HOME

Bob-Dylan-Ausstellung: Wie der Musiker malen lernte

Erstmals wird das bildnerische Werk Bob Dylans ausgestellt - ausgerechnet in Chemnitz. Eigens für diesen Anlass hat der Altmeister seine Schwarzweiß-Zeichnungen farbig bemalt. Die Schau zeigt anschaulich, wie das bildnerische Werk Dylans sein musikalisches beeinflusst hat - und umgekehrt.

Von Almut F. Kaspar

Am Anfang war ein Schmetterling, den Ingrid Mössinger auf dem Cover der CD "Just Like a Woman" entdeckte. Die Kunsthistorikerin, beeindruckt von dem eigenwillig gezeichneten Falter, forschte nach, ob der Musiker Bob Dylan womöglich auch mit Stift und Pinsel arbeitete und nicht nur mit Gitarre und Mundharmonika. Mössinger stieß auf das Selbstporträt auf dem Cover seiner Platte "Self Portrait" - und in einem New Yorker Antiquariat auf ein 1994 erschienenes Buch, das heute längst nicht mehr zu haben ist: In "Drawn Blank" hatte Bob Dylan - für das amerikanische "Time Magazine" eine der 100 wichtigsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts - 92 eigene Schwarzweiß-Zeichnungen veröffentlicht. Im Vorwort schrieb er, warum er malt: "Hauptsächlich, um mich zu entspannen und meinen unruhigen Geist zu fokussieren."

Ingrid Mössinger, Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz, besorgte sich über den Verlag Random House die E-Mail-Adresse der Pop-Legende Dylan, dessen Zeichnungen und Gemälde noch nie ausgestellt worden waren. Und fragte frech an, ob er sich vorstellen könne, sein bildnerisches Werk in Chemnitz - ehedem Karl-Marx-Stadt - auszustellen. Nur zwei Tage später war die Antwort des Dylan-Managements da: Okay, er macht es.

"Friedliche Bilder"

Jetzt sind sie tatsächlich zum ersten Mal zu sehen: 170 ausgewählte farbige Bilder des amerikanischen Ausnahme-Musikers Bob Dylan. Frauen- und Männerporträts, Stadt- und Strandansichten, Akte, Straßenszenen, Stillleben. Der Altmeister hatte sogar 322 Aquarelle und Gouachen ins sächsische Chemnitz geschickt, die er allesamt in diesem Jahr in nur acht Monaten schuf. "Die Bilder", schwärmt Generaldirektorin Mössinger, "sind sehr friedlich und manchmal melancholisch." Titel der Ausstellung: "The Drawn Blank Series - Aquarelle und Gouachen". Bis zum 3. Februar 2008 wird nun ausgerechnet Chemnitz zum Wallfahrtsort für Dylan-Fans aus aller Welt werden.

Ingrid Mössinger, die mit spektakulären Picasso-, Edvard-Munch- und Henri-Toulouse-Lautrec-Schauen schon Hunderttausende in die Chemnitzer Kunstsammlungen locken konnte, hat mit der Dylan-Ausstellung einen regelrechten Coup gelandet.

Spezielles Digitalverfahren

Denn der Künstler, verrät die Generaldirektorin, hatte seine Schwarzweiß-Zeichnungen, die während vieler Reisen und Tourneen durch die USA, Mexiko, Europa und Asien zwischen 1989 und 1992 entstanden, speziell für diese Ausstellung mit Hilfe eines speziellen Digitalverfahrens auf hochwertiges Büttenpapier übertragen und mit Aquarell- und Gouachefarben in unterschiedlicher Farbdichte und -gewichtung bemalt. "Im Unterschied zu den zarten Schwarzweiß-Zeichnungen aus 'Drawn Blank'", weiß Ingrid Mössinger, "zeigen die neuen Arbeiten der 'Drawn Blank Series' mehrere Versionen eines der ursprünglichen Motive in dynamischer und expressiver Malweise, die aus den ursprünglichen Schwarzweiß-Motiven völlig neue Bilder macht."

Bob Dylan, am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota, als Robert Allen Zimmerman zur Welt gekommen, zog 1961 nach New York City, ins dortige Künstlerviertel Greenwich Village. Mit seiner damaligen Freundin, selbst Künstlerin, streifte Dylan durch Galerien und Museen - das Paar studierte nicht nur die alten Klassiker wie Goya oder Rubens, sondern auch die modernen Maler wie Kandinsky oder Braque. Der Musiker wollte es schließlich auch selber ausprobieren.

Anfänge in den 60er Jahren

Seine Anfänge als Zeichner in den 60er Jahren in New York City beschrieb er in seiner in diesem Jahr erschienen Autobiografie "Chronicles" so: "Was sollte ich zeichnen? Vielleicht erst mal das Naheliegende. Ich setzte mich an den Tisch, nahm Papier und Stift zur Hand und zeichnete die Schreibmaschine, ein Kruzifix, eine Rose, Stifte, Messer und Reißzwecken, leere Zigarettenschachteln. Dabei verlor ich jedes Zeitgefühl. Eine Stunde oder zwei vergingen, und es kam mir vor, als sei nur eine Minute verstrichen. Nicht dass ich mich für einen großen Zeichner gehalten hätte, aber ich hatte doch den Eindruck, dass ich eine gewisse Ordnung in das Chaos um mich herum brachte." Und weiter: "Bei mir stellte sich die sonderbare Empfindung ein, dass sich durch das Zeichnen meine Sehgewohnheiten klärten, und ich zeichnete noch viele Jahre lang weiter."

Bilder spielen in fast jedem seiner unzähligen Songs eine Rolle. Bilder, die anrühren, die bewegen, die aufwühlen. Bob Dylan dazu in "Chronicles": "Durch Folksongs erforschte ich das Universum, sie waren Bilder, und die Bilder waren wertvoller als alle meine Worte. Ich hatte den Kern der Sache erfasst." Dylans einzigartiges Talent, seine Beobachtungen in Songtexte zu packen, ist mit Sicherheit auch jener Sichtweise zu verdanken, die sich durch seine zeichnerische Arbeit klärte.

Neustart nach dem Unfall

Am 29. Juli 1966 hatte Dylan einen Motorradunfall. Eine Gehirnerschütterung und ein gebrochener Nackenwirbel zwangen des rastlosen Künstler zur Ruhe. Er musste sämtliche Termine absagen und zog sich zurück. Er nutzte die Zeit und ließ sich von Norman Raeben, einem renommierten Lehrer russischer Herkunft, die Kunst des Zeichnens beibringen. Zwei Monate lang pilgerte Dylan damals immer wieder in den 11. Stock der ehrwürdigen New Yorker Carnegie Hall, wo der alte Meister Raeben einigen wenigen ausgewählten Studenten Stunden gab. Sein berühmtester Lehrling jedenfalls war beeindruckt: "Er hat meinen Verstand, meine Hand und mein Auge zusammengebracht, sodass es mir möglich wurde, das bewusst zu tun, was ich unbewusst fühlte."

Diana Widmaier Picasso schreibt im Katalog zur Chemnitzer Ausstellung: "Am Ende dieses Unterrichts, der ihn bis an die Schwelle des Mystizismus führte, fand Dylan einen neuen Zugang zum Songschreiben." Mitte der 70er Jahre trennte sich der Popstar auch noch von seiner Frau, mit der er zehn Jahre lang verheiratet war. Die Bilanz dieser turbulenten Lebensphase zog Dylan mit dem zeitlosen Meisterwerk "Blood on the Tracks". Er selbst sagte einmal über die Entstehung dieses magischen Albums: "Ich habe einfach versucht, ein Bild zu malen, auf dem man die Einzelteile, aber auch das Ganze sieht."

Kommt Dylan persönlich vorbei?

So werden in Chemnitz vor allem die Dylan-Connaisseurs auf ihre Kosten kommen, die hier unverhoffte Einblicke in das kreative Innenleben ihres Idols nehmen können. Und nachvollziehen dürfen, wie das bildnerische Werk Dylans sein musikalisches beeinflusst hat - und umgekehrt. Möglich, dass es sich der Alt-Star nicht nehmen lässt, seine erste Ausstellung selbst zu besuchen. "Das wird er aber eher anonym und heimlich machen", schmunzelt die Chefin der Kunstsammlungen Chemnitz.

Ingrid Mössinger hat Bob Dylan im vergangenen Mai persönlich kennengelernt, nur kurz, nach seinem Konzert in Leipzig. Da hat sie sich vorgestellt und einige noch nicht signierte Bilder unterzeichnen lassen. "Es war eine professionelle Begegnung", sagt sie, "mehr nicht."