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Martin Kusejs "Jagdszenen aus Niederbayern": Heimattheater voller menschlicher Abgründe

Martin Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern" sind ein Klassiker des modernen, sozialkritischen Volkstheaters. Resi-Intendant Martin Kusej inszeniert das Drama auf der Bühne der Konkurrenz.

Der Intendant des Münchner Residenztheaters Martin Kusej hat das 1966 uraufgeführte "Jagdszenen" neu interpretiert

Der Intendant des Münchner Residenztheaters Martin Kusej hat das 1966 uraufgeführte "Jagdszenen" neu interpretiert

Die geistige Enge der Provinz, die moralische Verlogenheit der vermeintlichen Dorfgemeinschaft, der Hass auf alles Fremde. Das sind die Themen, an denen sich Martin Kusej abarbeitet. Der österreichische Regisseur und Intendant des Münchner Residenztheaters wuchs als Angehöriger der slowenisch-sprachigen Minderheit in Kärnten auf und erfuhr dort diesen Geist am eigenen Leib. Am Samstag inszenierte er als Gastregisseur an den Münchner Kammerspielen Martin Sperrs sprichwörtlich gewordenen Theatererstling "Jagdszenen aus Niederbayern". Ein Heimattheater der ganz anderen Art.

Hintergrund von Kusejs Ausflug an die Spielstätte der Konkurrenz ist eine Abmachung zwischen ihm und dem scheidenden Kammerspiel-Intendanten Johan Simons. Die Theaterleiter hatten sich vorgenommen, die vielzitierte Rivalität zwischen den beiden Münchner Häusern ad acta zu legen und jeweils am Haus des anderen ein Stück herauszubringen. Simons hat im Cuvilliés-Theater bereits das Jelinek-Drama "FaustIN and Out" auf die Bühne gebracht.

Mit seinen 1966 uraufgeführten "Jagdszenen" schuf Sperr (1944 - 2002) ein Drama mit fast Shakespearscher Wucht. Der schwule Abram, von seiner Mutter verachtet und von den Dorfbewohnern ausgegrenzt, wird im Affekt selbst zum Mörder, als er erfährt, dass die junge Dorfhure Tonka ein Kind von ihm erwartet (das freilich auch von einem anderen stammen könnte). Daraufhin wird er vom Mob gelyncht. Das wuchtige Werk wurde verfilmt und vertont und zum viel gespielten Klassiker eines neuen, sozialkritischen Gegenbegriff zum herkömmlichen Heimattheater.

Ein Dorf voller menschlicher Abgründe

Kusej rollt den Stoff von hinten auf. Es beginnt mit der Ermordung Abrams durch die Dorfbewohner. Abram steht an einer hoch aufragenden Holzwand, die aussieht wie die Wand eines Konzentrationslagers, und wird mit Gewehrschüssen regelrecht exekutiert. Im zweiten Bild sieht man, wie die Dörfler Jagd auf den Außenseiter machen. Unter ihnen ist auch Abrams Mutter, mit dem Gewehr im Anschlag. Sie, die selbst von ihren Mitmenschen beschuldigt wird, am Anderssein ihres Sohnes schuld zu sein, ist zum schlimmsten bereit, was eine Mutter machen kann: ihr eigenes Kind zu töten.

Dann entrollt sich ein Kaleidoskop menschlicher Abgründe: Ehebetrug, Denunziation, Vergewaltigung, Selbstmord, Mord, Lynchjustiz. Alle haben Dreck am Stecken, alle sind involviert, alle sind schuldig. Die Opfer sind Täter, die Täter sind Opfer. Selbst die Außenseiter sind hier keine Helden, sondern in ihrer Verzweiflung voller Hass und Niedertracht. Wie der geistig behinderte Rovo, der mit Abram ein fast zärtliches Verhältnis hat. Doch Tonka, die betrogene Nebenbuhlerin, verachtet er als Hure und Schlampe. Sie wiederum nennt Abram eine "schwule Sau". Es ist leider so, dass oft auch die, denen es dreckig geht, auf jene herabsehen, denen es noch dreckiger geht.

Schlachttag als schauriger Höhepunkt

Schauriger Höhepunkt des Stückes: ein dörflicher Schlachttag. Die Bewohner, angetan mit besudelten Schlachterschürzen, eilen ächzend mit Blut verschmierten Kübeln und Wannen über die Bühne und man weiß nicht recht, ob sie statt eines Schweins nicht doch einen Menschen geschlachtet haben. Kusej inszeniert das alles stilsicher und ohne Effekthascherei im fast edlen Trash-Ambiente von Bühnenbildnerin Annette Murschetz. Die Szenewechsel ereignen sich im Dunkeln auf offener Drehbühne und man bekommt schon ein wenig Angst, welches Schreckenstableau Kusej als nächstes präsentiert.

Gespielt wird das alles von einem großartigen, sehr homogen agierenden Ensemble. Die androgyne Katja Bürkle gibt den Abram, Gundi Ellert, die Frau von Ex-Kammerspiel-Intendant Frank Baumbauer, seine Mutter Barbara. Schön, dass man mal wieder den stillen, intensiven Michael Tregor als Knocherl auf der Bühne sieht, der auch ein Leben auf dem Gewissen hat und, wie der ganze Rest, ein Meister der Verdrängung und Selbstverleugnung ist: "Hoffentlich regnet's morgen, damit Gras über die Sache wachsen kann."

Trotzdem hinterließ der nur knapp zweistündige, ohne Pause gespielte Theaterabend mit dem drohend-hämmernden Sound von Bühnenmusiker Bert Wrede ein schales Gefühl. Lichtjahre entfernt scheinen heute die von Sperr in der unmittelbaren Nachkriegszeit geschilderten Zustände. Für aufgeklärte, mit allen Wassern gewaschene Großstädter kaum noch verständlich. Vielleicht hätte Kusej für die Conchita-Wurst-Generation doch ein wenig Übersetzungsarbeit leisten müssen. Am Ende so gut wie buhfreier Jubel.

Georg Etscheit, DPA / DPA
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