Documenta Der langweilige Publikumsmagnet


Einstürzende Skulpturen und heulende Kunstkenner: Die diesjährige "Documenta" in Kassel verzeichnet zur Halbzeit der Ausstellung einen Besucherrekord. Aus der Kunstszene kommen hingegen auch kritische Stimmen.

Der Start war fulminant. Fast 4000 Journalisten aus aller Welt verfolgten den Documenta-Auftakt Mitte Juni. Die meisten schrieben Freundliches über die zwölfte Auflage der weltweit wichtigsten Ausstellung moderner Kunst. Bundespräsident Horst Köhler zeigte sich angetan und die Kunstszene sorgte gleich in der ersten Woche für die wichtigen Skandälchen. Doch das Interesse schlug zum Teil in Kritik um, Beschwerden über die Politik der Ausstellungsmacher trübten das Bild. Zur Halbzeit, nach 50 der 100 Tagen "Weltkunstausstellung", lautet das Fazit: Besucherrekord, doch die Kunstwelt nimmt von der "d12" nur verhalten Notiz.

Das war zum Start anders. Bis zuletzt hatte Ausstellungsmacher Roger Buergel die Liste der 113 Künstler geheim gehalten. Am Eröffnungstag waren die meisten allerdings auch nicht schlauer: Viele unbekannte Namen, die Künstler aus "der Peripherie" überwiegen - also aus Asien, Afrika, Osteuropa und Südamerika. Doch für die mediale Aufmerksamkeit sorgten provozierte Pannen: So entfernten Straßenkehrer - nach Rücksprache mit den Ausstellungsmachern - ein Werk der Documenta-Künstlerin Lotty Roseneld.

Es fehlen die Stars

Und nicht einmal eine Woche später stürzte die Skulptur "Template" von Ai Weiwei, der mit seinen "1001 Chinesen" Aufsehen erregte, ein. Zur Ausstellungseröffnung hatte noch der Bundespräsident unter dem zwölf Meter hohen Holzturm aus alten chinesischen Türen gestanden. Angeblich hatten Statiker dem Turm nur eine Freigabe bis Windstärke 3 gegeben - ein Wert, der auch in Kassel alle paar Wochen erreicht wird.

"Ich bin sehr zufrieden mit der ersten Hälfte. Es ist uns gelungen, das Publikum zu spalten", sagt Ausstellungsmacher Roger Buergel. Er muss seine Documenta durch schweres Fahrwasser bringen: Gleichzeitig mit der Documenta finden die Biennale in Venedig, die Skulptur-Projekte in Münster und die Art Basel statt. Zudem fehlen der Szene die Stars wie vor 30 Jahren, als jeder Laie schon von Joseph Beuys, Salvador Dali, Roy Lichtenstein oder Andy Warhol gehört hatte. Die Konzentration auf unbekannte Namen sorgte für Interesse. "Slow Art" nennt es Buergel: "Hier wird der Besucher entschleunigt".

Peinlich und belanglos

Von der "langweiligsten, konservativsten, belanglosesten und humorlosesten Ausstellung", die er je gesehen habe, sprach der Kunstsammler Rolf Ricke im Hessischen Rundfunk. Statt mit aktuellen Themen beschäftige sich die Documenta-Kunst lieber mit sich selbst. "Das ist so peinlich, dass ich heulen könnte." Volker Rattemeyer, Direktor des Museums Wiesbaden, sieht die Werke "völlig beziehungslos zueinander gehängt". Fehlenden Mut wirft er Buergel vor: "Diese Documenta drückt eine gewisse Ratlosigkeit aus."

Andere Kritiker sind profaner: Händler beschweren sich, dass sie von der Documenta ins Abseits gedrängt würden und der Bildungsreiseanbieter Studiosus will, stellvertretend für die Branche, die Documenta sogar verklagen, weil er seine Gruppen nicht selbst durch die Ausstellung führen dürfe.

"Wir müssen mehr erklären"

Aller Kritik zum Trotz: Den Zuschauern scheint es zu gefallen. Nicht nur, dass die Documenta-Leitung mit 330.000 Gästen zur Halbzeit einen Besucherrekord meldet. Auch in der Ausstellung selbst höre er keine Kritik an den Künstlern oder der Ausstellung, sagt Buergel. Ein Dilemma hat Buergel selbst erkannt: Er betont zwar gern den Bildungscharakter seiner Documenta, an den Werken selbst fehlt aber jede Hintergrundinformation. Die Schildchen verraten nur den Künstler, das Jahr, die Ausmaße und den Namen des Werks - nicht selten "untitled". "Wir müssen da mehr erklären", sagt der Ausstellungsmacher und will jetzt Texttafeln aufhängen lassen.

Andere Änderungen sind praktischer Natur: Bei James Colemans Videoinstallation "Retake with Evidence" trennt eine Glasscheibe den Vorführraum ab - was zu kleineren Unfälle führte. Buergel: "Ich bin in dem Raum selbst mal eingenickt und dann etwas benommen gegen die Scheibe geknallt. Das wird geändert."

Chris Melzer/DPA DPA

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