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Ausstellung: Kleopatra Herrscherin und Hure am Nil

Julius Cäsar und Marc Anton lagen der Ptolemäerin zu Füßen. Kaiser Augustus sah das Römische Reich von ihr bedroht und trieb sie in den Tod. Seither blüht der Mythos um die berühmteste Frau der Weltgeschichte. Eine Kleopatra-Ausstellung in Hamburg macht Lust auf ihr Leben.

Von Birgit Lahann

Halt! Wo will er hin?, fragt die Wache vor dem ägyptischen Königspalast. Zu Cäsar, sagt der Mann mit dem schweren Bettsack über der Schulter. Ausgeschlossen! Weiß er nicht, dass der römische Feldherr hier in Alexandria belagert wird? Der Fremde holt eine Handvoll Münzen aus dem Beutel, und schon ist der Weg frei.

Als er vor Cäsar steht, schnürt er den Sack auf und heraus rollt - Kleopatra. Sie springt vergnügt hoch, streicht ihr dünnes Gewand glatt, ordnet die Locken über der Stirn, lacht den Eroberer an, plaudert vergnügt über ihren listigen Einfall mit dem Sack, und Julius Cäsar, ruhmreicher Imperator, Herrscher über Gallien und Spanien, Beutemillionär aus langen Kriegen, legendärer Verführer ungezählter Jungfrauen, Cäsar, der den Rubikon überschritten hatte, um das verluderte Rom mit eisernem Besen auszufegen und nun dabei war, sein Weltreich um Ägypten zu erweitern, Cäsar steht verzückt vor der jungen Kleopatra. Er wird ihr im Rest jener Oktobernacht 48 v. Chr. verfallen.

Rund 2000 Jahre Kleopatra, das sind Jahrhunderte wuchernder Geschichten über eine Pharaonin, die zwei ihrer Brüder heiratet, von Cäsar einen Sohn bekommt, mit Marc Anton eine dramatische Liebe durchlebt und den Traum von einem Weltreich träumt, in dem Orient und Okzident verschmelzen. Kleopatra, das ist auch 2000 Jahre lang Rohstoff für die Fantasie von Dichtern und Denkern, für Horaz und Plutarch, Dante und Boccaccio, Shakespeare und Shaw, Puschkin, Heine und Brecht. Der lässt seine Spelunken-Jenny in der "Dreigroschenoper" singen:

Ihr saht die schöne Kleopatra
Ihr wisst, was aus ihr wurd!
Zwei Kaiser fielen ihr zum Raub.
Da hat sie sich zu Tod gehurt
Und welkte hin und wurde Staub.

Jetzt wird die wohl berühmteste Frau aller Zeiten in einer Hamburger Ausstellung auferstehen aus Mythen und Ruinen.× Initiator ist Professor Bernard Andreae, Archäologe in Rom. Er hat neben Kleopatra-Köpfen eine illustre Gesellschaft zusammengetragen, die im Leben der Königin eine Rolle gespielt: ihre vier Kinder, Julius Cäsar, Marc Anton, Octavian, Octavia, Agrippa, Pompeius, Cicero, Vergil - und mittendrin die fast lebensgroße Kleopatra in schimmerndem Marmor, splitternackt mit Herrscherbinde und Stirngelock, graziös, bezaubernd, verführerisch.

Im Oktober 48, als sich Cäsar in die 21-Jährige verliebt, ist sie noch ein kesses Königskind ohne Macht. War vertrieben worden vom Pharao, ihrem acht Jahre jüngeren Bruder, den sie mit 18 hatte heiraten müssen. Inzucht aus Angst vor fremdem Blut ist zu jener Zeit Usus. Damals will Kleopatra selbst regieren. Wozu hat sie denn philosophische Schriften gelesen? Wozu neben ihrer Muttersprache Griechisch auch noch Ägyptisch, Hebräisch, Arabisch und Syrisch gelernt? Wozu sich mit Medizin und Zauberei beschäftigt? Um dem kleinen Bruder zu gehorchen? Ihr Ehrgeiz wird damals bitter bestraft. Sie muss den Palast verlassen, wird aus dem Land gejagt, flieht weit weg bis an die Grenze Palästinas. Jetzt ist sie heimlich übers Meer zurückgekommen. Im Bettsack. Zu Cäsar. Nur er, der mächtige römische Diktator, kann sie auf den Thron bringen. Warum soll sie da nicht mit ihm schlafen?

Und sie mag ihn ja auch. Ist schwer beeindruckt vom Welteroberer, der Charme hat und diesen verführerischen Blick. Natürlich ist er nicht mehr der junge Gaius, der einst wie ein Pfau durch Rom schritt, der hohe Schuhe trug, sich den ganzen Körper rasieren ließ, mit schönen Männern schlief, mit Huren und den Frauen seiner Freunde und die römische Gesellschaft schockte, weil er mit langen Haaren herumlief. Jetzt ist er 52 und fast kahl. Ein Asket mit Vergangenheit. Jetzt ist es wohl eher die Macht, durch die er so unwiderstehlich wirkt.

Für Kleopatra siegt Cäsar mal wieder auf der ganzen Linie. Handelt wie immer rücksichtslos. Lässt die ägyptische Flotte mit 72 Schiffen in Brand stecken. Dass die Flammen dabei auf die Stadt zutreiben und auch einen Teil der weltberühmten Bibliothek von Alexandria mit abertausend Schriftrollen verschlingen, ist bitter, aber nicht zu ändern. Der Römer zwingt die Ägypter in die Knie - und zeigt sich dann großmütig. Setzt im Land am Nil, das überschwappt von Bodenschätzen, Silberminen, exotischen Früchten, Gewürzen und doppelt geerntetem Korn, die Ptolemäerin Kleopatra auf den Thron. Seine Geliebte. Also keine geschleiften Denkmäler, keine unterjochte Kolonie von Cäsars Gnaden. Kleopatra wird den jährlichen Tribut freiwillig und pünktlich an Rom überweisen.

Als nach vielen Wochen alles geregelt ist, als ihr Bruder, der Rivale, ermordet und ihre Schwester verbannt ist, machen Cäsar und Kleopatra eine Lust- und Liebesreise auf dem Nil. Sie besteigen die hundert Meter lange Prachtbarke, diesen schwimmenden Königspalast, der flankiert ist von Hunderten kleiner Boote mit römischen Soldaten.

Was für ein Anblick! Der Diktator und die von ihm bereits schwangere junge Königin, gesalbt und in Seide gehüllt, lagern an Deck unter purpurnen Sonnensegeln und gleiten den Nil hinauf: vorbei an den sagenhaften Wundern, an Giseh, den Pyramiden, der weiten Ebene, wo einst Nofretete im Luxus gelebt, vorbei an der gewaltigen Totenstadt vor dem hunderttorigen Theben.

Didja, so nennt Kleopatra in Thornton Wilders "Die Iden des März" ihren Geliebten Cäsar, und der umschmeichelt seine Krokodidja, füttert sie mit Datteln, Feigen und Melonen, trinkt selbst dazu das berühmte ägyptische Bier. Und Wilder beschreibt, wie die Königin ihrem Diktator eine rotblaue Paste auf den kahlen Schädel streicht. Die ptolemäische Zauberfee hat doch alles in ihrem Rezeptbuch notiert, alle Schminkgeheimnisse und eben auch dieses Mittel gegen Haarausfall. So segeln sie den Fluss hinauf, und wenn es dämmert und der Himmel sich von Sonnenresten aprikot färbt, zünden Sklaven Hunderte Öllämpchen an und servieren mit Früchten gefüllten Fasan oder Fisch in Lavendelsauce. Und am Ufer stehen die Bauern, starren ungläubig auf dieses länderfressende Monster Cäsar, das ihre Königin in den Armen hält.

Dann sind sie vorbei, die schönen Urlaubstage. In Bernard Shaws "Cäsar und Kleopatra" ist der Römer am Ende so erledigt, dass er seiner kleinen Schmusekatze, diesem politisierenden Nymphchen, einen neuen Mann in Aussicht stellt, einen frischen und flotten, einen starken und jungen - Marc Anton. Aber der ist hier am Nil jetzt noch nicht in Sicht. Jetzt lässt Cäsar seiner Königin erst einmal drei Legionen in Alexandria - zu ihrem Schutz und seiner Kontrolle. Mitte April 47 bricht er dann verliebt und beschwingt über Syrien zum Schwarzmeer auf, besiegt den König von Pontos in einem Blitzkrieg und schickt mit stilistischer Eleganzveni, vidi, vici nach Rom, ich kam, sah und siegte. Einen Monat später - am Festtag der Isis, wann denn sonst - bekommt Kleopatra Cäsars einzigen leiblichen Sohn: Ptolemaios Kaisar, der kleine Cäsar.

Der große Cäsar kehrt im Herbst 46 - er hat inzwischen auch noch Libyen erobert - nach Rom zurück. Und nun lässt er sich in einem Triumphzug feiern, wie ihn die Stadt noch nicht gesehen hat. Rom ist Weltmacht, und Cäsar ist Gott. Bedenke, dass du sterblich bist, ruft der Sklave im ohrenbetäubenden Jubel hinter ihm, aber da fühlt der Julier sich längst unsterblich. Sein erbitterter Feind Cicero, Staranwalt, politischer Redner und Schriftsteller, schreibt: Der Sieg auf dem Schlachtfeld kann nur Unheil bringen, aus ihm wird der Tyrann erstehen. Und der lädt nun seine Geliebte ein. Ja, Kleopatra soll nach Rom kommen, zu einem Freundschaftsbesuch, bei dem das Bündnis besiegelt werden soll.

Königin Kleopatra! Jeder will die märchenhafte Herrscherin aus dem Morgenland sehen, als sie im Hafen von Ostia landet und mit gewaltigem Gefolge, orientalischem Pomp und dem Säugling Kaisar in die Hauptstadt einzieht. Sie residiert in Trastevere, wo Cäsar in seinen berühmten Gärten, den horti Caesaris, eine Villa für sie herrichten ließ. Einen Sprung entfernt wohnt er selbst mit seiner Frau Calpurnia. Da blüht natürlich der Klatsch: War er nicht letzte Nacht wieder bei der Ptolemäerin? Ach wo, er hat sie längst satt. Sie soll aber wieder schwanger sein. Vorbei! Sie hatte eine Fehlgeburt. Und was denkt Cäsar sich dabei, dieser Frau eine goldene Statue am Forum errichten zu lassen? Und warum zieht er mit seinen Truppen schon wieder nach Spanien und lässt sie allein in Rom zurück?

Sie ist nicht allein. Sie feiert feudale Feste, lädt die vergnügungssüchtige Gesellschaft ein, die nach Sodom und Gomorrha riecht, verschenkt Perlen, Seide und Ju- welen, unterhält die Society mit Gelagen, Tanz und Diskussionen. Und wie sie angezogen ist! Eher ausgezogen in diesen hauchdünnen, fast brustfreien Gewändern. Ja, sie ist schon damals eine Legende. Und viele, heißt es, würden ihr Leben geben für eine Nacht mit ihr. Der Wunsch hält sich Hunderte Jahre. Alexander Puschkin wird in Petersburg eine ganze Abendgesellschaft mit dem Thema "Eine Nacht mit Kleopatra" unterhalten. Sein Poem darüber endet mit den Worten:

Doch wenn des Morgens Purpurpfeile
Aurora abschießt in die Welt,
Ich schwör's - dass unterm Henkerbeile
Das Haupt des Glücklichen dann fällt ...

Cicero ist empört über Kleopatras verschwenderische Abende. Er schreibt an seinen Geliebten: Die Königin hasse ich. Ist Marc Anton damals auch schon eingeladen? Der Volkstribun? Von dem Philipp Vandenberg in seinem sehr amüsanten Buch "Cäsar und Kleopatra" schreibt, dass er ewig betrunken ist und mit halbnackten Huren übers Forum torkelt oder wie Weingott Bacchus in einem mit Löwenfell bespannten Wagen durch Rom rast - Marc Anton, der künftige Liebhaber Kleopatras?

Es ist die Zeit, da Cäsars Stern sinkt. Als er aus Spanien zurückkehrt, als er dem Kriegsgott Mars einen gigantischen Tempel bauen lassen will und für sich selbst eine Statue mit der Aufschrift: Dem unbesiegbaren Gotte!, da hat er für viele die Republik endgültig verraten, da beschließen 60 Verschwörer seinen Tod. Auch du, mein Sohn Brutus?, wird Cäsar rufen. Ja, auch Brutus, sein engster Vertrauter. Er und sein Senatorenkollege Cassius sind die Anführer. Alle gemeinsam erstechen den Tyrannen im Jahr 44 an den Iden des März mit 23 Messerstichen. Der Mord an Cäsar ist für Kleopatra das Signal, Rom fluchtartig zu verlassen.

Vorbei sind Luxusfeiern und Liebesnächte in den Gärten von Trastevere. Die Königin segelt zurück nach Ägypten, regiert dort weiter, als wäre sie nie fort gewesen, hat von den hohen Herren in Rom gelernt und lässt auch ihren jüngsten Bruder, mit dem Cäsar sie noch vor der Nilfahrt verheiratet hatte, ermorden. Sicher ist sicher. Und so wird denn die gottgleiche Herrscherin, die wie ein Mann regiert, für die Dichter kommender Jahrhunderte die brutale, männermordende Circe sein, die Ehebrecherin, die Hure. Die unersättliche Bestie ist sie für Boccaccio, wankelmütig, untreu, lüstern, blutdürstig. Dante schickt sie schon im 5. Gesang hinunter in die Hölle, wo sie ruhelos im Sturmwind umhergetrieben wird: Sieh dann Kleopatra im Flug ermatten. 500 Jahre später jammert sie in August von Kotzebues Burleske:

Mein Caesar ist nun todt! und mit ihm alle Freuden!
drum trink' ich grünen Thee und lese Werthers Leiden.

Shakespeare stützt sich, eine Liebe später, in seinem Drama "Antonius und Kleopatra" auf den antiken Histo- riker Plutarch. Er besingt die Erotik und die Sinnlichkeit der großen Verführerin, die keinen Hunger stillt. Der große Feldherr mit dem Heldenherz ist zum kleinen Fächer geworden und zum Blasbalg, die lüsterne Zigeun'rin abzukühlen. Und so beginnt er denn, der Liebeswahnsinn mit Marc Anton.

Denn für wen hatte die politische Taktiererin sich entschieden? Für Cäsars Mörder, die Republikaner Brutus und Cassius, zwei römische Senatoren, die bei der verbündeten Ägypterin Truppen anforderten? Oder für das neue Triumvirat in Rom, für Marc Anton, Marcus Aemilius Lepidus und Cäsars Adoptivsohn und Erben Octavian? Sie schlägt sich instinktiv auf die richtige Seite, schickt Marc Anton ihre Kriegsflotte in Richtung Peloponnes, wohin die Mörder geflohen waren. Doch die Schiffe gehen vorher in einem Sturm unter. Marc Anton besiegt Brutus und Cassius bei Philippi auch ohne ihre Hilfe und sichert damit seine Macht. Aber wie sicher kann er sich dieser Kleopatra sein? Hat sie nicht doch mit den Verrätern verhandelt? Und hat sie tatsächlich ihre Flotte geschickt? Er befiehlt die Königin zu sich ins Feldlager nach Kleinasien. Sie soll Bericht erstatten!

Und sie kommt. Kommt auf einem Märchenschiff angefahren. Plutarch schwelgt nur so in Luxuswörtern: Das Heck vergoldet, die Purpursegel aufgespannt, die Ruder versilbert, und unter einem goldenen Sonnendach, zwischen allen Düften Arabiens - Kleopatra, gekleidet und geschmückt wie man Aphrodite gemalt sieht. Lächelnd liegt sie da auf Seidenkissen, und Knaben, jung wie Amoretten, fächeln ihrer Königin Kühlung zu. Da schwelgt auch Wolfgang Schuller in seiner gerade erschienenen tollen Kleopatra-Biografie.×× Er ist einer der seltenen deutschen Historiker, dem Sinnlichkeit so wichtig ist wie die historische Wahrheit, der die fantasievollen antiken Berichte nicht gleich ins <Reich der Fabel verbannt.

Da ist sie also wieder, die Taktiererin Kleopatra, die Schauspielerin, die ja gar nicht so schön gewesen sein soll, eher herb, vielleicht sogar mit Hakennase, wie sie auf Münzen dargestellt ist. Aber sie hat eben diese wunderbare Ausstrahlung, den Charme, die Anmut, die Erotik. Und ihr Körper hat, wie Professor Bernard Andreae erklärt, drei Erkennungszeichen: die weit auseinanderstehenden Apfelbrüste, den vertieften Bauchnabel und eine zarte Schwangerschaftsfalte.

Marc Anton jedenfalls bleibt bei ihrem Anblick die Luft weg. Das wusste sie. Sie weiß auch, dass sie sich auf sein Niveau einlassen muss, auf seine rüden Manieren, auf seinen rauen Ton. Sie kann das. Kann auch Witze reißen. Und am ersten Abend lädt sie den Römer und seine Offiziere zu einem Gastmahl aufs Schiff. Sie wird die Männer mit einer perfekten Inszenierung blenden. Äthiopische Sklaven mit Fackeln sind lebende Leuchten. Auf prachtvollen Liegen türmen sich bunte Kissen, die Wände sind mit Purpur bezogen, die Tische mit Girlanden geschmückt, der Boden gleicht einem Meer aus Rosenblättern. Und dann reichen bezaubernde Mädchen ägyptische Spezialitäten auf Goldtellern, deren Rand mit Edelsteinen besetzt ist.

Marc Anton, so schreibt ein Zeitgenosse, war von der Pracht völlig erschlagen. Und die Gäste dürfen am Ende auch noch mitnehmen, was ihnen gefällt. Dem Heeresführer gefällt die Gastgeberin am besten. Und es dauert nicht lange, da sind die beiden ein Liebespaar. Natürlich ist Marc Anton jetzt von Kleopatras politischer Integrität überzeugt, und natürlich versteht er ihren Wunsch, nach den Morden an ihren Brüdern auch noch von ihrer Schwester befreit zu werden, die nach Ephesos verbannt worden war. Wer weiß denn, ob sie nicht eines Tages zurückkommt und nach der Macht greift? Also, der liebeskranke Krieger lässt sie suchen und erschlagen. Dann folgt er seiner Gebieterin nach Ägypten.

In Alexandria führen die beiden ein wahres Lotterleben. Sie angeln, würfeln, zechen, jagen und schlemmen Tag für Tag. Der Leibkoch hat rund um die Uhr Wildschweine am Spieß hängen, damit der neue Herr, der zu den unmöglichsten Zeiten zu speisen wünscht, immer bedient werden kann. Eines Tages, so berichtet Plinius d. Ä., mault Kleopatra. Die Mahlzeiten sind ihr einfach zu ärmlich. Sie möchte mal etwas richtig Kostbares verspeisen. So im Wert von ein paar Millionen Sesterzen. Und was tut sie am nächsten Tag? Löst ihre schönste, größte, einzigartige Perle in Essig auf und schlürft sie vor den sprachlosen Gästen wie eine Auster - weg. Doch dann langweilen sie auch diese Spielchen. Als ihr Herr und Meister beim Angeln ist, lässt sie ihm heimlich einen gepökelten Fisch an den Haken hängen und sagt dann kühl zu ihm, der über den vermeintlich großen Fang schon jubeln will: Dein Fang sind Städte, Königreiche und Kontinente.

Ja, sie will nach all dem Müßiggang einen Eroberer, einen Helden. So wie Cäsar einer war. Und Marc Anton ist schließlich der Triumvir für den Osten. Da soll er Geld eintreiben, soll ja längst auch schon gegen die aufmüpfigen Parther, die Nachfolger der Perser, zu Felde ziehen. Aber dann kommen aus Rom alarmierende Nachrichten und klare Befehle von Marc Antons Frau Fulvia, die natürlich weiß, wo ihr Mann steckt, und eifersüchtig ist. Fulvia, schreibt Plutarch, war eine Frau, die nicht Wollarbeit und Hauswirtschaft im Sinne hatte, sondern den inzwischen wackeligen Platz ihres Mannes in Rom wie eine Amazone verteidigte. Sie war eine, die kommandierte. Zu Hause stand auch Marc Anton unter ihrem Regiment. Und Kleopatra, meint Plutarch, konnte der Fulvia schon dankbar sein, dass sie einen völlig gezähmten Mann bekam, der dazu erzogen war, Frauen zu gehorchen.

Und doch ist er ein eiskalter Kerl, wenn es um die Macht geht. Schon bald nach Cäsars Tod hatten die drei neuen Regenten sich gegenseitig erlaubt, ihre politischen Feinde umbringen zu lassen. Dabei geht der Mord an Cicero auf Marc Antons Konto. Er ließ, zynischer geht es nicht, den abgeschlagenen Kopf des großen Rhetoren auf der Rednertribüne des Forums aufspießen - und er soll dabei auch noch gelacht haben.

Nun, im Jahr 40 v. Chr., als sein eigener Posten in Gefahr ist, reist er schleunigst nach Rom, um den Pakt mit dem immer stärker werdenden Octavian zu erneuern. Das hat Kleopatra nicht gewollt, aber ihr bleibt keine Wahl. Sie ist schwanger und weiß, dass Marc Anton darauf jetzt keine Rücksicht nehmen wird, auch wenn er mit ihr einen Ehevertrag geschlossen hat. Also hält sie still.

Im Herbst bekommt sie Zwillinge. Ihre Namen sind Programm: Alexander Helios und Kleopatra Selene, also Sonne, Mond und Welteroberer und Königin der Welt - besser geht es nicht. Nur die Nachrichten aus Rom sind schlecht: Fulvia war überraschend gestorben, und Marc Anton hat Octavians Schwester Octavia geheiratet. Und bekommt mit ihr auch noch eine Tochter. Aus Liebe? Oder Berechnung? Und wird er je nach Alexandria zurückkehren?

Drei Jahre sind verstrichen, als der treulose Liebhaber sich mit der Kriegsflotte auf den Weg macht, um endlich die Parther anzugreifen. In Syrien macht er halt. Und bleibt. Marschiert nicht weiter nach Osten. Ruft nach Kleopatra. Ja, er hat Sehnsucht nach ihr. Er lässt sie holen. Und sie kommt mit vollen Segeln, diese antike Pariserin, diese Göttin des Lebens, wie Heinrich Heine sie nennt. Antonius ist so überwältigt vom Wiedersehen und der neu entflammten Leidenschaft, dass er sie mit römischen Eroberungen nur so überschüttet: schenkt ihr und den Kindern Libyen, ein Stückchen Kreta, Teile von Kilikien, eine Ecke von Syrien, die Insel Zypern und dazu noch, wie Plutarch schreibt, den balsamtragenden Teil von Judäa, also den berühmten Palmenwald bei Jericho, wo die Balsamproduktion viel Geld einbringt.

Glückliche Stunden im Hauptquartier des Generals. Ein Stückchen begleitet Kleopatra den Geliebten auf seinem Feldzug in den Nahen Osten noch, dann kehrt sie nach Alexandria zurück. Nach verheerender Nieder- lage trifft auch Marc Anton bald in Ägypten ein und betäubt sich mit der Königin, die wieder schwanger wird und einen Sohn bekommt, Ptolemaios Philadelphos. Da bricht in Rom ein Sturm der Entrüstung los. Was ist mit diesem Mann los? Geriert sich wie ein orientalischer Potentat. Verschenkt römische Länder. Hatte ein gigantisches Heer von 100 000 Mann und lässt mehr als 30 000 in Schneestürmen krepieren. Warum? Weil er nicht den Sieg, sondern nur die Geliebte im Kopf hatte.

Octavian wird in Rom verbreiten, dass Marc Anton unter Drogen steht. Natürlich. Er ist einfach nicht mehr bei Verstand. Hat ein Zaubermittel von Kleopatra bekommen, einen Liebestrank. Und ist er nicht ein Bigamist? Hat sich mit dieser Hexe verheiratet - und mit Octavians Schwester. Das hat sich noch kein Kaiser getraut. Hat seine römische Ehefrau, die mit einem frischen Heer aufbrach, um ihm zu helfen, zurückgeschickt. Welch eine Demütigung! Plutarch ist sicher, dass Kleopatra ihn dazu getrieben hat. Aus Angst, er könnte zu Octavia heimkehren. Also spielte sie das arme Kätzchen, schmolz dahin, wenn er da war, weinte, wenn er gehen wollte, und suchte sich durch leichte Ernährung körperlich herunterzubringen.

Marc Anton bleibt, und damit sind die Würfel gefallen. Der letzte Akt beginnt. Octavian ist längst Herr in Rom. Er hat den Triumvir Lepidus entlassen, dessen Geld er nur so lange brauchte, bis der Reichtum aus Ägypten nach Italien floss. Marc Anton schreibt ihm deswegen einen zornigen Brief. Da wirft ihm Octavian schneidend die verschenkten Länder vor und sein Verhältnis zu Kleopatra. Wie bitte?, antwortet Marc Anton, weil ich mit der Königin schlafe? Er soll hier mal nicht den Unschuldigen spielen. Oder schläfst du schließlich bloß mit Drusilla? Ich wette, dass du beim Lesen dieses Briefes schon mit Tertulla oder Terentilla oder Rufilla ... oder gleich mit allen geschlafen hast.

Da schlägt Octavian richtig zu. Er besorgt sich widerrechtlich Marc Antons Testament, das bei den Vestalinnen, den heiligen Priesterinnen, verwahrt ist. Liest darin, dass Kaisar, der Sohn dieser Kleopatra, die sich einbildet, die Weichen der Welt stellen zu können, tatsächlich der leibliche Sohn Cäsars ist. Das ist für Octavian natürlich eine echte Bedrohung. Und er liest, dass Marc Anton nach seinem Tod bei Kleopatra in Alexandria begraben sein will. Ein römischer Kaiser! Was für ein Affront.

Er informiert die Senatoren, erzählt ihnen auch gleich, dass Marc Anton sich von seiner Schwester trennen will. Die Scheidungspapiere sind schon da. Sicher auf Drängen dieser Hexe Kleopatra. Dann setzt Octavian seine Propagandamaschinerie in Gang. Lässt Flugblätter verteilen: Antonius hat der Brut seiner Geliebten ganze Länder geschenkt. Und ihr die Bibliothek von Pergamon. Und er selbst suhlt sich in orientalischem Luxus. Säuft und nimmt Drogen. Pinkelt in goldene Nachttöpfe. Massiert dieser sittenlosen Ägypterin in aller Öffentlichkeit die Füße! Das ist Sklavenarbeit, nicht die eines Imperators.

Die Römer mochten das Raubein Marc Anton immer lieber als den Moralapostel Octavian. Aber das Gift wirkt. Und so kann Octavian seinen Feind, der einmal sein Freund war, aller Ämter entheben - und dann in den Krieg ziehen. Nicht gegen den unzurechnungsfähigen Marc Anton, schreibt Wolfgang Schuller, sondern gegen das böse ausländische Weib Kleopatra.

In der Seeschlacht bei Actium versinken dann alle Träume Marc Antons. Er hatte sich so stark gefühlt. Kleopatra war mit ihm in den Krieg gezogen, ihre gemeinsame Flotte war gewaltig, ihr Selbstbewusstsein unerschütterlich. Der alte Haudegen sah sich doch schon als Sieger, als Alleinherrscher über das römische Imperium - mit der Geliebten an seiner Seite. Und Kleopatra? Sie hatte wohl andere Träume. Sie wollte, wie Alexander der Große, ein Weltreich bis Indien - mit Marc Anton an ihrer Seite. Doch am 2. September 31 v. Chr. ist Octavians kleine Kriegsflotte wendiger als die behäbigen ägyptischen Schlachtschiffe. Und so besiegt er sie - wie David den Goliath.

Kleopatra flieht. Marc Anton flieht hinterdrein. Lässt seine Soldaten im Stich. Das wird er sich nicht verzeihen. Tagelang sitzt er völlig apathisch an Deck seines Schiffes. Geflohen! Er, der Befehlshaber. Kleopatra gibt die Niederlage nicht zu. Wer sie verraten könnte, wird vorher umgebracht. Dann segelt sie mit Musik und Sieggeheul in Alexandria ein. Ja, sie ist wieder da, jetzt wird gefeiert! Marc Anton feiert nicht. Schwer depressiv hockt er mit ein paar Kumpanen irgendwo im Palast, denkt an Selbstmord und säuft. Frisst und säuft. Bis zur Besinnungslosigkeit.

So vergehen Monate. Und die Hiobsbotschaften reißen nicht ab. Octavian sitzt lauernd auf Samos. Ist auf dem Sprung nach Ägypten, dem Honigtopf der Welt. Kleopatra, lässt er ausrichten, soll den Staatsfeind töten lassen, dann würde man glimpflich mit ihr umgehen. Aber da hat er sich in der Hure, wie er sie nennt, getäuscht. Die liebt Marc Anton. Und was heißt schon glimpflich? Der Held von Actium würde sie im Triumphzug durch Rom schleppen lassen. Natürlich. Die Königin von Ägypten gefesselt hinter dem Sieger, der sich nun Kaiser Augustus nennen wird. Nein, es ist das Ende. Für Kleopatra und Marc Anton.

Es sind turbulente letzte Wochen bis zu Octavians Einzug in Alexandria. Kleopatra lässt alle Schätze und Kronjuwelen, die der Römer wohl gern konfiszieren würde, ins eigene Mausoleum schleppen: Perlen, Smaragde, Gold, Elfenbein - Millionenwerte. Dann schließt sie sich selbst mit zwei Dienerinnen ins Grabmal ein. Marc Anton ist in Panik. Er glaubt, sie habe Selbstmord begangen - und stürzt sich in sein Schwert. Nein, er ist nicht gleich tot. Er liegt schwer verletzt da, als Kleopatra endlich nach ihm ruft. Der Sterbende wird an Seilen zum Grabfenster hochgezogen, während er, so erzählt man, im Schweben die Arme nach ihr ausstreckte. Dann verblutet er in ihrem Schoß.

Zu dieser Zeit ist Octavian bereits in der Hauptstadt einmarschiert. Die Königin wird im Mausoleum festgenommen. Sie darf die Leiche ihres Geliebten bestatten, ja, aber Gift und Dolche werden beschlagnahmt. Kein Selbstmord! Sie soll schließlich als größte Trophäe aller Zeiten in Rom vorgezeigt werden.

Doch die schwer bewachte Ptolemäerin lässt wieder einmal durch eine List die Wachen täuschen, wie 18 Jahre zuvor, als sie zu Cäsar wollte: Ein Bauer möchte der Königin ein Körbchen bringen. Halt! Was ist drin?, fragt der Wachposten. Feigen, sagt der Bauer und hebt die Blätter hoch. Er dürfe ruhig eine kosten. Also gut, er darf durch.

Kleopatra dankt für das Geschenk, nimmt ein letztes Bad, bestellt ein reichliches Mahl, schreibt ein Brieftäfelchen an Octavian, worauf sie bittet, neben Marc Anton begraben zu werden, dann greift sie - wie Plutarch berichtet - ins Körbchen, greift unter die Feigen, wo die giftige Schlange, das Symbol der Könige, verborgen ist. Und Octavian findet seine Siegestrophäe in königlichem Schmuck auf einem goldenen Bett - tot.

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