Gestern Abend liefen sie sich schon mal warm. Anna Wintour hatte zu einer kleinen „pre-Met-Gala-Party“ geladen, zu sich nach Hause in die Sullivan Street in Manhattan. Die langjährige Chefin der „Vogue“ besitzt dort ein hübsches Townhouse, grau gestrichen mit hohen Fenstern, und vor dem fuhren nun vor: Donatella Versace in goldener Abendrobe, Zoë Kravitz mit neuem Verlobungsring von Harry Styles, Sabrina Carpenter im kleinen Schwarzen – und natürlich Jeff Bezos und seine Gattin Lauren Sánchez Bezos. Sie in einem langen roten Rock und kurzärmeligem Blazer, tief dekolletiert; anders geht die Lady ja selten aus dem Haus.
Auf dem Gehweg pfiffen sogleich ein paar vorbeilaufende New Yorker, aber nicht wegen ihres Ausschnitts, sondern wegen ihres Mannes: Die New Yorker sind keine Fans des Amazon-Gründers. Doch Jeff Bezos hat sich in diesem Jahr in die Met Gala eingekauft, um ihr Co-Gastgeber sein zu dürfen: Die von Anna Wintour organisierte Spendengala für den Modeflügel des Metropolitan Museum of Art findet immer am ersten Montag im Mai statt. Sie ist ein großes Schaulaufen der Schönen und Berühmten – und nun auch der Superreichen. Jeff Bezos soll die Met Gala mit zehn Millionen US-Dollar gesponsert haben, wie die „New York Post“ jetzt enthüllte, damit er und seine Frau die Gala-Gäste begrüßen dürfen; neben Beyoncé, Nicole Kidman, Ex-Tennisstar Venus Williams und Wintour selbst.
Die New Yorker aber wollen Bezos nicht in ihrer Stadt haben, nicht in ihrem altehrwürdigen Museum. Sie haben Manhattan zugepflastert mit Protestplakaten, auf denen steht: „Boykottiert die Met Gala von Bezos.“ Denn: „Jeff Bezos drückt sich davor, Steuern zu zahlen, unterstützt die Einwanderungsbehörde ICE und hält zu Trump.“ Ein anderes Plakat zeigt eine scheinbar mit Urin gefüllte Flasche auf einem roten Teppich, dazu die Aufschrift: „Die Bezos Met Gala – präsentiert von der Ausbeutung von Arbeitern.“ Schließlich hatte Amazon zugeben müssen, dass einige seiner Fahrerinnen und Fahrer manchmal gezwungen wurden, mangels Toiletten in Flaschen zu urinieren. Kein schönes Thema.
„Die Bezos’ sind nicht das, wofür die Met Gala steht“
Dabei ist die Met Gala eigentlich ein Inbegriff der Schönheit, feiert sie doch die Mode und deren Geschichte und Kreativität. Viele Modemenschen finden Anna Wintours Gebandel mit Bezos und seiner Frau deshalb auch ein wenig geschmacklos. „Die beiden sind nicht das, wofür die Met Gala steht“, so ein Insider zur „New York Post“. Eine regelmäßige Besucherin der Gala sagte dem Blatt: „Ich bin untröstlich. Es geht darum, sich in die Gunst von Anna und der Met einzukaufen.“
Nun sind die Zeiten natürlich lange vorbei, in denen die Met Gala eine romantische Gala der Modebranche für den guten Zweck war. Wie 1973, als sie erstmals ein Thema hatte – eine Retrospektive von Cristóbal Balenciaga; der spanische Designer war im Jahr zuvor gestorben. In den Neunzigern mischten sich dann New Yorker Society-Größen wie die Kennedys bei der Met Gala unter die Fashion-Crowd, doch das Ganze blieb eher eine lokale Sause für Modedesigner und Models. 1995 aber übernahm Anna Wintour die Veranstaltung – und die Met Gala wuchs und lockte immer mehr Superstars aus Film, Sport und Musik an. All die Menschen, die Wintour auch aufs Cover der „Vogue“ hob.
Das Internet tat sein Übriges – aus einer netten Gala wurde ein weltweit beachtetes Modeevent; mit Ticketpreisen von 100.000 Dollar und einem roten Teppich, auf dem jeder Look fotografiert, analysiert und in Echtzeit diskutiert wird.
Dass nun Jeff Bezos und Lauren Sánchez Bezos bei der Met Gala flanieren, ist nur die logische Konsequenz und passt zu den USA unter Donald Trump. „Die Bezos’ verkörpern derzeit den amerikanischen Traum von Status, Reichtum und Stil“, so der ehemalige „Vogue“-Chefredakteur William Norwich. „Sie stellen ihren Konsum zur Schau und haben das Anna-Wintour-OK.“
Im Netz wird die Met Gala jetzt spöttisch „Bezos Ball“ genannt. Oder „Amazon Prime Gala“. Mal sehen, was sich die Anti-Bezos-Plakatkleber von Manhattan heute Abend dafür überlegt haben. Vielleicht fliegen ein paar Eier über die weitreichenden Absperrungen. Und ein paar Flaschen mit gelber Flüssigkeit.