Jewgeni-Chaldej-Retrospektive Perfektionist an der Front


Sein berühmtestes Bild schoss er, als Rotarmisten 1945 die Sowjet-Flagge auf dem zerbombten Berliner Reichstag hissten. Jewgeni Chaldej hatte das Foto nachgestellt und retuschiert - von seiner Wirkung hat es jedoch bis heute nichts eingebüßt. Eine Ausstellung in Berlin ehrt nun den genialen Fotografen.
Von Almut F. Kaspar

Der Krieg war verloren und Berlin lag in Trümmern, als die Rote Armee am 30. April 1945 den Reichstag stürmte. Tags darauf wehte die rote Sowjet-Flagge hoch oben auf dem Gebäude. Ein weltweites Signal für die Kapitulation Berlins. Doch an diesem denkwürdigen Tag war kein Fotograf aufzutreiben, der das historische Bild hätte aufnehmen können. Erst am frühen Morgen des 2. Mai 1945 bahnte sich der junge Kriegsfotograf Jewgeni Chaldej mit einer eigens mitgebrachten roten Flagge einen Weg durch den brennenden und vom Einsturz bedrohten Reichstag und setzte alles daran, diesen dramatischen Augenblick des Vortages noch einmal in Szene zu setzen.

Mit drei sowjetischen Soldaten bestieg er den zerschossenen und zerbombten Bau, suchte sich auf der Rückseite eine Ziersäule aus, von wo er auch die zerstörte Hauptstadt im Bild hatte. Er verknipste dabei einen ganzen Film. 36 Bilder. Noch in derselben Nacht flog er zurück nach Moskau, denn eines dieser 36 Bilder musste es sein. Schnellstmöglich wurde auf Veröffentlichung gedrängt – denn dieses eine Bild sollte sich in das Gedächtnis des sowjetischen Volkes und der Welt einbrennen: Der lang ersehnte Sieg über den Feind war geschafft.

Eines der meistgrdruckten Fotos der Welt

In Moskau arbeitete Jewgeni Chaldej unter Hochdruck. Das Foto musste retuschiert werden: Denn der im Vordergrund stehende Soldat trägt an beiden Handgelenken Armbanduhren. Ein offensichtlicher Hinweis auf Plünderungen, die seinerzeit an der Tagesordnung standen, doch offiziell natürlich nicht gezeigt werden durften. Schon gar nicht bei der Eroberung Berlins.

Die Geschichte eines Fotos, das zu den meistgedruckten Bildern der Welt gehört – ein Foto, das selbst Geschichte geworden ist. Ein inszeniertes Dokument, für das der Fotograf weltberühmt geworden ist. Dieses Foto ist jetzt, mit rund 200 weiteren Originalen und einer Vielzahl zeitgenössischer Dokumente, vom 9. Mai bis zum 28. Juli im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen – in einer umfassenden Retrospektive "Jewgeni Chaldej - Der bedeutende Augenblick". Der Satiriker, Karikaturist und Begründer der Fotoagentur "Voller Ernst", Ernst Volland (62) hat seit 1991 eng mit Chaldej zusammengearbeitet. Hat dessen Werk gesichtet, geordnet, Ausstellungen kuratiert und dafür gesorgt, dass im In- und Ausland die Bilder des perfektionistischen Ukrainers nicht in Vergessenheit geraten. Nun, mehr als zehn Jahre nach dem Tod Chaldejs (1917 – 1997) stellt Volland das eindrucksvolle Bildmaterial der Öffentlichkeit zu Verfügung. Nicht nur die bekannten Kriegdokumentationen, sondern auch bislang unveröffentlichte Bilder aus den frühen dreißiger Jahren und dem Spätwerk der achtziger Jahre.

Der "Robert Capa Russlands"

Das Foto mit der gehissten Sowjet-Flagge auf dem Berliner Reichstag ist nur eines von vielen hunderten von Fotos, die der in Donezk/Ukraine geborene Jude Chaldej im Lauf seines Lebens gemacht hat. Ein Autodidakt, der bereits im Alter von zwölf Jahren seine ersten fotografischen Gehversuche mit seiner selbst zusammen gesetzten Kamera unternommen hat. Früh hatte er seine Mutter verloren und wuchs allein mit Vater und drei Geschwistern auf, die 1941/42 alle von den Deutschen umgebracht wurden.

Seit 1936 arbeitete Chaldej im Auftrag der Nachrichtenagentur TASS, und ab 1941 verschlug es ihn als offiziellen Kriegsberichterstatter an die vorderste Kriegsfront. Er begleitete die Truppen der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg zunächst als einfacher Soldat, später als Leutnant. So entstanden einzigartige zeitdokumentarische Aufnahmen. Bilder, die das gesamte Ausmaß des Krieges unverhüllt und grausam darstellen. Er wird nicht ohne Grund als "Robert Capa Russlands" bezeichnet. Beide waren Reportagefotografen und begegneten sich auch mehrere Male: ob 1945 in Berlin, oder bei der Potsdamer Konferenz und ein Jahr später während der Nürnberger Prozesse.

