Kunstausstellung "Cape Farewell" Den Klimawandel greifbar gemacht


Der britische Künstler David Buckland reiste mit Kollegen in die Arktis, um sinnstiftende Bilder für den Klimawandel zu finden. Seine Ausstellung "Cape Farewell" ist nun erstmals in Deutschland zu sehen.
Von Cornelia Fuchs

Wie sieht ein Kilogramm Kohlendioxid aus? Zehntausend Kilogramm CO2 produziert jeder Mitteleuropäer jährlich im Durchschnitt, mindestens 3000 zuviel, so sagen Klimaschützer. Aber wie kann man sich ein Kilogramm dieser chemischen Verbindung vorstellen? Liegt es wie ein Kilogramm Zucker in der Hand? Oder ist es so groß wie die Pfütze eines Liters Milch?

Der Architekt Peter Clegg und der Bildhauer Antony Gromley haben auf ihrer Expedition in die Arktis ein Kilogramm Kohlendioxid sichtbar gemacht. Unter atmosphärischem Druck ist eine solche Menge 0,54 Kubikmeter groß, was wiederum den Ausmaßen eines Menschen entspricht. "Ich habe mir also eine Art Sarg vorgestellt, da ein Sarg der am Körper des Menschen am engsten angepasste Raum ist", erklärt Peter Clegg. Mit Handsägen schnitten Clegg und Gromley aus dem Schnee eines kleinen Hügels in Spitzbergen einen liegenden Kubus in der Größe eines Sarges und gruben daneben eine Höhle, in der gerade ein Mensch Zuflucht finden kann.

Zwischen diesen beiden Formen bauten sie dann aus Eisziegeln einen stehenden Quader, so groß wie ein Mann, der von weither aus der arktischen Landschaft sichtbar ist und in seinem perfekten Weiß wie ein negatives Bild zu Stanley Kubricks schwarzen Monolith aus dem Film "2001: Odyssee im Weltraum" wirkt. "Wenn jetzt jemand sagt, dass eine Energiesparlampe jährlich ein Kilogramm Kohlendioxid einspart, dann habe ich ein Bild im Kopf", sagt Peter Clegg. "Ich sehe den stehenden Sarg in der Arktis. Und kann mir besser vorstellen, was ich mit meiner Energiesparlampe zu verhindern helfe."

Auf dem Weg von Norwegen nach Spitzbergen

Die Skulptur "Three Made Places - Drei hergestellte Orte" ist nur eines der dutzenden Kunstwerke, die auf den bisher drei Expeditionen des Projektes "Cape Farewell" entstanden sind. Die Idee: Maler, Bildhauer, Architekten, Choreographinnen, Dokumentarfilmer und Komponisten machen die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Klimawandel greifbar. Das Konzept: Erleben der arktischen Umgebung und Dialog mit Forschern an Bord des Schoners "Noorderlicht", der mit den Expeditions-Teilnehmern drei Wochen von Norwegen nach Spitzbergen unterwegs ist.

"Wir begreifen hier die Schönheit, die wir dabei sind zu verlieren", sagt Autor Ian McEwan, Teilnehmer der ersten Expedition über seine Erfahrungen von Ort. Wie die meisten Künstler begann auch er damit, die Umgebung durch Wanderungen zu erforschen - bei minus 30 Grad Celsius. Es gab Diskussionen mit den Wissenschaftlern an Bord, die, seltsam für die von der Weite der Landschaft begeisterten Kreativen, die meiste Zeit vor ihren Mikroskopen und an den Computern verbrachten, um Plankton und Wassertemperaturen zu vermessen. Die Schönheit der Umwelt hat für die Wissenschaftler keinen Wert, dabei zeigen ihre Forschungsergebnisse, wie sehr diese Schönheit bedroht ist.

Worte werden zur Skulptur

Ian McEwan spricht von der Musik von Eis und Schnee unter seinen Stiefeln und von der Unberührtheit arktischer Täler, die ihn an die Stille alpiner Bergspitzen erinnern. Zurück in England hat McEwan seine Prosa über den Besuch in der nördlichsten Region der Erde zu einer Skulptur werden lassen: Er projizierte seine Worte auf eine Außenwand der Bodleian-Bibliothek in der englischen Universitätsstadt Oxford.

"Die Zuschauer waren fasziniert, sie haben jedes Wort dreimal gelesen", sagt der Initiator des Projektes, Fotograf und Videokünstler David Buckland. "Das ist der Grund, warum wir Kunst brauchen. Die Wissenschaftler sagen uns, dass die Pole schmelzen, und wir sagen: Ok, gut. Und das war es. Aber sobald wir nicht nur Kurven und Diagramme sehen, sondern beim Betrachten der Botschaft unsere Emotionen beteiligt sind, vergessen wir die Informationen nicht. Diese Emotionen kann Kunst wecken, wenn sie gut ist."

Die Kunstwerke aus der Arktis gehen auf Welttournee, ab dem 21. März sind sie in Hamburg im Kulturzentrum Kampnagel zu sehen. Gefördert wird die Ausstellung vom British Council, der britischen Kultur- und Bildungsinstitution mit Sitz in Berlin.

Ian McEwan wird mit dem "Cape Farewell"-Expeditionsleiter David Buckland und dem Klimaforscher John Schnellnhuber diskutieren: www.kampnagel.de; die BBC hat einen Dokumentarfilm über "Cape Farewell" gedreht, der am 21. und 22. April auf BBC World gezeigt wird. Ein Logbuch der Expeditionen sowie Unterrichtsmaterial für den Geographie-Unterricht in Schulen kann auf Englisch unter www.capefarewell.com abgerufen werden.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker