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Disney-Ausstellung: Cinderellas Schloss steht in Bayern

Bambi sprang durch einen deutschen Märchenwald, Pinocchio lebte in einem mittelalterlichen Fachwerkhaus. Walt Disney, Urvater amerikanischen Kinderträume, holte sich viele Ideen aus Europa. Eine Ausstellung im Paris Grand Palais spürt den Originalen nach.

Von Anja Lösel

"Uhhh, it's Cinderella's Castle!" Die Dame aus Ohio ist entzückt. Mitten im bayerischen Voralpenland steht sie vor ihrem Kindheitstraum: Aschenputtels Disney-Schloss. Nun gut, hier in Bayern nennen sie es Neuschwanstein und erzählen, dass irgendein verrückter König Ludwig II. es schon im 19. Jahrhundert gebaut hat, lange bevor Walt Disney auf die Welt kam. Egal. Aber für sie wird es immer Cinderella's Castle bleiben.

Disney-sozialisierte Amerikaner können in Europa noch mehr Überraschungen dieser Art erleben. Rothenburg ob der Tauber hat verdammte Ähnlichkeit mit den schnuckeligen Fachwerkhäuschen in Pinocchios Dorf. Die schöne, strenge Uta, sagenumwobene Stifterfigur am Dom zu Naumburg, ist mit ihrem hochgeschlagenen Mantelkragen und der steil auf dem Kopf sitzenden Krone Schneewittchens böser Stiefmutter wie aus dem Gesicht geschnitten.

Alles kein Zufall, denn Walt Disney, Urvater aller amerikanischen Kinderträume, holte sich einen Großteil seiner Ideen und Anregungen aus dem guten alten Europa. Eine Ausstellung im Pariser Grand Palais zeigt nun, wo er seine Figuren und Ideen gefunden hat. Oder soll man sagen: geklaut?

Bambi etwa wäre undenkbar ohne den Maler Caspar David Friedrich. Wenn der kleine Rehbock durch imposante Fichtenwälder und über dunstige Wiesen springt, fühlt man sich in Friedrichs "Morgennebel im Gebirge" versetzt. Und wenn die Hundemeute auf Bambi losgeht, sieht die Landschaft genau so aus wie in Friedrichs Gemälde "Felsenschlucht": dieselben hoch aufragenden Steinkolosse, dieselben dürren Fichten, derselbe steil abstürzende Pfad.

Tatsächlich kannte Disney all die romantischen Maler von C.D. Friedrich über Ludwig Richter bis hin zu Arnold Böcklin. Und dazu noch alle großen Zeichner Europas von Wilhelm Busch über Grandville bis hin zu Aubrey Beardsley. 1935 war er nämlich elf Wochen lang durch Europa gereist und hatte rund 350 Bücher mit besonders schönen Illustrationen eingekauft - als Anregung für sich und seine Zeichner.

Grimms Märchenbücher gehütet wie ein Sack voller Diamanten

Ein Schatz, der heute bei Disney gehütet wird wie ein Sack voller Diamanten. Märchenbücher der Brüder Grimm, Alice im Wunderland von Lewis Caroll. Malerei der deutschen Romantik. Bizarr-witzige Zeichnungen von Wihelm Busch und Honoré Daumier. Buschs "Klavierspieler" etwa ist ganz offensichtlich ein Vorläufer der Disneys-Comics. Während der Pianist die Tasten temperamentvoll bearbeitet, werden seine Arme und Finger länger und länger, absurd, schön, jenseits von Zeit und Logik. In einem einzigen Bild ist eine ganze Abfolge von Momenten gleichzeitig zu sehen. Disneylike eben, und das 1875.

Der prominenteste Zeitgenosse, den Disney für seine Welt gewinnen konnte, war Salvador Dalí. 1945 tauchte er in Hollywood auf, um bei Hitchcocks "Spellbound" mitzuarbeiten. Disney war völlig fasziniert von Dalís Ideen und Bildern, von dem tränenden Auge am Horizont und der schrägen Traumszene, die der exzentrische Künstler für Hitchcock entworfen hatte.

Amerika wäre nur halb so gut ohne das Alte Europa

Er bot Dalí an, mit ihm den Film "Destino" zu machen. Doch der Spanier war traumatisiert von der Atombombe, die Amerika kurz zuvor über Hiroshima abgeworfen hatte, und zeichnete nur Horrorbilder: zerfließende Köpfe, bärtige Ungeheuer, Schildkröten, die mit ihrem Panzer das Unglück abwehren sollten. Es lief nicht gut mit Dali und Disney, nur sechs Minuten Film brachten die beiden zustande, dann war es vorbei mit der Zusammenarbeit. Immerhin sind von ihrem Abenteuer "Destino" rund hundert Zeichnungen geblieben. Eine der vielen Attraktionen der Ausstellung, die zeigt: Amerika wäre nur halb so gut ohne das Alte Europa.

Die Ausstellung "Es war einmal - Walt Disney" ist vom 16.September 2006 bis 15.Januar 2007 im Grand Palais in Paris zu sehen.