HOME

Ein Kunst-Krimi: Die wundersame Rettung "Entarteter Kunst"

Es klingt wie ein Thriller: Nazis und verschollene Kunst, dramatische Wendungen, seltsame Irrwege und ein Happy End. Mitten in Berlin fanden Archäologen längst zerstört geglaubte Statuen.

Von Anja Lösel

Angefangen hat alles mit einem runden, metallischen Gegenstand, der einem Bauarbeiter von der Baggerschaufel fiel. Zwischen Schutt aus dem Zweiten Weltkrieg lag da plötzlich eine Bronzeskulptur, verkleistert mit Kalk und Schmutz zwar, aber doch deutlich als Frauenkopf zu erkennen.

Es schien zunächst ein Einzelstück zu sein, doch dann buddelten dazu gerufene Archäologen immer mehr Skulpturen aus. Elf insgesamt. Bei weiteren Grabungen noch einmal fünf: aus Bronze, aus Ton, aus Stein. Und das alles mitten in Berlin, vor dem Roten Rathaus, in Sichtweite von Bürgermeister Wowereit.

Schon bald war klar: Was da zutage kam, sind Skulpturen aus der Nazi-Propaganda-Ausstellung "Entartete Kunst" - aus deutschen Museen geraubt, später verschwunden, für verschollen oder gar zerstört gehalten. "Dieser Fund ist einzigartig!", sagt Matthias Wemhoff, Berliner Landesarchäologe und Museumsdirektor. "Archäologische Funde sind in der Regel Opfer von Katastrophen. Wie in Pompeji und jetzt hier in Berlin."

Schön, aber unwahr

Aber wie waren die Kunstwerke in die U-Bahn-Baustelle am Roten Rathaus gekommen? Klar war: Nach der Schmäh-Ausstellung "Entartete Kunst", die 1937 in München begann und durch Deutschland tourte, waren sie im Reichspropagandaministerium in Berlin gelandet. Von dort wurden einige gegen Devisen ins Ausland verkauft, der Rest vernichtet. So dachte man. Offenbar aber hatten 16 von ihnen überlebt. Hatte jemand sie gerettet? Archäologe Wemhoff und seine Mitarbeiter stießen auf einen Namen, der die Lösung zu sein schien: Erhard Oewerdieck, Steuerfachmann und Treuhänder. Er hatte in dem Haus gearbeitet, in dessen Kriegsschutt die Kunstwerke gefunden wurden.

Wie Oskar Schindler war Oewerdieck einer der mutigen Deutschen, die Juden halfen, sie versteckten und einigen die Flucht aus Nazideutschland ermöglichten. In der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem wurde für ihn und seine Frau Charlotte sogar ein Baum in der Allee der "Gerechten unter den Völkern" gepflanzt.

Gut möglich, dass Oewerdieck nicht nur Menschen, sondern auch Kunstwerke versteckte und versucht hat, sie zu retten, dachte Wemhoff. Womöglich brannte das Bürohaus ab, bevor Oewerdieck die Skulpturen ins Ausland bringen konnte.

Doch so schön diese Geschichte auch klingt, sie ist nicht wahr. Oewerdieck hatte mit den wiedergefundenen Kunstwerken nichts zu tun. Das mussten Wemhoff und seine Mitarbieter nach langen Recherchen einsehen. Ein vergessenes Dokument in einem Archiv brachte sie schließlich auf die richtige Spur: Das Reichspropagandaministerium der Nazis lagerte Kunstwerke, die in verschiedenen deutschen Museen beschlagnahmt worden waren, in einer ganz normalen Wohnung in der Königstraße 50. Zunächst wusste wohl keiner so recht, was man mit ihnen machen sollte, nachdem sie von der Propagandatour "Entartete Kunst" zurück nach Berlin gekommen waren.

Heimkehr nach 75 Jahren

Als das Haus bei Bombenangriffen im Spätsommer 1944 zerstört wurde, dürften die Skulpturen wohl mit Trümmern und Asche abgerutscht und im Schutt verschwunden sein. Niemand erinnerte sich mehr an das Depot. Dass es jetzt gefunden wurde, ist ein glücklicher, fast unglaublicher Zufall.

Viele Kunstwerke, die aus Holz oder Leinwand bestanden, sind komplett verbrannt. Der Rest ist, so Wemhoff, "von der Geschichte gezeichnet". Ein Terrakotta-Kopf von Otto Freundlich ist zerbrochen. Die "Schwangere" der Künstlerin Emy Roeder hat keinen Bauch mehr. Der Bronzekopf aus der Baggerschaufel, ein Werk von Edwin Scharff, ist inzwischen von seinen Verklebungen gereinigt, trotzdem sind Flecken und Schrammen geblieben.

Das macht die Skulpturen zu einmaligen Zeugen der Berliner und der deutschen Geschichte. Noch bis zum Sonntag sind sie im Neuen Museum auf der Berliner Museumsinsel zu sehen. Nächste Station ist das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (ab 20. April). Dort waren drei von ihnen vor dem Krieg ausgestellt, darunter der wunderschöne Terrakotta-Kopf von Otto Freundlich. Von dort wurden sie von den Nazis verschleppt. Nach 75 Jahren kehren sie wieder nach Hause zurück.