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Michael Streck: Last Call: Großbritannien macht sich nackig

Die Briten galten mal als prüde. "No Sex please, we're British" war ein geflügeltes Wort. Diese Einstellung ändert sich offenbar rapide. In London eröffnete ein Restaurant für Nackte. Und im Fernsehen suchen sich Menschen einen Partner nach passenden Genitalien aus...

Nacktrestaurant England

Frei wie noch nie bei der Nahrungsaufnahme: In London hat das erste Nacktrestaurant Englands eröffnet

Engländer sind für alles Mögliche bekannt: Tee, Königin, Brexit, Elfmeter verschießen. Freizügigkeit gehört nicht eben dazu. Insofern kommt das, was zur Zeit im Land passiert, einer sexuellen Revolution schon nahe.

In London eröffnete vor einigen Wochen das erste Nacktrestaurant, es heißt "Bunyadi", und das Motto lautet "Experience Liberation", "erlebe Befreiung". Die Kunden dürfen nackt an Tischen sitzen und bekommen Essen möglichst naturbelassen, nämlich ohne Zuhilfenahme von Gas oder Elektrizität. Man muss zwar nicht nackt essen, kann aber. Die meisten wollen natürlich nackig und subsummieren das Ganze später als einmalige Erfahrung; einige fühlten sich bei der Nahrungsaufnahme so "frei wie noch nie". Mir ist zwar nicht ganz eingängig, warum man fürs Nacktessen ein Restaurant braucht und nicht einfach zu Hause nackt ist und auch isst. Womöglich fehlt da aber das Gruppenereignis. Das Essen im "Bunyadi" soll sogar ganz gut sein, wie ein professioneller Verkoster des Magazins "Time Out" speichelte. Der Tester, davon ist auszugehen, suchte das Etablissement aber gewiss nicht ausschließlich wegen der formidablen Desserts auf. Das Auge isst ja mit.

Der Trend zum Naturbelassenen hat die ganze Nation ergriffen und beispielswese das englische Frauen-Rugby-Nationalteam dazu inspiriert, sich nackt fotografieren zu lassen. So was war auch mal in Deutschland en vogue, allerdings vor gefühlt 30 Jahren. Etwas innovativer nähert sich das Fernsehen dem frischen Körperkult. Auf Channel 4 läuft seit zwei Wochen die Show "Naked Attraction", eine Art Live-Tinder. Die Erfinder des Formats kommen gleich zur Sache und gehen keine intellektuellen Umwege über gemeinsames Dinieren oder andere Spielarten der Kommunikation. Es geht weniger ums Hirn und vielmehr um die Grundausstattung jenseits der Gürtellinie. Von den Teilnehmern sieht man anfangs nämlich die untere Körperhälfte - und zwar, wie es sehr schön britisch heißt "full frontal nude". Wenn man so viel: die Basics, das Gebimse.

378 Bilder von Genitalien

Sodann dürfen Männlein und Weiblein entscheiden, welcher Deckel auf welchen Topf passt und umgekehrt. In der ersten Folge, notierten entweder sehr Eifrige oder Notgeile, wurden in 48 Minuten exakt 378 Bilder von Genitalien eingeblendet - 282 mal Penisse und 96 Vaginas, Gleichberechtigung sieht zwar anders aus, aber Kombattanten und Publikum waren zufrieden, 1,5 Millionen schauten zu, lediglich die bisexuelle Unterwäsche-Designerin Mal, 24, seufzte beim Anblick eines offenbar recht konventionellen Gehänges eher betrübt: "Sehr viel Schamhaar da unten."

Da ist noch Luft nach oben für die weiteren Folgen und in einer Ära, in der zumindest britischen Schamgrenzen fallen. Und zwar über alle Alters- und Geschlechtsklassen hinweg. Tory oder Labour, Mann oder Frau, Christ oder Hindu, Remain oder Leave? Egal, Hauptsache ohne alles - auch und gerade unten rum. Vor ein paar Wochen forderte der amerikanische Konzeptkünstler Spencer Tunick die Bevölkerung von Hull auf, sich früh morgens schon nackig zu machen. Tatsächlich erschienen gegen drei Uhr mehrere Tausend Bürger auf dem Marktplatz der Stadt, pinselten sich blau an oder froren so lange, bis sie blau anliefen und ließen sich von Tunick fotografieren. Ein Meer in blau, allerdings nicht "full frontal", eher Rückenpartie und Po. Über den ästhetischen Nutzwert der Veranstaltung lässt sich streiten.

Rückschritt zur menschlichen Ursuppe

Tunick ist Meister. Er macht das seit Jahren hauptberuflich, mal hier, mal dort, gerade erst als Protest gegen Donald Trump beim Parteitag der Republikaner in Cleveland. Aber eben ausgerechnet auch in Hull, einem Ort, der bislang nicht unbedingt als Metapher taugte für Offenheit und Liberalität. Nun alle blau und nackt wie früher. Denn der Mensch, kurze Kleiderkunde hier, begann erst vor zirka 170.000 Jahren Klamotten zu tragen, damals eher modische Felle, nachdem er selbst vor einer Million Jahren seines Fells, also seiner Ganzkörperbehaarung, verlustig ging. Es dauerte dann noch mal annähernd 800.000 Jahre, bis irgendein Pfiffikus bemerkte, dass es sich unter Mammut- oder Bärenfell besser kuscheln lässt. Die Pelzmode war damit erfunden. Bis Brigitte Bardot kam und Schluss mit lustig war.

Wir erleben ergo gerade nichts anderes als einen gigantischen Schritt zurück zur menschlichen Ursuppe. Zumindest in Britannien, erst Brexit, jetzt Steinzeit, und über viele Jahrhunderte ein Hort der gediegenen Zuchtsamkeit. Wie Spieler der deutschen Nationalmannschaft am eigenen nackten Leib erfuhren, den sie eben nicht mit Badehosen bedeckten, als sie mal eine Gemischtsauna betraten. Das ging als "Wurst-Skandal" in die deutsch-englische Fußballgeschichte ein und ereignete sich vor gerade 20 Jahren während der Europameisterschaft in England. Die übrigen Anwesenden in der Hotel-Sauna von Mottram Hall flüchteten verschreckt und alarmierten die für ihren Feinsinn bekannten Boulevardzeitungen: "Sausage-gate". Natürlich.

Briten entdecken Nacktheit als Lebensprinzip 

Die Zeiten solcher Prüderie verfliegen auf der Insel, und erstaunt beobachten die hiesigen Nacktforscher einen fast gegenteiligen Trend auf dem historisch betrachtet sehr viel offenerem Kontinent. Die Freikörperkultur aus DDR-Zeiten etwa schrumpelt wie ein Gemächt in kalter Ostsee. FKK kommt zwar nicht ganz aus der Mode, aber doch zusehends. Vielleicht auch, weil nicht jeder hüllenlose Körper hüllenlos wirklich besser ausschaut als bedeckt. Aber das ist nur Vermutung und wissenschaftlich bislang nicht unterfüttert.

Warum es so lange gedauert hat, bis auch die Briten die Nacktheit als Lebensprinzip entdeckten, erstaunt ein wenig. Denn auf der Insel dürfen die Menschen sehr wohl nackig durch die Gegend laufen; in Wales und England ist das nicht illegal und erfüllt nicht den Tatbestand der "Erregung öffentlichen Ärgernisses". Zu einer Art Legende in dieser Disziplin brachte es im ostwestfälischen Bielefeld Ernst Wilhelm Wittig, den die lokale Bevölkerung schnörkellos Ernie ruft. Ernie bewegt sich nackt durchs Leben, trinkt nackt Kaffee in der Fußgängerzone fährt nackt Fahrrad, besucht nackt Hörsäle und Mensa der Bielefelder Uni oder rennt nackt durchs Fußballstadion. Ernie nennt das Interaktionskunst. Er saß wegen seiner ständigen Interaktionskunst im Knast und zahlt immer wieder Bußgelder. Aber alles hilft nix gegen seinen archaischen Drang. Ernie erregt weder. Noch ist er ein öffentliches Ärgernis. Er ist einfach da und meistens nackt.

Ernie würde inzwischen besser nach Britannien passen als nach Bielefeld. Als Künstler und Wettbewerber in "Naked Attraction" oder als Gast im "Bunyadi". Die Nacktspeisenstätte, viel Bambus und Kerzenlicht, zieht als Sommer-Ereignis gerade weiter, wohin ist noch geheim. Auch die Speisenkarte wird überarbeitet, und vor allem Vegetarier kommen auf ihre Kosten. Es gibt im Übrigen erstaunlich viele: Gurkengerichte.