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Bildhauer Fritz Koenig: Seine Kunst überstand 9/11 - geht sie nun in einer "Provinz-Posse" unter?

Was ist uns deutsche Kunst von Weltrang wert? Diese Frage stellt sich gerade in Landshut. Dort droht das Vermächtnis des Ausnahme-Bildhauers Fritz Koenig zu verkommen. Die Kunstszene beklagt einen Skandal.

The Sphere von Fritz Koenig in den Trümmern des World Trade Center nach 9/11-Anschlägen

Symbol der Unvergänglichkeit der Kunst: Die Skulptur "The Sphere" von Fritz Koenig in den Trümmern des World Trade Centers nach den Anschlägen vom 11. September (September 2011).

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Es ist eines jener Fotos, die nach dem 11. September 2001 Hoffnung machten. Eine bronzefarbene Kugel ragt aus der Trümmerlandschaft des Ground Zero in New York hervor. Es ist ein Stück Kunst aus Deutschland, ein bedeutendes Stück Kunst. Die "Große Kugelkaryatide" des Bildhauers Fritz Koenig, besser bekannt als "The Sphere (Die Kugel)", wurde Anfang der 1970er-Jahre zwischen den Türmen des World Trade Centers (WTC) aufgestellt. Wie durch ein Wunder überstand der Bronze-Globus das Inferno des 9/11-Terrors - schwer gezeichnet zwar, aber doch intakt. Ein Symbol für die Überwindung des Bösen und die Unvergänglichkeit der Kunst.

Nur zu gerne würden Freunde, Weggefährten und Bewunderer des wohl wichtigsten deutschen Bildhauers der Gegenwart auch jetzt an die Unvergänglichkeit des Koenig'schen Schaffens glauben. Doch in den Monaten seit seinem Tod am 22. Februar dieses Jahres sind erhebliche Zweifel daran aufgekommen. Und tatsächlich scheinen Irrungen und Wirrungen in der Kunstszene des niederbayerischen Landshut, wo Koenig in den vergangenen knapp sechs Jahrzehnten lebte und arbeitete, in gewisser Weise dazu angetan, dem Gesamtwerk des Ausnahme-Künstlers mehr Schaden zuzufügen als es die einstürzenden Twin Towers vor 16 Jahren taten. Vor allem fürchten Kunstexperten und Bewunderer Koenigs den Verfall des einzigartigen Künstlerhauses auf dem Ganslberg vor den Toren der Stadt.

"Es herrscht ein unangenehmes Klima"

Alexander Putz, Oberbürgermeister von Landshut

Alexander Putz, OB der Stadt Landshut und Vorsitzender der Koenig-Stiftung

Alle Zutaten für eine "Provinz-Posse allererster Güte", so der Chef der SPD-Stadtratsfraktion in der "Landshuter Zeitung" (LZ), sind jedenfalls vorhanden. Da wechseln geharnischte Briefe den Adressaten, werden öffentlich persönliche Animositäten ausgetragen, Eitelkeiten zur Schau gestellt und schmutzige Wäsche gewaschen. Zudem werden immer wieder unschöne Vorwürfe laut. So sollen Weggefährten Fritz Koenigs, so heißt es, die zuletzt finanziell schwierige Situation des betagten und pflegebedürftigen Künstlers ausgenutzt haben, um für vergleichsweise kleines Geld in den Besitz Koenig'scher Kunst zu gelangen.

Da sei viel Hörensagen, stille Post und Fehlinformation dabei, entgegnet Landshuts Oberbürgermeister Alexander Putz (FDP), zugleich Vorstand der vom Künstler zu Lebzeiten gegründeten "Stiftung Fritz und Maria Koenig", im Gespräch mit dem stern. Er spricht von teils "künstlicher Empörung", aber auch davon, dass in der Sache Koenig ein "unangenehmes Klima" herrsche. Eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft soll nun alle "Unregelmäßigkeiten" klären

Eine Sache von internationalem Interesse

Das alles könnte man getrost in den Mauern der 69.000-Einwohner-Stadt lassen, wenn es nicht um das Vermächtnis eines Künstlers von Weltrang ginge - eine Sache von überregionalem, ja internationalem Interesse. Im Fokus stehen dabei zum einen der Erhalt des Anwesens auf dem Ganslberg und zum anderen eine große Retrospektive in einem der bedeutendsten Museen der Welt, die beinahe gescheitert wäre: den Uffizien in Florenz. Dass die Werke Koenigs im kommenden Jahr in elf Sälen der 1580 von den Medici begründeten Kunstsammlung sowie dem Boboli-Garten gezeigt werden sollen, ist eine Sensation an sich. Die Ausstellung dürfte dem Werk des berühmten Einwohner Landshuts allerhöchste Weihen verleihen - und ganz nebenbei seiner Heimatstadt größte Aufmerksamkeit.

Fritz Koenig mit einem Modell der "Sphäre" im Landshuter Skulpturenmuseum

Fritz Koenig im Landshuter Skulpturenmuseum mit einem Modell seiner Skulptur "Die Sphäre", die den Terror des 9. September überstand (2002).

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Um internationale Reputation für Koenigs Werk geht es unter anderen dem Londoner Kunsthändler Alexander Rudigier. Der Koenig-Bewunderer, beruflich nach eigener Aussage mit zeitgenössischer Kunst nicht befasst, wurde daher nach dem Tod des Bildhauers initiativ, berichtet er dem stern. Er wandte sich an den deutschen Direktor der Uffizien, Eike Schmidt, an das Landshuter Skulpturenmuseum am Hofberg, das dem Werk Koenigs verschrieben ist, und stellte seine Idee zudem dem Vorstand der Koenig-Stiftung vor, die das Museum trägt. Dabei ließ der Kunsthändler auch anklingen, dass dank seiner Kontakte die Werkschau außer in den Uffizien vielleicht auch in jener Stadt gezeigt werden könnte, in der Koenig durch seine "Sphere" einen besonderen Platz hat: New York.

Fritz Koenig in den Uffizien - beinahe gescheitert

Fritz Koenig

Fritz Koenig (1924 - 2017)

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Ein Geschenk für Landshut und das Skulpturenmuseum. Die Koenig-Stiftung aber erkannte die Chance zunächst nicht, sondern fühlte sich in erster Linie wohl übergangen. Wie die "Landshuter Zeitung" berichtete, reiste der stellvertretende Stiftungs-Vorsitzende, der frühere Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen Reinhold Baumstark, im vergangenen Sommer ohne weitere Absprache nach Florenz, um sich dort als alleiniger Ansprechpartner für die Koenig-Retrospektive vorzustellen. Auf eine Zusammenarbeit mit dem Mann, der den Uffizien-Coup eingeleitet hatte, legte die Stiftung offenbar keinen Wert - und tat dies in entsprechenden Schreiben auch kund, wie Rudigier dem stern bestätigt. Es entstand ein im Ton offenbar sehr deutlicher Briefwechsel. Die Folge: Die große Werkschau stand schon vor dem Aus noch bevor die Pläne konkret werden konnten.

Es sei letztlich der kritischen Berichterstattung der "LZ", die Bevölkerung und Stadtpolitiker aufgerüttelt habe, zu verdanken, dass das Projekt gerettet werden konnte, sagt Alexander Rudigier. Aber auch Uffizien-Direktor Schmidt wurde aktiv und telefonierte mit OB Putz. Per Fax betonte Schmidt danach nochmals, er sei stolz, dass die erste große Ausstellung nach dem Tod von Fritz Koenig in Zusammenarbeit mit dem Landshuter Skulpturenmuseum in Florenz realisiert werde. Im kommenden Sommer soll es soweit sein.

Uffizien-Chef Eike Schmidt ist stolz, die erste Retrospektive von Fritz Koenig zu veranstalten

Nach eigenem bekunden stolz, die Fritz-Koenig-Retrospektive zu realisieren: Koenig-Bewunderer und Uffizien-Direktor Eike Schmidt.

Gibt es ein Happy-end für den Ganslberg?

Ob es auch für Koenigs Anwesen auf dem Ganslberg ein solches Happy-end geben wird, steht dagegen noch in den Sternen. Rudigier bezeichnet das Gelände schlicht als eines der "schönsten Künstlerhäuser, das in Deutschland im 20. Jahrhundert entstanden ist". Uffizien-Chef Eike Schmidt erhebt den Erhalt gar zur "Frage, die Deutschland als Kulturnation" betreffe. Der Ganslberg sei jede Anstrengung wert. Stadt und Stiftung aber sehen sich schon finanziell außer Stande, das Gelände zu erhalten.

Mehr noch: Die Koenig-Bewunderer sehen das Künstlerhaus bereits jetzt als verloren an. Denn so wie es bis zum Tod des Bildhauers existierte, ist das Gelände schon jetzt nicht mehr. Fritz Koenig hat das Anwesen selbst entworfen, hat dort seit 1961 mit seiner vor einigen Jahren verstorbenen Frau Maria gelebt, erschuf und sammelte Kunst, setzte diese in der von ihm modellierten Landschaft in Szene, und unterhielt zudem ein Gestüt von Araberpferden. Ein Ort voller Magie, berichten die, die es erlebt haben. Den Regisseur Percy Adlon ("Out Of Rosenheim") inspirierte diese Magie zu seinem Dokumentar-Film "Ganslberger Jahreszeiten". Und die "Süddeutsche Zeitung" würdigte den Ganslberg quasi als Gesamtkunstwerk: "Alles hatte seinen Platz."

Blick auf das Anwesen von Fritz Koenig auf dem Ganslberg bei Landshut

Hier lebte, arbeitete und starb Fritz Koenig: Das Anwesen des Bildhauers auf dem Ganslberg bei Landshut wäre beim Erhalt eines der bedeutendsten Künstlerhäuser in Deutschland.

"Man konnte das da nicht stehen lassen"

Davon kann allerdings keine Rede mehr sein. Der Ganslberg ist bereits geräumt worden. Sämtliche Werke Fritz Koenigs sowie seine einzigartige Sammlung afrikanischer Kunst seien sicher eingelagert worden, berichtet Stiftungs-Vorstand Putz. Hausrat und Möbelstücke, die für eine museale Präsentation nötig seien, seien ebenfalls gesichert eingelagert worden. Alles sei zudem dokumentiert, so dass eine Rekonstruktion des Zustandes zum Zeitpunkt von Koenigs Tod mit allen relevanten Stücken jederzeit möglich sei. "Man konnte das da nicht stehen lassen", verweist Putz auf die Abgelegenheit des Ganslbergs. "Da geht es zum Teil um ganz profane Dinge." Die Gebäude seien nicht im besten Zustand. Das gesamte Vorgehen der Stiftung, so heißt es in einem Sitzungsprotokoll, stehe "unter dem erklärten Ziel, den Kernbereich der Lebens- und Arbeitsphäre von Fritz Koenig für die Nachwelt zu erhalten". Was ganz in Sinne von Koenig ist, der zu diesem Zweck selbst eine Ausstellung mit dem Titel "Meine Arche Noah" konzipiert hat.

Fritz Koenig im Jahr 2015

Der Mann mit dem schwarzen Hut: Fritz Koenig im Jahr 2015

Diese "Arche" ist nach Lesart der Kritiker mit dem Vorgehen der Stiftung bereits untergegangen. Unverständlich ist ihnen auch, wieso das zuständige Landesamt den Ganslberg nicht als denkmalwürdig einstufte, weil - so die für Koenig-Anhänger "absurde" Begründung - ein Zusammenhang zwischen Ort und Werk nicht erkennbar sei. Der befürchtete Ausverkauf allerdings ist zunächst ausgeblieben. Eine geplante Auktion von Möbeln und anderen Einrichtungsstücken im renommierten Münchner Auktionshaus Ruef wurde von der Stiftung nach heftiger Kritik im letzten Moment gestoppt, wie OB Putz den stern wissen ließ. Unter dem Titel "Ganslberger Erinnerungen" sollten Gegenstände von "zweitrangiger Qualität", so ein Sitzungsprotokoll der Stiftung, an den Meistbietenden verkauft werden. Auch was das Gelände an sich betrifft, tritt Putz schlimmen Befürchtungen entgegen: "Kein Mensch denkt an einen Verkauf".

Freistaat Bayern kann derzeit nicht helfen

"Von einem Skandal kann also überhaupt keine Rede sein", wehrt sich Putz gegen alle Vorwürfe. Ein Konzept, was mit dem einzigartigen Künstlerhaus, dem wertvollen Interieur und der eingelagerten Kunst geschehen soll, hat der OB allerdings auch nicht vorzuweisen. Man habe da alle Zeit der Welt, glaubt er, während seine Kritiker auf den fortschreitenden Verfall des Geländes hinweisen. Dass Architektur-Studenten der FH und TU München, an der Koenig Professor für Plastisches Gestalten war, Konzeptionen für eine künftige Nutzung entwerfen, kritisiert der Publizist und Historiker Michael Wolffsohn in der "Landshuter Zeitung": "Nichts gegen Studenten, aber hier haben wir es mit einem Giganten der Kunstgeschichte zu tun, da lässt man keine Anfänger ran." Wenn das so weitgehe, "dann viel Spaß".

Fritz Koenig The Sphere im Liberty Park in New York

Fast wieder an der alten Stätte: "The Koenig Sphere" im Liberty Park vor dem neuen World Trade Center in New York.

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So ist der Erhalt des einzigartigen Künstlerhauses nun in der Schwebe. "Aus eigenen Mitteln ist das nicht zu stemmen", sagt OB und Stiftungs-Vorstand Putz. "Mit Sicherheit werden wir kein zweites Museum unterhalten." Finanzielle Hilfe - etwa beim bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle - hat die Stiftung bisher nicht erbeten, wie Putz dem stern bestätigt. Laut Ministerium liegt der Ball bei der Stiftung. Ohne, dass Koenigs Testament vollstreckt sei und ohne Nutzungskonzepte für den Ganslberg könne man im Moment keine Aussage treffen, wie der Freistaat sich an der Umsetzung entsprechender Konzepte gegebenenfalls beteiligen könnte, heißt es aus dem Ministerium. Ideen seien weiter gesucht, auch von den Kritikern, so Putz. Vielleicht werde das Anwesen ja zu einer Dependance einer Kunstakademie. 

Koenigs Kugel hat festen Platz in New York

Was in Landshut noch gelingen soll, ist im fernen New York längst Realität. "The Sphere" kündet immer noch von Koenigs Schaffen, und wird dies voraussichtlich auch weiter tun. Zeitweise als Mahnmal für den 11. September im Battery Park aufgestellt, steht die gezeichnete Bronze-Skulptur nun zum gleichen Zweck im Liberty Park, ganz in der Nähe ihres ursprünglichen Standorts, da wo einst die WTC-Türme standen. "Es war eine Skulptur, nun ist es ein Denkmal", sagt Fritz Koenig in Percy Adlons Film "Fritz Koenigs Kugel - Der Bildhauer und der 11. September". "Jetzt hat sie eine andere Schönheit, eine, die ich mir nie vorstellen konnte. Sie hat nun ihr eigenes Leben - ein anderes als das, das ich ihr gegeben habe." Ein eigenes Leben, ein anderes Leben - Worte von Fritz Koenig, die vielleicht auch für den Ganslberg wegweisend sein könnten.