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Moscheen in Deutschland: Wo der Muezzin ruft

In deutschen Städten entstehen immer mehr Moscheen, jedoch nicht ohne Gegner: In Köln etwa führte der Moschee-Streit zu heftigen Demonstrationen. Dabei gibt es in Deutschland schon seit fast 100 Jahren islamische Gotteshäuser.

Von Almut F. Kaspar

Die erste Moschee auf deutschem Boden war ein einfacher Holzbau mit Kuppel und einem 23 Meter hohen Minarett. Errichtet wurde sie im Sommer 1915 in Wünsdorf bei Berlin, ausgerechnet in einem Kriegsgefangenen-Lager für arabische und afrikanische Soldaten, die im Ersten Weltkrieg in der britischen Armee gegen die Deutschen kämpften. Nach dem Krieg diente die Moschee den Muslimen aus Berlin als Gebetsstätte - bis sie 1924 wegen Einsturzgefahr gesperrt werden musste und kurz darauf abgerissen wurde.

Zwei Jahre zuvor war in Berlin die erste deutsche islamische Gemeinde gegründet worden. Im Stadtbezirk Wilmersdorf baute diese eine Moschee, die bis 1945 Zentrum des islamischen Lebens in Deutschland war. Die Wilmersdorfer Moschee mit zwei 32 Meter hohen Minaretten und einer 26 Meter hohen Kuppel entstand nach den Plänen des Berliner Architekten K. A. Hermann und war am Ende des Zweiten Weltkriegs stark beschädigt worden, weil deutsche MG-Schützen auf den Minaretten postiert waren und der Bau deshalb von russischen Soldaten unter Feuer genommen wurde. 1952 konnte die notdürftig instandgesetzte Moschee wieder ihrer Bestimmung übergeben werden, aber erst 1996 wurden das Haupthaus und zwischen 1999 und 2001 die beiden Minarette rekonstruiert.

Moscheen boomen, Kirchen verfallen

Heute ist die Wilmersdorfer Moschee, die seit 1993 unter Denkmalschutz steht, eine von rund 160 klassischen Moscheen in Deutschland, knapp 200 weitere befinden sich im Bau oder in Planung. Die über drei Millionen Muslime zwischen Flensburg und Passau treffen sich zudem in rund 2600 Gebets- und Versammlungshäusern - darunter zahlreiche so genannte "Hinterhof-Moscheen", ehemalige und ungenutzte Gewerberäume oder Garagen, provisorisch eingerichtet von Moscheevereinen, die aufgrund zunehmender Nachfrage jetzt auch immer mehr klassische Gebetshäuser planen und bauen wollen – repräsentativ und meist in zentraler Lage.

Dagegen klagen die christlichen Glaubensgemeinschaften im Land über immer weniger Kirchgänger und immer weniger Kirchensteuerzahler. Schon 1995 schrieb der ehemalige Kölner Erzdiözesanbaumeister Josef Rüenauver in der Zeitschrift "Raum und Ritus": "Wir stehen in der Gefahr, aufgrund des sinkenden Kirchenbesuchs und aktueller und mittelfristiger finanzieller Einbrüche im Kirchensteueraufkommen unsere Kirchen zu behandeln wie eine gewöhnliche Immobilie, ihre Unterhaltung ängstlich zu messen nach Hauptnutzfläche, umbautem Raum, Bankplätzen und deren Nutzungsintensität." Inzwischen ist längst eingetreten, wovor Rüenauver gewarnt hatte: Auch die Kirchen müssen rechnen.

Pop statt Predigt, Muezzin statt Glocken

Denn abgesehen von gut besuchten Kirchentagen, die meist spektakulär in Szene gesetzt werden, spielt für den modernen Christen die Kirche im Alltag nur noch eine periphere Rolle. Konsequenz: Viele kostenintensive Gotteshäuser sind nicht mehr finanzierbar, werden geschlossen, dämmern einer ungewissen Zukunft entgegen - oder sie werden einfach umfunktioniert: Da finden in stimmungsvollen sakralen Räumen flotte Tanzveranstaltungen statt, Tea-Times am Nachmittag, Lesungen, Rock-Konzerte oder Kunstausstellungen.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn sich auch Christen in die Phalanx des Protestes gegen den Moscheen-Boom einreihen. Schon hört man es ängstlich flüstern: Deutschland wird von den Muslimen unterwandert, die Islamisierung des Vaterlandes ist nur noch eine Frage der Zeit. Anstatt Glockengeläut hört man nun immer häufiger den Muezzin. Das Problem: Je weniger Kenntnis über das Christentum, desto größer die Furcht vor Minarett und goldener Kuppel. Volker Meißner, Referent für Migration und interreligiösen Dialog im Bistum Essen, sagt: "Völlig gegen jede Logik, stellen viele Menschen einen Zusammenhang zwischen der Schließung von Kirchen und der demonstrativen muslimischen Art, Religion zu zeigen, her. Aus einem Gefühl heraus: Die nehmen uns was weg. Unsinn. Wenn morgen alle Muslime gehen würden, würde sich im Bistum nichts ändern." Viele Vertreter der christlichen Kirchen sehen das freilich anders, zum Beispiel Bischof Dr. Wolfgang Huber, Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche Deutschland: "Es muss die Frage erlaubt sein, inwieweit es sich dabei um die legitime Befriedigung religiöser Bedürfnisse handelt oder um weitergehende Machtansprüche."

Mega-Moschee in Duisburg

Beispiel Duisburg-Marxloh: Nach sechs Jahren heftiger Debatten und drei Jahren Bauzeit wird dort am 26. Oktober 2008 offiziell die größte Moschee Deutschlands eröffnet: die Merkez-Moschee, die ein Ort des interreligiösen Dialogs werden soll. Mehr als 5000 Gäste aus dem In- und Ausland werden erwartet, darunter viel politische Prominenz. Das Projekt wurde durch Mittel des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen und der Bundesregierung in Höhe von 3,2 Millionen Euro unterstützt, 7 Millionen Euro hat die muslimische Gemeinde selbst zusammentragen. Bauträger des Großprojekts ist die DITIB, der Dachverband der türkisch-islamischen Union. Die Moschee ist im osmanischen Stil eines klassischen Kuppelbaus gebaut, die zinkverkleidete Kuppel glänzt 23 Meter hoch, 11 Meter höher ist das begehbare Minarett. Auf 1000 Quadratmetern im Souterrain gibt es eine Islam-Bibliothek und große Veranstaltungsräume.

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland ist begeisterter Befürworter des Projekts: "Es war die feinfühlende Art, wie damals die DITIB-Moschee-Gemeinde an diesen Wunsch, eine große Moschee zu bauen, herangegangen ist", sagt er, "man ist offen damit umgegangen, man hat bei der Politik, bei den Meinungsträgern und bei den anderen Glaubensgemeinschaften versucht, diese Idee darzustellen. Man hat für diese Vorstellung geworben und dadurch Mitstreiter gewinnen können." Sauerland weiß, dass der Neubau auch eine Chance für den Standort Duisburg ist – und damit für das Ruhrgebiet. Denn der Strukturwandel hat seine Spuren hinterlassen: Deutsche sind weggezogen, geblieben sind vor allem Einwanderer. Der Theologe Volker Meißner: "Überall, wo im Ruhrgebiet Moschee-Neubauten entstanden sind, haben sie der Integration einen Schub gegeben."

Muslimische Gemeinden unter Generalverdacht

Auch die im Kölner Stadtteil Ehrenfeld geplante Moschee ist nun endgültig beschlossene Sache. Das von dem Kölner Architekten Paul Böhm entworfene Gotteshaus soll bereits 2010 fix und fertig sein und bis zu 2000 Plätze bieten. Ein ebenfalls heftig umstrittener Bau, wobei vor allem seine Größe kritisiert worden war: 55 Meter hoch sind die Minarette und über 34 Meter hoch die Kuppel. Die Moscheebau-Expertin Sabine Kraft bescheinigt dem Architekten Paul Böhm hohe Kompetenz im Umgang mit schwierigen Fragen wie beispielsweise der Gleichstellung von Mann und Frau innerhalb der Moschee oder der Öffnung zu anderen Gemeinden: Böhm hat einen zentralen Aufgang für alle Gläubigen vorgesehen.

Der Politologe Claus Leggewie, der seit Jahrzehnten zum Islam forscht und lehrt, kann die Irritationen in der Bevölkerung verstehen: "Muslime signalisieren ein religiöses Selbstbewusstsein, das uns aussterbende Christen verunsichert". Außerdem sagt er: "Spätestens seit dem 11. September 2001 stehen alle muslimischen Gemeinden unter dem Generalverdacht des Fundamentalismus."

Nächste Ausfahrt: Moschee

Bürgeraufstand auch im eher beschaulichen Berliner Stadtbezirk Pankow. Der erste Moschee-Neubau im Berliner Osten ist fast vollendet, im Oktober soll Eröffnung gefeiert werden. Trotzdem werden die zukünftigen Nachbarn immer noch misstrauisch beäugt. Wie kann es sein, dass in einem Bezirk, in dem nachweislich fast keine Muslime ansässig sind, eine Moschee gebaut werden darf und eine Koranschule geplant ist? Warum gerade bei uns? Die Antwort ist die Lage: direkt am Autobahnzubringer. Qaedeer Ahamad von der Ahmadiyya-Gemeinde, der auch Verbindungsmann zu den Berliner Behörden ist: "Wir setzen auf Güte und Liebe – darum lehnen wir auch den Dschihad, den Heiligen Krieg, ab." Die zweistöckige Moschee ragt nicht, wie zunächst vermutet, über die benachbarten Häuser hinweg, und das seitlich angebrachte Minarett hat die gleiche Höhe wie die weiße Kuppel. Ob das zur Beruhigung der erhitzten Gemüter beitragen kann, wird sich zeigen.

Die Berliner Architekturgalerie Aedes Am Pfefferberg (Christinenstraße 18-19, 10119 Berlin) zeigt bis zum 16. Oktober die Ausstellung "Moscheen in Deutschland" mit Bildern des Stuttgarter Fotografen Wilfried Dechau