Im Krieg war Chaldej immer mit seiner Leica unterwegs. Ob an der Nordfront oder am Schwarzen Meer – überall die gleichen erschreckenden Bilder des irrsinnigen Krieges. Andererseits hielt Chaldej gern liebevoll die russische Landschaft in ihrer Großartigkeit fest.

Drahtseilakt zwischen Propaganda und Dokumentation

Es ist bekannt, dass der Fotojournalist seine Bilder größtenteils manipuliert, inszeniert oder retuschiert hat, um der Bedeutung bewegender Situationen nochmals Nachdruck zu verleihen. Doch das macht den Wert seiner Dokumentationen nicht geringer. Womöglich machte er das im Auftrag der Führung der Roten Armee. Vielleicht aber auch, um der Tragik des Krieges mit bitter-ernstem Humor zu begegnen. Zu jedem Foto gibt es kleine Kommentare von Chaldej. Beispiel: das absurde Foto mit dem Rentier, das im September 1941 entstand – ein Tier, das von den Soldaten dressiert worden war und auf Kommando zur Gefechtseinheit rannte. Was auch an jenem Tag geschah, als im Hintergrund feindliche Flugzeuge am Himmel kurvten. Ob Chaldej sich bewusst war, wie dünn das Eis gewesen sein musste, auf dem er sich künstlerisch bewegte? Ein Drahtseilakt zwischen Propaganda und Dokumentation. Hatte er eine andere Wahl?

Jewgeni Chaldejs Aufnahmen sind gelungene Beweise dafür, dass sich dokumentarische und künstlerische Fotografie nicht ausschließen. Im Gegenteil: Sie bilden eine ausdrucksstarke Symbiose.

Die Dokumentationen sind von einer grandiosen und eindrucksvollen Bandbreite und wie lebendiger Geschichtsunterricht. Ob es der dokumentarische Augenblick des ersten Kriegstages in Moskau ist, an dem die Menschen eng gedrängt auf dem Gehweg stehen und mit staunenden Augen gen Himmel starren. Die marschierenden Soldaten mit ihren bedrohlich aussehenden schwarzen Mänteln bei Murmansk, die sich im seichten Wasser widerspiegeln. Oder das jüdische Paar in Budapest, das mit Stolz und Würde den Widrigkeiten des Krieges trotzt und selbstbewusst der Kamera entgegentritt. Die Bilder sind von einer Eindringlichkeit, der man sich kaum entziehen kann.

Bewegtes Leben eines beweglichen Fotoreporters

Man spürt, dass Chaldej nicht einfach um des Bildes wegen losgeknipst hat, sondern sich um perfektes Arrangement bemüht hat. Wobei man nicht vergessen darf, wer seine Auftraggeber waren. Besonders die Bilderserien aus den fünfziger Jahren dokumentieren noch einmal beispielhaft die ehrgeizigen Anstrengungen der einstigen UdSSR. Als Fotoreporter musste Chaldej die gesamte Sowjetunion bereisen und wurde Zeitzeuge ökonomischer und politischer Errungenschaften: Er war beim Bau eines riesigen Staudamms in Sibirien dabei, besuchte die Ölfelder in Baku oder sah bei der Weizenernte in der Ukraine zu. Als Angestellter der TASS und der "Prawda" hatte er mehrere Male die Gelegenheit, politische Größen wie Stalin abzulichten.

Der Lebensweg des Jewgeni Chaldej war geprägt von persönlichem Leid und schicksalsträchtigen Umständen. Mit der fragwürdigen Anti-Juden-Politik seines Landes verlor er 1948 seine Anstellung bei der TASS. Erst 1956 durfte er seine Arbeit als Fotograf wieder aufnehmen und konnte dann bis in die siebziger Jahre für die "Prawda" arbeiten. Chaldej lebte bis zu seinem Tod in einem Moskauer Plattenbau - von einer monatlichen Rente von umgerechnet 20 Euro. In seiner winzigen Wohnung unterhielt er immer noch ein Labor und hatte 10 000 Negative sorgfältig archiviert.

Dass die Hinterlassenschaft des genialen Fotografen gerade jetzt gezeigt wird, hat auch mit einem historischen Datum zu tun: Am 8. Mai wird in Deutschland feierlich an das Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert, und in Russland wird am 9. Mai - dem Tag des Sieges - kräftig gefeiert.


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