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Kulturmananger Michael Schindhelm: So gigantisch scheiterte die Kultur in Dubai

Er sollte eine Oper in Dubai bauen. Aber der deutsche Kulturmanager Michael Schindhelm scheiterte - an der Kultur der Wüstenstadt und weil das Geld fehlte. Eine Geschichte, die beispielhaft ist für den Gigantismus in Dubai und dessen Folgen.

Von Theresa Breuer

Fitzcarraldo hatte einen Traum. Er wollte ein Opernhaus im südamerikanischen Dschungel bauen. Dafür ließ er sogar ein Schiff über die Berge zerren, es floss Schweiß und Blut. Was aus dem irrwitzigen Vorhaben wurde, lässt Werner Herzogs legendärer Film mit Klaus Kinski offen.

Für Michael Schindhelm ist nichts mehr offen. Die Geschichte ist zu Ende. Knapp drei Jahre hat er mit aller Kraft versucht, in Dubai eine Oper zu bauen.

Schindhelm ist gescheitert. Dubai ist gescheitert.

Jetzt sitzt Michael Schindhelm, 50, im Berliner Hotel Bleibtreu. Er trägt die Uniform der Intellektuellen: schwarzer Pullover, dunkle Hose, die blonden Haare sind leicht verstrubbelt. Ein Buch hat er über die vergangenen Jahre geschrieben, "Dubai Speed", er hat eine Reihe von Interviews gegeben, aber er ist noch nicht durch. Mit sich, mit Dubai, mit der Oper. Schindhelm redet wie ein Wasserfall, sein Cappuccino wird langsam kalt, weil er sich keine Zeit nimmt, daran zu nippen. Sein Gesicht ist fahl.

Vom Kommunismus zum Turbokapitalismus

Es muss ein ungeheurer Trip gewesen sein, eine biografische Beschleunigung bis an die Grenze des Erträglichen. Schindhelm ist Ostdeutscher, geboren zu den tristesten DDR-Zeiten in Eisenach. Studium der Quantenchemie, Promotion, Bekanntschaft mit einer jungen Wissenschaftlerin namens Angela Merkel. Nach der Wiedervereinigung bog auch er ab - und wurde Generaldirektor der Opernstiftung in Berlin. Dann folgte der Ruf nach Dubai, dem vielleicht verrücktesten Ort der Erde. Damals.

Als Schindhelm 2007 einreiste, pulste Dubai auf Prä-Infarkt-Niveau. Alles schien möglich. Eine Skihalle in der Shoppingmall, milliardenschwere Wohnanlagen für Superreiche, der höchste Turm der Welt. Dubai war hinter Saudi Arabien und Ägypten die erfolgreichste arabische Wirtschaftsmacht, Bauprojekte wurden mit 100 Prozent Gewinn weiterverkauft, bevor auch nur ein einziger Spatenstich im Wüstensand zu sehen war. Warum nicht auch eine Oper?

Schindhelm arbeitete für "Al Atheem Gulf", eine staatsnahe Bauinvestmentfirma. Sein Auftrag: Bring uns eine Opernspielstätte ins Land. Seine erste Ernüchterung: Dubai hatte nicht auf ihn gewartet. Gemäß der Logik, dass zwei Bürogebäude mehr Gewinn einbringen als ein Bürogebäude, plante die Regierung nicht eine Kulturstätte sondern etwa 20. Es bahnte sich ein brutaler Konkurrenzkampf an. "Ich bin mindestens zweimal pro Woche aufgewacht und habe mich gefragt, ob ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank habe, hier zu sein", sagt Schindhelm.

Ein Wirrwarr an kulturellen Missverständnissen

Er plante, er ackerte, er antichambrierte - und hatte Erfolg. Schindhelm konnte den Scheich davon überzeugen, dass es keinen Wildwuchs geben dürfe. Er wurde Chef einer Regierungsorganisation, die alle Kulturprojekte koordinierte. Formal hatte er Macht. Real nicht. Denn er hing von den mächtigen Staatsinvestoren ab. Und deren Kultur des Umgangs miteinander war für ihn war die Matrix, die er, der Kulturexperte, zunächst nicht durchschaute.

"Ich habe einfach die arabische Eigenheit der Gesichtswahrung unterschätzt", räumt Schindhelm ein. Wenn er der Regierung erklärt habe, dass Kultur eine langfristige Investition sei, die nicht wie eine Shoppingmall sofort Gewinne abwerfe, dann habe sein Gegenüber behauptet, sich darüber völlig im Klaren zu sein. Es war sich aber niemand im Klaren darüber. Es wollte nur keiner zugeben, nichts davon gewusst zu haben.

Ein noch schlimmeres Vexierspiel waren für Schindhelm die "kafkaesken Nichtentscheidungsstrukturen", wie er es heute nennt. Sagt der Scheich: Die Oper wird gebaut, heißt das nicht, die Oper wird gebaut. Alles entsteht, alles vergeht, jeder Tag ist neu. Schindhelm sagt, er habe auch eine Ausstellung in Deutschland über Dubai organisiert. Sie sei international gefeiert worden, aber der Scheich habe sie kurz nach Eröffnung schließen lassen. Begründung: keine. Alpträume aus 1001 Nacht.

Und plötzlich kam die Finanzkrise

Er redet und redet und redet im Hotel Bleibtreu, versucht krampfhaft zu erklären, was schief gelaufen ist. "Das Kuriose ist ja, dass Dubai ein bizarres Artefakt aus absolutistischer Monarchie und neo-liberalem Wirtschaften bildet", sagt Schindhelm. An der Spitze stehe ein aufgeklärter Monarch, der zugleich Geschäftsmann sei und innerhalb kürzester Zeit ein Gigaunternehmen zu führen hatte. Also habe er einen Teil der Verantwortung an Gefolgsleute delegiert. Diese Gefolgsleute seien vor zehn oder 20 Jahren noch einfache Architekten oder Lehrer gewesen. Sie hätten seine Anweisungen benötigt. Aber der Scheich hatte heute über den Flughafen, morgen über Krankenhäuser und übermorgen über Internationale Beziehungen mit Amerika zu entscheiden. Keine Zeit. Was nun?

Die internationale Finanzkrise löste 2009 den Infarkt des Immobilienmarktes in Dubai aus. Die meisten Großprojekte liegen seitdem auf Eis. Der Freizeitpark Dubailand? Baustopp. Burj Nakheel, der geplante Einkilometerturm? Auf unbestimmte Zeit vertagt. Der größte Flughafen der Welt? Verzögert sich um viele Jahre. Kultur? Nun ja, das war die kleinste Sorge.

Kapital, Ressourcen, Menschen - alles wurde ausgespuckt

Schindhelm sah zu, wie Dubai innerhalb weniger Wochen kollabierte. "Es standen unzählige Frachtschiffe vor dem Hafen Schlange, um ihre Ladung zu klären, die plötzlich von niemandem mehr gebraucht wurde." Man habe gespürt, wie die Stadt all das, was sie über Jahre an Kapital, Menschen und Ressourcen angezogen und geschluckt hatte, jetzt wieder ausspuckte.

Das Land spuckte auch ihn wieder aus. Schindhelm, der Fiebrige, berät jetzt die Regierung in Hongkong in Kulturfragen. Trotzdem glaubt er weiterhin fest daran, dass Dubai es schaffen wird. Glaubt daran, dass Dubai nach der Krise reifer sein wird. Ist davon überzeugt, dass die Stadt attraktiver werden wird für normale Leute und "weniger sexy für einen Club von völlig bescheuerten Unterschichtenmilliardären". Und vielleicht klappt es dann auch irgendwann mit Kultur.

Ja, eine Oper wäre schön. Wäre.