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Ethno-Shows: Die ganze Welt in einem Zirkuszelt

Afrika, Indien, China... ferne Länder haben Hochkonjunktur auf deutschen Bühnen. Unterhaltsam und beliebt sind "Ethno-Shows" allemal. Kritiker monieren, dass sie das Bild dieser Länder verzerren und ziehen Parallelen zu kolonialen Völkerschauen.

Die Welt ist klein - Afrika passt in ein Zirkuszelt, Indien auf die Bühne der Frankfurter Festhalle. Shows, die ferne Länder nach Deutschland bringen, haben Hochkonjunktur. Mehr als 600.000 Besucher lockte André Hellers Zirkusspektakel "Afrika! Afrika!" seit der Weltpremiere im vergangenen Dezember in fünf deutsche Städte. Das Indien-Musical "Bharati" brachte es in diesem Herbst auf knapp 50.000 Zuschauer. Im Frühjahr 2007 will ein "spektakulärer Mix aus traditioneller chinesischer Volksmusik und zeitgemäßem Tanz" unter dem Titel "Shangri La" die Dritte im Bunde der großen Ethno-Shows werden. Doch die Meinungen gehen auseinander, ob es solchen Produktionen tatsächlich gelingt, die jeweiligen Länder authentisch darzustellen. Einige Ethnologen sehen gar Parallelen zu Völkerschauen während der Kolonialzeit.

Nicht nur heilige Kühe, Ganges und Fakire

"Nie zuvor ist es gelungen, die Facetten einer Jahrtausende alten Kultur so kurzweilig und gleichzeitig authentisch zu inszenieren", wirbt Veranstalter Marek Lieberberg für die Tanz-Show "Bharati". Der Inder Arjun Narang, Vorsitzender der Deutsch-Indischen Gesellschaft in Kassel, lobt: "Ich finde es sehr gut, dass eine Show versucht, ein vollständiges Bild von Indien zu vermitteln - im Westen kennen viele von Indien doch nur heilige Kühe, Ganges und Fakire." Ähnliche Reaktionen hatte es nach der Premiere von Hellers farbenprächtigem Versuch gegeben, dem Schwarzen Kontinent ein Profil fernab von Hunger, Armut und Korruption zu geben. "Das ist eine tolle Idee zu zeigen, dass Afrika auch anders ist", befand ein Mitarbeiter aus Ruanda beim Gastspiel in Frankfurt.

Allerdings sieht der 68-Jährige Arjun Narang auch Probleme: "Die Gefahr ist, dass das zu sehr vermarktet wird." Bedenken, dass eine solche Massenproduktion ins Kitschige kippt, hat auch der Geschäftsführer des Internationalen Theaters Frankfurt, Jan H. Mayer: "Ich befürchte, dass man sich von der Authentizität weg bewegt, wenn man in so große Hallen geht." Schließlich bürgen Großprojekte auch erhebliche finanzielle Risiken - da seien Veranstalter schon versucht, "sich auf Moden einzulassen, um das abzusichern". Mayer beobachtet derzeit eine Welle großer Ethno-Shows, die vor allem mit Tanz bestückt sind. "Tanz verkauft sich gut. Ich glaube aber schon, dass Tanz ein umfassendes Bild einer Kultur geben kann - Sprache setzt immer Grenzen", sagt der Theatermacher.

"Positive Stereotypen"

"Diese Länder haben Formate verinnerlicht, zum Beispiel Musicals, die die Menschen hier anlocken", sagt die Ethnologin Ursula Rao von der Universität Halle/Saale. Ethno-Shows seien "simple Produktion von Stereotypen", meint sie. "Allerdings spielen sie positiv mit Stereotypen, um Werbung für ein Land zu machen." Insofern gehörten die einstigen Kolonisierten inzwischen mit zu den Gewinnern solcher Shows, die nach Meinung von Völkerkundlern durchaus Parallelen mit so genannten Völkerschauen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aufweisen: Damals wurden Menschen fremder Kulturen angeworben, um zahlendem Publikum als "typisch" erachtete Tätigkeiten ihrer Heimat vorzuführen.

"Wir hatten das Gefühl, dass man durchaus eine Linie von damals nach heute ziehen kann", erklärt Markus Höhne, der sich als Doktorand am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle/Saale mit der Darstellung fremder Kulturen in Deutschland beschäftigt hat. "Was sich nachvollziehen lässt, ist: Das ökonomische Prinzip spielte damals wie heute eine Rolle" - es gehe stets darum, "Kasse zu machen".

"Bharati" indes strebt nach Bekunden der Darsteller nach mehr als schnödem Mammon. Der Erzähler der Geschichte um eine zunächst unglückliche Liebe fasst es an einer Stelle der mehr als zweistündigen Show so zusammen: "Während andere Kulturen auf der Suche nach Reichtum ihre Grenzen überschritten, suchte Indien sein inneres Licht und schenkte der Welt Yoga, Buddha, Ayurveda."

Jörn Bender/DPA / DPA