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Comedian Oliver Polak "Hinterm Holocaust geht's weiter"


Am 11. April 1961 begann der Prozess gegen den "Architekten des Holocaust", Adolf Eichmann. 50 Jahre später tourt der jüdische Comedian Oliver Polak durchs Land und scherzt über die Shoah. Doch sind die Deutschen so weit?
Von Sophie Albers

Der Stand-Up-Comedian hat sich in Rage gespielt, spuckt, speit, rattert Worte wie ein hollywoodscher Filmnazi: "Die Deutsche Bahn bräuchte mal wieder 'nen Eichmann, dann wäre sie mal wieder pünktlich!" Schrecksekunden im Publikum, verstohlene Blicke wandern umher. Dürfen Deutsche das? Über den Holocaust lachen? Diese Frage wabert den ganzen Abend lang über den Zuschauerköpfen im Quatsch-Comedy-Club in Berlin. Es gibt nur kurze Verschnaufpausen: Witze und Zoten über die jiddische Mamme, "Ossis" und Schwule. Der, der mit vollem Körpereinsatz Tabus zertrümmert, heißt Oliver Polak, ist 35 Jahre alt, kommt aus dem Emsland - und ist Jude. "Sie müssen trotzdem nur lachen, wenn es Ihnen gefällt", sagt er. Allerdings sind viele schon so verwirrt, dass sie gar nicht mehr wissen, was ihnen gefallen soll. Oder darf.

Es ist das Frühjahr 2011. 50 Jahre nach Beginn des Eichmann-Prozesses in Israel, als die deutsche Öffentlichkeit sich erstmals seit Ende des Krieges mit dem Ausmaß der Schuld auseinandersetzen musste, über den es auch heute noch erschreckende Offenbarungen gibt. Und nun steht ein dicklicher, bärtiger Mann im Trainingsanzug auf der Bühne und versucht, die Schizophrenie zu überwinden, als Kind von Verfolgten im Land der Täter aufgewachsen zu sein, und sich Normalität zu wünschen, ohne dabei zu vergessen, dass die nicht möglich ist. Aber man kann es ja mal versuchen.

"Hitlergruß? Kein Problem, steh ich drüber"

"Wir sind cool, weil es uns noch gibt. Das ist zwar nicht witzig, aber wahr", schreibt Polak in seinem biografischen Buch "Ich darf das, ich bin Jude". Das ist nachdenklicher und darin beißt er ein bisschen weniger um sich als auf der Bühne. Auf der stellt er gerade resigniert fest: "Versuch' mal, ne Frau ins Bett zu quatschen. Da kommste mit dem Holocaust auch nicht weiter." Dabei wird Polak flankiert von zwei riesigen Schäferhunden aus Pappe, mit SS-Mütze, Judenstern an der Kette und rotglühenden Augen. "Hitlergruß? Kein, Problem, steh' ich drüber."

Teile des Publikums aber nicht. Manche Lippen sind mittlerweile so schmal, dass sie im Gesicht verschwinden. Und eine von Polaks Publikumsbeschimpfungen: "Was reden Sie die ganze Zeit, Sie haben doch Geld dafür bezahlt, einen Juden zu sehen", findet die altbekannte Antwort: "Das haben wir nicht gewusst."

Also: Lachen oder nicht lachen, wenn Oliver Polak sinniert "Immer wenn ich dusche, muss ich an Hitler denken"?

Unbedingt über Hitler lachen, befahl Mel Brooks bereits 1968 mit seinem Musical-Hit "The Producers". weil ihm das die posthume Macht nehme. Allerdings besteht Brooks auf der Trennung von Lachen über Hitler und Lachen über den Holocaust. Polak - wie beispielsweise auch die Animationsserie "South Park" oder der "Seinfeld"-Ableger "Curb your Enthusiasm" sehen das anders.

"Die Distanzierung, die eine Karikatur immer bedeutet, setzt Aufarbeitung voraus", hatte 2007 Harald Welzer, Sozialpsychologe an der Universität Essen, festgestellt. Man muss wissen, worum es geht, um lachen zu können. Demnach scheint es mit der Aufarbeitung noch nicht weit zu sein. Laut einer Umfrage des stern im selben Jahr hatten 56 Prozent der Bundesbürger für nicht gut befunden, dass Regisseur Dani Levy mit "Die wahrste Wahrheit über Hitler" eine Komödie über den Diktator gedreht hatte. Zuschauer und Kritik waren gespalten, als ausgerechnet Helge Schneider mit viel Silikon im Gesicht den Führer gab. Und nun macht Polak da weiter, wo Levy aufgehört hat.

Der Saal, in dem der "einzige lebende jüdische Komiker Deutschlands" über die Bühne tobt, ist voll. "Ich vergesse die blöde Geschichte mit dem Holocaust, und ihr verzeiht uns Michel Friedman." Das Lachen wird lauter. Auch als er Songtitel fantasiert - "wenn Hitler gewonnen hätte": Helge Schneider würde "KZ-Klo" singen und Udo Lindenberg "Hinterm Holocaust geht's weiter". Beim Judenspiel bricht die Stimmung wieder ein: "Lassen Sie uns das Judenspiel spielen - ein Spaß für die ganze Familie wie zu Großvaters Zeiten." Es gehe darum zu erraten, wer jüdisch und wer "normal" sei: Polak ruft Namen, und das Publikum antwortet. Natürlich kommt am Ende heraus, dass Hitler "normal" ist. Und Oliver Polak? "Jude!" "Falsch. Ich bin normal. Ich mache das nur fürs Geld!" Schockschweigen.

Oliver Polak, dessen Vater mehrere Konzentrationslager überlebt hatte, dessen Familie nach der Shoah als einzige von 20 jüdischen in Papenburg übriggeblieben ist, beantwortet keinesfalls die Frage, ob Deutsche 66 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz über die Shoah lachen dürfen. Will er auch nicht. Aber er sorgt dafür, dass die Leute darüber nachdenken, dass sie Stellung beziehen müssen. Denn die Wunde bleibt. Das ist der Kern des Erinnerns.

Und: "Keine Angst, das ist nur Bühnennebel."


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