"Mother Africa" Harte Arbeit für schwerelose Akrobatik


Sie verbiegen sich, dass den Zuschauern der Atem stockt - und verströmen dabei noch gute Laune im kalten deutschen Winter. Die Artisten von "Mother Africa" proben für ihre große Deutschland-Tournee. Ein Besuch in ihrem Kölner Trainingslager.
Von Tim Farin, Köln

Der Beat der Percussions verströmt fremdländischen Zauber an diesem kalten Kölner Wintermorgen, der Rhein dampft in der Eiseskälte, aus der Nähe dringen schwungvoll-hüpfende Töne und Frauengesang herüber. Sie kommen aus dem weißen Zirkuszelt, dessen Eingang einen Spalt weit geöffnet ist. Im Innern kreisen einige junge schwarze Frauen mit den Hüften und schauen vom Rand dem bunten Treiben zu, das konzentriert wirkt und verspielt zugleich. Keulen fliegen durch die Luft, ein Mädchen balanciert mit einem Tisch auf den Füßen, ein Schlangenmensch dehnt sich.

Hier im Zirkus- und Artistikzentrum Köln proben Körperkünstler und Musiker für die Ur-Aufführung der Show "Mother Africa", einer halsbrecherischen Safari aus Rhythmen und Artistik, die am 27. Dezember im bayerischen Rosenheim Premiere feiern wird. Seit fast zwei Wochen sind sie nun in Deutschland, noch sitzt nicht jeder Handgriff, aber Show-Direktor Winston Ruddle wirkt entspannt, so wie er an einem Zeltdachträger lehnt und seinen Künstlern zuschaut. "90 Prozent der Artisten sind schon da", sagt Ruddle, "wir machen jeden Tag Fortschritte. Unsere Show wird noch besser als im vergangenen Jahr."

Nach Premiere und einer Reihe von Shows in Rosenheim wird "Mother Africa" ab Anfang Januar durch Deutschland touren, in Theatern, Stadthallen und Konzertsälen auftreten. Ensemble-Chef Winston Ruddle und sein Co-Produzent Hubert Schober hoffen, dass sie mit ihrem Programm den Erfolg des Vorjahres noch überbieten können. Damals hatten sich mehr als 150.000 Zuschauer Karten für das Vorgängerprogramm "Mama Africa" gekauft, wo die Afrikaner gastierten, die Presse ließ sich nicht selten zu Lobeshymnen hinreißen.

18 Darbietungen umfasst das neue Programm des rein afrikanischen Zirkus. Ein gefeierter Star des vergangenen Jahres garantiert auch diesmal den Applaus. Lazarus, ein 24 Jahre alter Kenianer von knapp 1,60 Meter, gerade mal 50 Kilogramm leicht und jemand, der Zuschauern schon bei seinen Aufwärmübungen den Atem raubt. Aus dem Stand dreht er seinen Oberkörper so weit nach hinten, dass er mit Handflächen ohne Schwierigkeit den Boden berührt. "Als ich sieben war, habe ich das ausprobiert und gemerkt, dass ich Talent habe", erinnert sich der Mann im hautengen Gymnastik-Dress. Seine Kunst demonstriert er zur Show-Musik in der Manege, Zirkusdirektor Ruddle schaut mit dem kritischen Blick des Experten herüber.

Raucherbein mal anders

Der gelenkige Lazarus bewegt sich langsam empor, seine Grundposition ist der Handstand auf zwei Griffstangen über einem hohen Tisch, aus dieser Lange verdreht und verrenkt er sich in der Luft, hält sein ganzes Gewicht auf einem Arm, während er seitlich in der Luft schwebt, und als Höhepunkt seiner Darbietung zündet er sich mit den rückwärts um den Körper geschlungenen Füßen eine Zigarette an, die er mit den Zehen hält und zum Mund führt. Eine Sängerin intoniert "My African Dream".

Für Lazarus ist dieser Zirkus ein Traum. Im kenianischen Städtchen Nakuru, dort, wo er herkam, fanden sie zwar seine Künste ganz skurril. Doch um damit Geld zu verdienen, musste Lazarus schon in die Touristenhotels an der Küste bei Mombasa abwandern. Dort entdeckte ihn vor ein paar Jahren Winston Ruddle, er sprach den jungen Mann an - und verpflichtete ihn für seine Zirkusschule in Tansania. Lazarus ist froh darüber, vor deutschem Publikum aufzutreten. Besonders begeistert ist er vom Schnee, letztes Jahr war er einmal in den Alpen Skifahren. "Ich passe dabei natürlich unheimlich auf", sagt Lazarus, und trotzdem legte sich auch der Schlangenmensch einmal auf die Nase.

Schlangenmensch auf Skiern

Es steckt harte Arbeit hinter dem Show-Programm, die Artisten wissen davon zu berichten. Zwei Stunden Muskel- und Koordinationsübungen am Tag absolviert jemand wie Lazarus mindestens, die vier Jungs der "Abyssinian Jugglers" aus Äthiopien schleudern ihre Keulen so lange zu den immer gleichen Gitarrenriffs durch die Luft, bis die Übung sitzt. Winston Ruddle weiß, dass die Zuschauer für ihr Eintrittsgeld professionelle Leistung sehen wollen. Für die meisten Künstler in seinem Ensemble war das eine neue Erfahrung, sehr viele von ihnen haben ihr Geld früher auf Märkten und an Touristen-Orten verdient. Patzer darf man sich vor einem kritischen deutschen Publikum kaum erlauben, weiß Direktor Ruddle.

Schon 2003 hatte Ruddle, inzwischen 39 und früher selbst ein vielseitiger Artist, seinen heutigen Partner Hubert Schober von einer afrikanischen Zirkus-Show überzeugen wollen. Er brachte dem Deutschen Videos von seinen Künstlern mit, doch was Schober sah, schien ihm nicht für den unsentimentalen europäischen Markt zu reichen. Also erhöhte Ruddle in seiner Akrobatikschule im tansanischen Daressalam die Schlagzahl, professionalisierte das Training, reiste durch Afrikas Länder, um weitere Talente zu sichten. "Es braucht Millionen von Versuchen, bis man perfekt ist", sagt der Mann mit der orangefarbigen Mütze, "und heute sind wir sicher zehnmal so gut wie vor zwei Jahren."

Das Programm von "Mother Africa" garantiert Vielfalt, für die man hier im Kölner Zirkuszelt jeden Tag von morgens bis abends probt, während ein Schneider ganz hinten im Zelt die Kostüme näht. Die Zuschauer werden Einrad-Fahrer sehen, einen humorvollen Rolla-Rolla-Auftritt, Jonglagen mit Hand und Fuß, halsbrecherische Kontorsionen. Dazu kommen Tanz-Auftritte aus allen Teilen des Mutterkontinents und gemischte Melodien der Welt, auf afrikanische Weise inszeniert von der tansanischen "InAfrica Band".

Warum aber muss es gerade afrikanischer Zirkus sein? Winston Ruddle hat eine gute Erklärung für die Popularität, die Show-Acts von seinem Kontinent in den vergangenen Jahren gewonnen haben. "Seit Jahrhunderten gibt es den Zirkus, aber die Zuschauer sind oft gelangweilt von den immergleichen Show-Acts", glaubt er. Auch innerhalb der europäischen Szene gebe es eine Form von Artisten-Recycling, Künstler wanderten vom einen zum nächsten Ensemble - dadurch bleibe die Grundmelodie der Programme immer ähnlich. "Bei uns gibt es auch exzellente Akrobatik", sagt Ruddle, "aber wir bieten andere Musik, andere Farben, andere Kostüme, das mögen die Leute." Und wenn sie die wahre afrikanische Erfahrung erleben wollten, dann sollten sie sein Programm anschauen. "Natürlich haben wir eine Choreographie, aber wir bieten im Vergleich zu anderen Produktionen ein rohes, echtes afrikanisches Erlebnis."


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