VG-Wort Pixel

"Mein geliebtes Ich" Marius Müller-Westernhagen: "Kunst ist praktizierte Schizophrenie"

Marius Müller-Westernhagen inszeniert sich selbst mit einer Marionette 
Marius Müller-Westernhagen inszeniert sich selbst mit einer Marionette 
© Frank Lübke
Niemandem kommen wir näher als uns selbst. Und sind uns doch auch immer wieder fremd: Um dieses Spannungsverhältnis geht es in der Kolumne "Mein geliebtes Ich". Hier sprechen Prominente über den Umgang mit sich selbst. Dieses Mal: Marius Müller-Westernhagen.
Von Frank Lübke (Fotografie) und Alexandros Stefanidis (Interview)

Ein Jahr lang haben der Fotograf Frank Lübke und der Journalist Alexandros Stefanidis für die Kolumne "Mein geliebtes Ich" Prominente in ungeahnter Pose porträtiert. Für sie wurde schnell klar: Jeder Mensch hat eine zweite Seite, die manchmal hell erstrahlt, manchmal im Dunkeln bleiben soll. Oft haben sie diese freilegen können – zum Erstaunen der Leser wie auch der Dargestellten.

Der stern veröffentlicht nun zwölf dieser ungewöhnlichen Porträts online: dieses Mal Marius Müller-Westernhagen. Sein Song "Freiheit" entwickelte sich 1990 zur Hymne der Wiedervereinigung. Bekannt wurde Westernhagen 1978 mit dem Album "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" und 1980 mit dem Film "Theo gegen den Rest der Welt".

stern: Bitte klären Sie uns auf: Sehen wir Sie auf dem Foto rechts als Marionette?

Müller-Westernhagen: In gewisser Weise, ja. Ich bin eine Figur, die ich selbst inszeniere. Immer wieder werde ich gefragt: Bist du auf der Bühne du selbst, oder spielst du das nur?

Und?

Ich muss einen Song jedes Mal neu empfinden, auch wenn ich ihn zum 100. Mal singe. In der Psychologie gibt es ein schönes Bild: Ein Jockey reitet einen Elefanten. Der Jockey steht für die Ratio, der Elefant für die Emotion.

Wer Sie schon mal live erlebt hat ...

... glaubt, ich bin der Elefant. Ich bin beides – Kunst ist praktizierte Schizophrenie.

Inwiefern?

Vor und nach einem Konzert habe ich kein Verhältnis zu den vielen Menschen, die erschienen sind. Aber während des Konzerts empfinde ich tiefste Gefühle für sie, es ist regelrecht Liebe. Das ist schizophren.

Da Sie auf der Bühne ein anderer sind – wie sind Sie privat?

Menschen, die wie ich auf der Bühne extrovertiert auftreten, sind privat meist sehr in sich gekehrt und sensibel. Und für hohe Sensibilität zahlst du einen Preis.

Welchen Preis haben Sie gezahlt?

Mir wäre lieber gewesen, ich hätte das Talent gehabt, Maler oder Schriftsteller zu werden, um im Alltag unerkannt bleiben zu können. Ich habe über viele Jahre akzeptieren müssen, dass Menschen mich erkennen und ansprechen, anstarren und berühren wollen. Ich habe das nie gemocht. Ich liebe es, mich in meine Musik zu vertiefen und sie mit anderen zu teilen, aber alles andere, etwa der Hype um meine Person, hat mich ausgesaugt.

Als der Hype um Sie zu groß wurde, haben Sie sich bedankt und verabschiedet. Das war 1999 vor 100.000 Zuschauern in Hamburg. Haben Sie sich damals auf der Bühne nur noch als Hülle gefühlt?

Ja, das war gespenstisch. Ich war nicht mehr ich selbst, ich hatte die Kontrolle über den Elefanten verloren. Als ich von der Bühne ging, fühlte ich mich befreit.

Dieser Text erschien ursprünglich im Heft Nr. 33 am 10. August 2017.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker