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Biennale Venedig: Afrika hat Besseres verdient

Zum ersten Mal in der Geschichte der Biennale Venedig ist der Kontinent Afrika mit einem eigenen Pavillon vertreten. Das ist löblich. Doch die Sammlung wirft einige kritische Fragen auf.

Von Gunter Péus

Er war einer der wichtigsten Sammler und Förderer zeitgenössischer afrikanischer Kunst weltweit. Hans Bogatzke, Schuhfabrikant aus Westfalen, ist im vorigen Jahr nach langem Wachkoma gestorben. Seine Erbin und Witwe folgte dem letzten Wunsch ihres Mannes, die während zweier Jahrzehnte zusammengetragenen Werke der modernen Kunst Afrikas zu ihrem Ursprungskontinent zurückzuführen.

Hinweise zur Herkunft der Kunstwerke fehlen

Der mit Bogatzke befreundete Künstler Fernando Alvim, dem sie die Sammlung zu treuen Händen übergab, ließ tausende Gemälde, Videos und Skulpturen in Kisten verpackt in sein Heimatland Angola verfrachten. Bedeutende Stücke dieser einzigartigen Sammlung sind jetzt noch bis September auf der 52. Biennale in Venedig zu sehen - allerdings ohne jeglichen Hinweis auf ihre Herkunft aus einer deutschen Sammlung. Manche Stücke sind sogar auf Bogatzkes Grundstück in Herdecke entstanden, wo der Mäzen afrikanischen Künstlern die Möglichkeit gab, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Wie kam es zu dieser Missachtung? Robert Storr, dem neuen amerikanischen Direktor der Biennale, ist es zu verdanken, dass der Kontinent Afrika zum ersten Mal im Rang eines eigenen Pavillons vertreten ist. Über die Auswahl der Exponate kümmerte er sich nicht, sondern überließ sie einem Team afrikanischer und amerikanischer Experten. Die fanden es angesichts einer nur dreimonatigen Vorbereitungszeit bequem, einer einzigen Sammlung den Zuschlag zu geben, nämlich der des Kongolesen Sindika Dokolo. Die Sammlung, die wie aus dem Nichts auftauchte, war bisher weltweit unbekannt - bis auf eine Beteiligung an einer Ausstellung des Instituts für moderne Kunst in Valencia 2006.

Eine Sammlung kehrt zurück zu ihren Wurzeln

Der junge Kongolese in seinen Anfang Dreißigern, Erbe einer Kunstsammlung seines Vaters, eines einflussreichen Bankiers und Geschäftsmannes in Kinshasa, war in Angolas Hauptstadt Luanda ansässig geworden, nachdem er die Tochter des seit 28 Jahren diktatorisch regierenden Präsidenten des Landes José Eduardo dos Santos geheiratet hatte. Isabel dos Santos, Geschäftsfrau und Großgrundstückbesitzerin, gilt als eine der reichsten Frauen Afrikas. So konnte es sich der Schwiegersohn des Präsidenten leisten, die in Angola angekommene komplette deutsche Sammlung zu kaufen. Wie es kam, dass er sie nach eigenen Angaben für 600.000 Dollar erwerben konnte, obwohl sie mindestens das Dreifache wert ist, ließ sich von der Witwe Bogatzke, die nach dem Verkauf nach Australien zog, nicht mehr erfahren.

Fernando Alvim, der angolanische Künstler, tat sich mit dem Kameruner Schriftsteller Simon Njami zusammen und nutzte die Gelegenheit, sich mit ihm als Kurator der nun wesentlich aufgefrischten Sammlung Dokolo bei der Biennale zu bewerben - und das gelang. Die Folge: Afrika kommt auf der Biennale - trotz der begrüßenswerten Einrichtung einer eigenen Sektion - dennoch zu kurz. Von den 30 ausgestellten Künstlern stammen allein fünf aus Angola, sechs großartige Werke wurden der deutschen Sammlung Bogatzke entnommen. Und einige Werke überdies sind schon auf der Düsseldorfer Ausstellung "Remix Afrika" präsent gewesen.

Kritisch zu bewerten auch: Was haben in Venedig zwei Künstler afrikanischer Herkunft zu suchen, die nicht einmal in der Diaspora lebend einzuordnen sind, sondern längst zu echten Landeskindern geworden sind: Jean-Michael Basquiat, Freund Andy Warhols aus den USA (noch dazu tot seit 1988!) sowie Chris Ofili, der Turner-Preisträger aus London.

Die Biennale versucht die Fehlleistungen der Kuratoren auszugleichen

In den Presseerklärungen der Biennale ist die Rolle der aus Deutschland stammenden Exponate mit keinem Wort erwähnt. Inzwischen ist laute Kritik hörbar geworden. Die Sachverständigen der afrikanischen Staaten - es gibt 54 Länder! - beschweren sich, dass sie keine Gelegenheit hatten, die herausragenden Künstler ihrer Länder vorzuschlagen; ohnedies fehlen unter den 30 Exponaten des afrikanischen Pavillons in der Arsenale Venedig mit dem Titel "Checklist Luanda Pop" namhafte Künstler aus Afrika.

Die Fehlleistung der Kuratoren sucht Venedig auszugleichen: So sind großformatige Gemälde von Cheri Samba, des vielbeachteten Vertreters afrikanischer kritischer Popart aus der Demokratischen Republik Kongo, dank der Initiative der Biennale im italienischen Pavillon zu sehen, und die aus Blechabfällen und Kronenkorken hergestellten, wunderbar leuchtenden Gobelins des Ghanaers El Atsui waren an der Fassade des Palazzo Fortuny und in Robert Storrs Sonderausstellung in der Arsenale-Halle aufgehängt.