder in den Zeiten vor und zurück, wechselt häufig Orte und Perspektiven. Mitunter fällt es in der Hörbuch-Version schwer, den Überblick zu behalten, wann und wo sich die Szene abspielt. Wer hier kurzzeitig unkonzentriert ist, könnte in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges verloren gehen.

Für wen eignet sich das Hörbuch?

Sie lieben gut erzählte Geschichten? Lassen sich von Literatur gerne in ferne Zeiten transportieren und mögen es, die Welt mit anderen Augen zu sehen? Dann ist "Tyll" das ideale Hörbuch für Sie.