Spencer Tunick in Düsseldorf Die Banalität der Blößen


Spencer Tunick rief - und 840 zu allem entschlossene Anhänger der Nackt-Aktionen des US-Künstlers kamen. Fünf Stunden lang komponierte Tunick in Düsseldorf vier riesige "Skulpturen" aus den Körpern seiner fröstelnden Freiwilligen.

Am Sonntag war Düsseldorf Schauplatz der neuesten Arbeit des Nackt-Künstlers Spencer Tunick. 840 Freiwillige fanden sich dazu ein. Für das "schamlose" Ereignis waren seine Anhänger teils sogar aus Brasilien angereist. Tunick arrangierte bereits im Morgengrauen die bloßen Hundertschaften auf einer Tribüne zu einer Pyramide, mal hieß es mit einem Arrangement 200 nackter Männer auf Bäumen und Wiesen in einem nahen Park "Zurück zur Natur", mal posierten ausschließlich 50 junge und hübsche Männer und Frauen vor einem Barock-Gemälde von Rubens im Düsseldorfer museum kunst palast.

Bei allem logistisch-organisatorischen Aufwand, der jeder Aida-Inszenierung gerecht geworden wäre: Es blieb bei der Banalität der Blößen. Bezwingende Bilder, wie sie der in 65 Installationen zwischen Santiago de Chile und Brügge erfahrene und erstmals in Deutschland arbeitende Tunick versprochen hat und mit seinen Foto- und Videokameras für die Nachwelt festhalten will, waren kaum auszumachen. Zu vordergründig der platte Kitzel nackter Tatsachen, der wohl nicht wenige der rund 100 filmenden, fotografierenden und beschreibenden Journalisten schon ab 5.00 Uhr angelockt hatte.

Atembeklemmung gab es wohl am ehesten noch beim Einmarsch der nackten Kolonnen in den imperialen "Ehrenhof" vor dem Kunstmuseum, wo sich die Leiber im Dämmerlicht bald zu schlimmen Assoziationen "stapelten": Und im Hintergrund räkelt sich ein marmorner Frauenakt des jungen Arno Breker, der später zu Hitlers Lieblingsbildhauer avancierte.

"Körper bedeuten für mich Freiheit"

Er sei sich der besonderen Problematik der Massenchoreografie entkleideter Menschen im Land des Holocaust durchaus bewusst, bekennt der 1967 im US-Bundesstaat New York geborene Tunick, der vor wenigen Jahren sogar 7000 nackte Spanier auf Barcelonas Straßen gebracht hat und dem eine Fan-Gemeinde global nachreist. "Aber Körper bedeuten für mich Freiheit, bedeuten Schönheit", die ihre Umgebung positiv zu verändern möchten, sagt Tunick. Scheppernde Anweisungen aus Megafonen und strenger Ordnerdienst taten jedenfalls optischer Poesie oder naiver Freude an der Nacktheit bei den Düsseldorfer Inszenierungen deutlich Abbruch.

"Es sind nicht alle der Kunst halber gekommen", kritisierte ein 44 Jahre alter Mitwirkender die deutlich erkennbare Zahl der "Selbstdarsteller" auf dem weitgehend für Neugierige abgesperrten Gelände, wo die fröstelnden Freiwilligen mal ihre blanken Rückseiten, mal ihre Ganzkörper-Ansicht den Kameras des Künstlers präsentierten. "Mein Freund hat mich gezwungen", nannte eine schlanke Blondine in Kurzhaarschnitt anschließend mit hintergründigem Lächeln ihr Motiv.

Viele Tattoos, wenig Scham

"Es war ein kleines Abenteuer", erklärte eine rundum glückliche Teilnehmerin mittleren Alters. Eine weißhaarige Dame mit Gänsehaut outet sich als besonders für die Kunst engagiert: "Ich hab eine Galerie in Wuppertal!". Tattoos und Piercings an den verschwiegensten Körperstellen waren hier und da jedenfalls eher auszumachen als Nachdenklichkeit, Scham oder später Vorbehalt, sich zum Ornament der Masse inszenieren zu lassen. Gerade das Gemeinschaftsgefühl sei so toll gewesen, argumentierte Iris (46): "Nur die Ameisen auf dem Hintern, die waren schon ganz schön blöd!".

Die in Video und Foto dokumentierte Arbeit des Installationskünstlers Spencer Tunick ist vom 30. September an bis zum 12. November im Düsseldorfer museum kunst palast ausgestellt.

Gerd Korinthenberg/DPA


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