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Erik-Jan Ouwerkerk: Metropolen in Momentaufnahmen

Er fotografiert seit Jahren die großen Städte dieser Welt – mit eigenwilligem Blick und außergewöhnlicher Liebe zum Detail. Der gebürtige Niederländer Erik-Jan Ouwerkerk präsentiert nun eine Auswahl seiner faszinierenden Stadtansichten in der Berliner Architekturgalerie Aedes am Pfefferberg.

Von Almut F. Kaspar

Mumbai im Regen. Monsun. Es schüttet aus allen Wolken. Hier und da schützen sich vereinzelte Fußgänger mit knallbunten Regenschirmen, dort ein junger Mann mit einer blaue Plastikplane. Ein nach vorn gebeugter Radfahrer fährt seiner Wege, und der spärliche Autoverkehr kommt nur schwerfällig voran. Scheinbar unbeeindruckt vom kräftigen Schauer bewegen sich kleine Menschengruppen durch die Straße. Willkommene Abkühlung oder einfach nur gelebter Buddhismus im Alltag? Man weiß es nicht.

Gelassenheit und Liebe zum Detail

Und genau das macht die Faszination der Bilder des Berliner Fotografen Erik-Jan Ouwerkerk aus: die außergewöhnliche Sicht auf Menschen und Dinge, das liebevolle Festhalten des Augenblicks. Innehalten für einen Moment. Durchatmen und Abwarten. Man möchte in den Bildern versinken, zuhören, denn solche Fotos erzählen Geschichten. Und strahlen dabei etwas ganz Besonderes aus: geduldige Gelassenheit und die Liebe zum Detail.

Vom 25. April bis zum 30. Mai wird im Studio der renommierten Architekturgalerie Aedes am Pfefferberg in Berlin die Ausstellung "United City – Stadtbilder von Caracas bis Shanghai" gezeigt. Erik-Jan Ouwerkerk ist ein Begriff in der Szene, geschätzt für seine Bescheidenheit und hoch gelobt für seine professionelle Arbeit. Die Bilder des gebürtigen Niederländers, der 1959 in Den Haag geboren wurde, nehmen uns mit auf eine weitläufige Zeitreise. Zwischen 1994 und 2007 entstanden tausende von Fotos, die Ouwerkerk während seiner Reisen in die großen Städte dieser Welt aufgenommen hat: Caracas, Havanna, London, New York, Kiew, Beijing, Phnom Penh – die Liste ist kaum mehr zu überschauen. Überwältigend. In der Schau selbst werden 23 hochformatige Bilder im Format 70 mal 90 Zentimeter, teils farbig, teils schwarz-weiß, gezeigt. Hinzu kommen zwei Collage-Tische mit kleinen und feinen Werken, die geschützt unter Glasplatten liegen.

"Es war eine wirklich schwierige Entscheidung, eine perfekte Auswahl zu treffen", sagt Erik-Jan Ouwerkerk, "denn jede Stadt, die ich bereist habe, ist auch ein Teil meiner Geschichte." Und viele Fotos seien heute wahre Zeitdokumente – nichts ist mehr so, wie es einmal war. Felix Zwoch, Chefredakteur des Fachmagazins "Bauwelt", veröffentlicht schon seit vielen Jahren die einzigartigen Stadtansichten Ouwerkerks. Er ist überzeugt: "Kein anderer zeitgenössischer Fotograf – ich wage zu sagen: auf der ganzen Welt – hat ein so umfangreiches Werk fotografischer Stadtansichten vorzuweisen." Und das ist nicht übertrieben, denn Ouwerkerk bewegt sich mit offenen, staunenden Augen durch die Welt, und er hat sein Thema, "Stadt als Lebensraum", schon lange für sich entdeckt.

Zugeständnisse an die digitale Welt

Die Arbeitsweise Ouwerkerks kann man getrost als "konservativ" bezeichnen. Da ist jemand, der das klassische Handwerk der Fotografie wirklich beherrscht. Wie wohltuend in einer Zeit, in der so viele Fotografen eifrigst bemüht sind, schnellstmöglich den "besten" Moment zu erhaschen. Ganz anders Ouwerkerk. In seinen Bildern spielt Zeit eine große Rolle. Er wartet gern ab, liefert uns dafür aber spektakuläre Aus- und Einblicke in bis dato verschlossene Welten. Seine Stadtbilder sind wunderbare Reportagen, die es auf geheimnisvolle Weise schaffen, uns ein Stück mit auf die große Reise zu nehmen. Er vernebelt nichts. Ouwerkerks Fotos sind authentisch. So wie er selbst. Zum Zeitpunkt des Entstehens sind die Bilder bereits makellos auskomponiert. Da wird später nicht mehr manipuliert, bearbeitet, verschönert.

Jahrelang hat Ouwerkerk, ganz gegen den Zeitgeist, mit seiner alten Nikon gearbeitet. Viele Nächte seines Lebens hat er im eigenen Labor verbracht, hat entwickelt und vergrößert. Doch diese Zeit ist nun auch für ihn vorbei: "Irgendwann musste ich einsehen, dass ich mich nicht aus der digitalen Fotografie und der elektronischen Bildbearbeitung ausschließen kann." Was natürlich auch Vorteile hat, "denn das Einscannen der Bilder war doch rückblickend ein sehr mühsamer Akt". Der studierte Biologe arbeitet vorwiegend für Magazine, Buchverlage und Tageszeitungen. Die greifen immer wieder gern auf seine zeitlosen Archivaufnahmen zurück.

Ouwerkerk hat die "Berliner Schnauze" bebildert

Seit er 1988 nach Berlin übergesiedelt ist, hat er sich auch einen Namen als klassischer Architekturfotograf gemacht. Aber auch diese Arbeiten sind immer mit einem sehr subjektiven Blick aufgenommen. "Bauwelt"-Chefredakteur Felix Zwoch kennt den eigenwilligen Fotografen auch in anderen Rollen: "Mal als ironischen Chronisten und manchmal als fassungslosen Gast outrierter Architektur-Events wie der Expo in Hannover, der MIPIM in Cannes oder der Architektur-Biennale in Venedig."

2004 hat Erik-Jan Ouwerkerk einen sehr bemerkenswerten Bildband im Nicolai Verlag über Berlin herausgebracht. Spätestens da spürt man, wie sehr ihm Berlin ans Herz gewachsen ist. In "Berlin 24h" ist es ihm gelungen, die berühmt-berüchtigte "Berliner Schnauze" wortlos in Bilder zu packen – er wertet nicht, will keine Vergleiche anstreben, sondern spiegelt nur das wider, was er sieht und fühlt. Vielleicht schafft man das nur, wenn das innere Auge respektvoll Distanz hält.

Der kurze Augenblick zwischen Vorher und Nachher

Denn diesen respektvollen Blick hat er auch mit auf seine Städtereisen genommen. Ob es der Stau in Caracas ist oder gelb gekleidete Fotografen vor dem Palast des Volkes in Chongqing sind, die lächelnden Kellnerinnen in Shanghai oder bunte Festtagsroben im trostlosen Warschauer Hinterhof – eines haben die Abbildungen alle gemein: Sie sind Momentaufnahmen, man wartet darauf, dass etwas kommt oder vergeht. Und diese Übergangszeit, diesen speziellen Augenblick, hält Eric-Jan Ouwerkerk mit seiner Kamera fest. Voller Spannung sind seine Fotos. Schaut man hin, will man mehr wissen – über den Moment hinaus. Wie geht es weiter?

Ouwerkerk stellt den Ist-Zustand dar. Er weiß um die Neugier, die er mit seinen Bildern auslöst, und spielt mit dem kindlichen Wunsch, mehr zu erfahren. Wird der im Stau stehende Taxifahrer mit seiner Trillerpfeife etwas bewirken können? Wann wird ein Gast die lächelnden Kellnerinnen aus ihrer Starre befreien? Welche Frau wird es in den schäbigen Warschauer Hinterhof verschlagen? Vergessen Sie s. Ouwerkerk wird darauf keine Antworten geben können. Hat er den richtigen Augenblick für sich gefunden, dann ist er auch schon wieder auf dem Sprung – auf der Suche nach dem nächsten einzigartigen Moment. Wo immer der ist, wann immer der ist.

Die Ausstellung "United City – Stadtansichten von Caracas bis Shanghai" läuft bis zum 30. Mai 2008 im Studio der Galerie Aedes am Pfefferberg in Berlin