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Zum Tod von Robert Lebeck: Der große Chronist mit dem lakonischen Charme

An diesem Wochenende starb der Fotoreporter Robert Lebeck. Mehr als drei Jahrzehnte fotografierte er für den stern. Im Februar besuchte ich ihn in Berlin. Es sollte das letzte Mal sein.

Ein Nachruf von stern-Reporter Jochen Siemens

Robert Lebeck starb am Samstag im Alter von 85 Jahren im Kreise seiner Familie in Berlin. Er war einer, der eher lächelte statt sich aufzuregen. Dieses Selbstporträt entstand 1995.

Robert Lebeck starb am Samstag im Alter von 85 Jahren im Kreise seiner Familie in Berlin. Er war einer, der eher lächelte statt sich aufzuregen. Dieses Selbstporträt entstand 1995.

Das letzte Mal, und das muss man heute so sagen, weil es wirklich das letzte Mal war, sahen wir uns im Februar. Ich war in den Monaten davor fünf Mal bei ihm in Berlin gewesen. Und das Bild, was man sah, wenn man durch die Vordertür den langen Gang durch den Garten zu seinem Haus ging, war jedes Mal beruhigend das gleiche: Er stand in der Tür, das Gesicht braungebrannt und die kurzen weißen Haare bürstenaufrecht. Er winkte und er lachte. Beruhigend war der Anblick, weil er mir gesagt hatte, er sei nicht mehr ganz gesund und er wisse nicht, wie lange er noch auf dieser Welt sein würde. Das sagte er aber nicht wehleidig und schon gar nicht mitleidig, sondern lakonisch, nebenbei und etwas lächelnd - wie Robert Lebeck überhaupt über vieles lächeln konnte, statt sich aufzuregen.

Dann saßen wir vor einem großen Bildschirm und sahen uns Bilder an, seine Bilder, über 400 oder 500 waren es bestimmt. Es waren Bilder für die letzte Ausgabe des stern Portfolio, dieser großartigen Fotografie-Reihe. "Dann geben wir uns mal Mühe" sagte er. "Das könnte ja auch mein letztes Werk sein." Es ist leicht und schwer zugleich, sich mit einer Auswahl von Bildern Mühe zu geben. Leicht, weil es kein schlechtes Foto gibt - und schwer, weil wir dennoch aussortieren mussten. Etwa 60 Bilder aus 500, wir suchten nur in seinen Farbbildern. Also saßen wir da, tranken Kaffee, und auf dem Bildschirm lief noch einmal sein Leben vor mir, aber vor allem vor ihm ab.

Meistens sagte Robert nicht viel. Ich glaube, er bestaunte selbst, was er alles fotografiert hatte. Und wenn ich ihn fragte: "Wie hast du das gemacht?", murmelte er sparsam "mit einem Tele" oder "ich hab mich eine Stunde dahin gesetzt und dann ein Foto gemacht."

Robert Lebeck war kein Fotoerklärer. Seine einzige Ausbildung, sagte er einmal, war die Gebrauchsanweisung seiner ersten Kamera, die er 1953 geschenkt bekam. Mit der Kamera wurde er zu einem Fotografen, einem lebenden Fotografen. Einem, der fotografierte, um zu leben und lebte, um zu fotografieren. Ihn zu fragen "wie hast du das gemacht" wäre so, als man ob einen Menschen fragen würde: "Wie atmest du?"

Wenn man wie ich viele Jahre diesen Beruf macht, lernt man viele Fotografen kennen. Man ist zusammen unterwegs, man sucht und lauert auf die richtigen Bilder. Man versucht zusammenzuspielen, was nicht immer einfach ist, weil der Fotograf seine Bilder haben will und der Reporter seine Sätze. Das gibt manchmal Gerangel oder auch Streit, weil der Fotograf sagt "ohne meine Bilder ist deine Geschichte nix" und der Reporter "ohne meine Geschichte will keiner deine Bilder sehen". Solche Sachen eben.

Kein Freund von Tipps und Vorschriften

Mit Robert Lebeck war das alles anders, ganz anders. Ich und viele andere auch, wir haben ihn manchmal gefragt: "Robert, willst du nicht fotografieren?" Er konnte dann sehr beruhigt gucken, meistens einen Bonbon kauen und sagen: "Kann man hier einen Kaffee bekommen?" Dann ging er spazieren oder lief im Zimmer herum. Seine Kamera - früher eine Leica, später immer eine Nikon - war leise, sie klickte so wie ein Vogel pickte. Und man merkte sofort, wenn Lebeck keine Lust hatte, weil ihn die Sache oder die Person vor seiner Kamera nicht interessierte. Aber nicht, weil diese vielleicht nicht interessant waren, sondern weil sie ihn, den Fotografen, nicht in Ruhe Fotograf sein ließen.

Lebeck wollte seine Bilder und nicht die Bilder, die andere ihm geben wollten. Er hasste, es wenn Menschen ihm sagten, wie er am besten fotografieren solle. Oder ihn zu kontrollieren versuchten. Claudia Schiffer, Jahre ist es her, war auf dem Höhepunkt ihrer jungen Karriere und sollte von Lebeck fotografiert werden. In Düsseldorf in einem Hotelzimmer, enger Käfig, die beiden waren wie zusammengesperrt. Schiffer fragte Lebeck freundlich und bestimmt "wie wollen sie die Bilder denn manchen?", eine ganz normale Frage eines Models. Lebeck schwieg ein paar Momente, kaute auf einem Bonbon und sagte "mit der Kamera, dachte ich." Lebeck machte glaube ich, zwei Filme und sagte dann: "Ich geh mal einen Kaffee trinken."

Ich habe viel mit ihm erlebt. Wir waren einen Tag und eine Nacht bis die Sonne aufging mit Julio Iglesias in Spanien unterwegs, der zu Lebeck nur sagte: "Mach, wie du willst, ich gehöre dir. Nur, bitte kein Bild in Unterhosen". Hat er nicht gemacht. Der Witz war, dass sich von uns eigentlich keiner für Iglesias interessierte, aber als ich die Bilder dann im stern sah, fand ich Iglesias auf einmal großartig. Und wir trafen in Paris einmal den Schauspieler Donald Sutherland, was bemerkenswert war, weil sich beide kurz ungläubig anstarrten - sie hatte genau die gleiche grauweiße Bürstenfrisur, sie sahen aus wie Brüder.

Und ich habe vieles, was ich über Fotografie weiß, von ihm gelernt. Nichts über Kameras, Filme oder Belichtungszeiten. "Das weiß ich selbst nicht genau", sagte er oft. Ich bin selbst kein Fotograf, aber ich habe gelernt, sich in das Leben zu setzen wie in einen Fluss und dem strömenden Leben zuzusehen. Wenn mein Kopf eine Kamera wäre, hätte ich vielleicht ein paar Bilder aus seiner Schule. Denn seine Kamera war auch sein Kopf.

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo