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Aktionskünster-Ausstellung: Da ist der Wurm drin

Er stellt Häuser auf den Kopf, bläht Autos zu Fett-Monstern auf. Mit seinen Anweisungen zu spontan-absurden Handlungen und seinen Wortsinn-Objekten hat der österreichische Aktionskünstler Erwin Wurm die Gattung Skulptur auf humorvolle Art erweitert.

Ein Haus, das auf dem Kopf steht. Ein Mann, der die Erdkugel verschluckt: Der österreichische Künstler Erwin Wurm stellt mit seinen eigenwilligen Skulpturen die Welt auf den Kopf. Bei Wurm, der vor allem mit seinen "One Minute Sculptures" international bekannt wurde, kann alles zum Kunstwerk werden: Handlungen, Gedanken und sogar Menschen. Für seine Retrospektive "Das lächerliche Leben eines ernsten Menschen. Das ernste Leben eines lächerlichen Menschen" in den Hamburger Deichtorhallen hat er Extra-Skulpturen angefertigt.

"Es geht um die Schwierigkeit, das Leben zu meistern. Egal, ob mit einer Diät oder mit einer Philosophie", fasst Wurm die Intention seiner Werke zusammen. In seinen Arbeiten greift er Themen des Alltags auf: Schlankheitswahn und Fettsucht, Mode, Werbung und Konsumkult, zu dessen zentralen Fetischen das Eigenheim und das Auto zählen. "Ich bin ein sehr politisch denkender Mensch, aber kein politischer Künstler. Ich setze den Humor auch als Waffe ein, indem ich den Alltag aus einer anderen Perspektive zeige", sagt Wurm. Dabei ist die Welt sein Material. "Es interessiert mich, die Dinge auf den Kopf zu stellen und so auf neue Realitäten zu stoßen."

In seiner neuesten Arbeit, die speziell für die Situation in der großen Deichtorhalle geschaffen wurde, nimmt Wurm dieses Motto wörtlich. Ein Einfamilienhaus steht - leicht gedreht - auf dem Kopf. Blickt man durch eines der geöffneten Fenster ins Wohnzimmer, schwirren dem Besucher die Sinne: der Fernseher hängt verkehrt herum von der Decke, die Bilder ebenso. Das Kunstwerk trägt den Titel "Herr Krause kommt nach Hause nach der Sause". Auch der gebrauchte Kleinbus der Marke Volkswagen, der in der Mitte um 90 Grad nach links gebogen ist, verwirrt die Besucher. Angeblich hat ein indischer Guru allein Kraft seiner Gedanken dieses Werk vollbracht.

Wurm inspirierte die Chili Peppers zum Video

Mit seinen "One minute sculptures" erfand Wurm einen neuen Skulpturentyp, der auch die Band Red Hot Chili Peppers zu ihrem Video "Can't Stop" inspirierte. Dabei gibt der Künstler dem Publikum skurrile Anweisungen und lässt sie so zu einem Kunstwerk von einer Minute Dauer werden - festgehalten mit einem Foto. In "Keep a cool head" etwa sollen die Ausstellungsbesucher die Aufforderung wörtlich nehmen und ihren Kopf in einen Kühlschrank stecken. In dem Werk "Confessional" (Beichtstuhl) sollen jeweils zwei Besucher ihren Kopf in eine Hundehütte stecken: Wenn das Publikum Wurms Aufforderung zum Mitmachen befolgt, findet es sich schnell in den absurdesten Situationen wieder.

Hinter all den humorvollen Aktionen steckt viel Gesellschaftskritik. In den Installationen aus der "Fat"-Reihe prangert Wurm Fettsucht und Konsumwahn an - aus den Nähten gehende Autos mit einer Außenhaut aus mehreren Schichten poliertem und lackiertem Polyester - sowie die wulstigen Hausskulpturen "Fat Houses", die nur durch ein Satteldach in Form gehalten werden.

Die Hamburger Deichtorhallen zeigen in Zusammenarbeit mit dem Museum Moderner Kunst (MUMOK) in Wien unter dem Titel "Das lächerliche Leben eines ernsten Mannes - Das ernste Leben eines lächerlichen Mannes" auf 3500 Quadratmetern bis zum 2. September die erste große Retrospektive des 52-Jährigen in Deutschland.

Carola Große-Wilde/DPA / DPA
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