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Erfolg der Impfkampagnen "Historischer Tag" – afrikanischer Kontinent frei von Polio

Plakat "Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam"; Polio-Patientin im Südsudan
In Deutschland warben die Behörden jahrzehntelang für die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung. Auf dem afrikanischen Kontinent gilt das Poliovirus nun als ausgerottet – Infektionen können schwerwiegende Folgen für die Betroffenen haben (junge Frau im Südsudan, 2017)
© Archiv, Sam Mednick / AP Photo / Picture Alliance
Die Welt ist der Ausrottung einer schweren Krankheit einen Schritt nähergekommen. Der afrikanische Kontinent gilt nun als frei von Polio. Doch der Erfolg ist fragil.

Es ist ein riesiger Erfolg im Kampf gegen die Krankheit: Wilde Polioviren, die die Kinderlähmung auslösen, gelten auf dem afrikanischen Kontinent jetzt als ausgerottet.

Die unabhängige Africa Regional Certification Commission erklärte am Dienstag in Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo, dass in allen 47 Ländern der Afrika-Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Wildtyp des Poliovirus ausgerottet sei. Diese Einstufung bedeutet, dass es auf dem Kontinent seit mindestens drei Jahren keine Erkrankungen durch Poliowildviren mehr gab. 

"Kinder können frei von wildem Polio leben"

Die Euphorie über den Meilenstein ist groß. "Heute ist ein historischer Tag für Afrika", sagte die Leiterin der Kommission, Rose Leke. "Nun können künftige Generationen an afrikanischen Kindern frei vom wildem Polio leben", so Matshidiso Moeti, die WHO-Leiterin für Afrika. Doch weiterhin bestehe auf dem Kontinent eine seltene, von Impfungen stammende Form von Polio. Auch durch die zunehmende Mobilität der Menschen kann das Virus wieder nach Afrika gelangen. "Polio irgendwo (auf der Welt) ist ein Risiko für jedes Land", erklärte Michael Galway, der stellvertretende Leiter des Polio-Programms bei der Gates Foundation.

Durch die Ausrottung des Virus in Anfrika gibt es zurzeit nur noch zwei Länder auf der Erde, in denen das wilde Polio verbreitet ist: Afghanistan und das bevölkerungsreiche Pakistan. In letzterem ist nach monatelanger Unterbrechung durch die Coronavirus-Pandemie das Impfprogramm wieder angelaufen, wie der Koordinator der Polio Eradication Initiative in dem 212-Millionen-Einwohner-Staat, Rana Safdar, der Nachrichtenagentur DPA sagte. Rund 40 Millionen Kinder sind dort nach Schätzungen ungeimpft.

Polio/Kinderlähmung ist eine äußerst ansteckende Viruserkrankung, die bei Infizierten Lähmungen der Arme oder Beine verursachen oder sogar zu einer tödlichen Lähmung der Atemmuskulatur führen kann. Die Verbreitung war einst in Mitteleuropa so ausgeprägt, dass der Kontakt mit dem Erreger meist schon im Kindesalter erfolgte, daher die Bezeichnung "Kinderlähmung". Jedoch können auch Erwachsene betroffen sein. 

Das Poliovirus wird hauptsächlich über den Stuhl ausgeschieden und durch sogenannte Schmierinfektionen übertragen. So wird der Erreger beispielsweise durch unsaubere Hände nach dem Toilettengang über Türgriffe weiter verbreitet. Möglich ist auch eine Ansteckung über Tröpfcheninfektion, wenn der Erreger durch Niesen oder Husten in die Luft gelangt. 

Der beste Schutz ist eine Impfung im Säuglingsalter. Je nach Alter des Kindes und Art des Impfstoffs sind drei bis vier Impfungen nötig.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte 1988 beschlossen, Polio weltweit ausrotten zu wollen, so wie es bei den Pocken in den 1970er Jahren gelungen ist. Eine gigantische Aufgabe, deren Erfüllung die Weltgemeinschaft nun ein Stück näher gekommen ist. In der Bundesrepublik wurden die letzten Fälle 1992 erfasst, ganz Europa gilt seit 2002 frei. Danach wurden einzelne Polio-Fälle auf den Lebendimpfstoff in der Schluckimpfung gegen die Kinderlähmung zurückgeführt. Seit 1998 wird daher mit abgetöteten Polioviren geimpft.

"Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam"

Gelingen konnte die Polio-Ausrottung in weiten Teilen der Welt nur durch großangelegte Impfkampagnen. Der erste Impfstoff wurde Ende der 1950er Jahre eingesetzt, seither haben Staaten und Organisationen Milliarden in die Bekämpfung der Kinderlähmung investiert. In Deutschland kennt fast jeder den Slogan "Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam", mit dem die Gesundheitsbehörden für eine Impfung warben. Jahrzehntelang hingen solche Plakate in Schulen, Arztpraxen oder Rathäusern. Auch heute noch empfiehlt die Ständige Impfkommission eine Immunisierung. Sie sei solange notwendig, bis "nirgendwo auf der Welt mehr Polioviren zirkulieren", erklärt das Robert-Koch-Institut dazu.

Wann es soweit sein wird, ist allerdings bei aller Euphorie nicht absehbar. Die Gates Foundation, die zusammen mit anderen Organisationen Polio bekämpft, hofft jedenfalls, dass der Wildtyp des Poliovirus in zwei bis drei Jahren auch in Pakistan und Afghanistan ausgerottet sein wird.

Quellen: Robert-Koch-Institut, Weltgesundheitsorganisation, Nachrichtenagenturen DPA und AFP

wue

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