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Good copy, bad copy: Was macht einen guten Coversong aus? Über die Kunst, einen alten Hit neu zu interpretieren

Wenn ein Musiker einen Song covert, kann das eine Qual oder ein Erweckungserlebnis sein. Sie feiern ihr Vorbild und geben sich hin – mehr Demut, mehr Fansein geht nicht. Unser Autor erklärt, wann ein Cover ein gutes Cover ist.

Von Marco Maurer

Band

Tributebands geben sich hin, wissend, dass das Original sich die Kopie wahrscheinlich niemals anhören wird (Symbolbild)

Getty Images

Das Grauen in unserem Büro begann bei Sekunde 16 mit einer dunkel aus der Vergangenheit bekannten Männerstimme, gequetscht, inbrünstig. Es steigerte sich bei Sekunde 30, als ein schwülstiges Geigenspiel einsetzte, das befürchten ließ, Leonardo DiCaprios Titanic gehe erneut unter. Marius Müller-Westernhagens Versuch, David Bowies "Heroes" zu covern. Songabbruch.

Wenn die Blätter an den Bäumen sich von grün zu gelb wandeln, sind sie wieder da, die Coverversionen bekannter Songs. Ein paar Beispiele: Helene Fischer singt Elvis Presleys "Just Pretend", sogar im virtuellen Duett mit ihm. Die Rolling Stones bringen gleich eine ganze Platte mit Blues-Rock-Covern raus. David Guetta versucht sich an dem Klassiker "Would I Lie to You". Die Heavy-Metal-Band Disturbed vergeht sich an Simon & Garfunkels "Sound of Silence".

Warum überhaupt ein Cover machen?

Die schlimmsten Covermomente beschert uns Heinz Rudolf Kunze, normalerweise eher zu Hause im CD-Regal meiner Mutter. Seine Versionen von DAFs "Der Mussolini" und Caspers "Hinterland" gleichen akustischen Terroranschlägen. Die Frage lautet nun: Warum das Ganze und vor allem: Warum meist derart daneben? Wo doch gegen das Covern an sich gar nichts einzuwenden ist.

Weil wir, außer wir gehören zu einem der Fischer-Westernhagen-Guetta-Fankreise, diese Songs eigentlich gar nicht zu hören bekommen sollen. Es mag Ausnahmen geben, aber wenn ein Musiker wie Kunze Songs von Casper und Thees Uhlmann covert, dann geht es nicht um das, was er auf seinem aktuellen Album (dieser Artikel ist erstmals in der NEON-Ausgabe 01/2017 erschienen) eine Verbeugung nennt, sondern um das bloße Erschließen eines neuen Kundenkreises. Mit geringem Aufwand wollen die Interpreten möglichst viel Rendite aus einem bereits existierenden Song pressen. Heißt: Unsere Eltern und Großeltern haben zwar noch nie von Casper gehört, aber von Westernhagen, Fischer und Kunze. Wahrscheinlich dudelt bei einem unserer nächsten Besuche bei den Eltern eine dieser Coverversionen aus deren Radios.

Neuinterpretieren von Songs gehört zur heutigen Popkultur

Es verblüfft deswegen nicht einmal, dass Westernhagen für seinen Song positive Kritiken bekam, ein Journalist schreibt: "Umso umwerfender hört sich Westernhagens Coverversion von David Bowies 'Heroes' an dass er sich daran nicht verhoben hat, ist schon eine Heldentat. Aber so intensiv und beseelt hat man diesen Song nur selten gehört."

Richtig ist: Das Neuinterpretieren von Songs ist ein grundlegendes Element der Popkultur. Den Pop, wie wir ihn heute kennen, gäbe es ohne Remixe, Samples und das Aufgreifen von Zeilen, Hooks und Melodien gar nicht. Elvis wurde berühmt, weil er die Songs schwarzer Blues- und Gospel-Legenden einspielte, er gilt als Wegbereiter des Coversongs. Gerade junge Künstler, egal ob damals Elvis oder in jüngerer Vergangenheit James Blake, erspielen sich mit ihnen einen ersten Namen. Radiosender bestücken ganze Stunden allein mit Coverversionen, wir bekommen Mixtapes mit ebensolchen geschenkt. Es gibt kaum Künstler, die nicht schon einmal gecovert haben. Seit 1980 hat sich die Zahl der Coversongs in den Charts verdreifacht.

Wann ist ein Cover ein gutes Cover?

Musikwissenschaftler haben einen Kriterienkatalog dazu entwickelt, was einen guten von einem schlechten Coversong unterscheidet. Die zentrale Währung beim Covern sei die Authentizität, die wir dem Künstler zuschreiben. So ganz objektiv wirken ihre Kriterien allerdings auch nicht letztlich könne jeder selbst die Qualität eines Covers bewerten, sagen die Forscher. Dabei komme es darauf an, was man mit dem Original verbindet. Ob man etwa glaubt, dass Westernhagen Bowies Original dekonstruiert, parodiert, überhöht, umarmt oder sentimental-nostalgisch verkitscht.

Praktisch jeder Hörer darf also selbst bestimmen, ob ein Cover hochwertig ist, da die Wertung immer mit der eigenen musikalischen Sozialisation und der so erzeugten Nostalgie zusammenhängt.

Brillanz kommt mit der Distanz

Vielleicht kommt es aber doch eher darauf an, welche Haltung der Interpret zum Original hat. Ein Cover ist oft dann brillant, wenn es sich von der ursprünglichen Version ironisch distanziert. Etwa wenn der legendäre Austrofred, eine Figur, erschaffen von Kreisky-Sänger Franz Adrian Wenzel, Queen-Songs auf Wienerisch interpretiert.

Manche Cover sind so gut, dass es wehtut. "Wow. I just lost my girlfriend, because that song isn’t mine anymore", sagte Trent Reznor, als er erstmals Johnny Cash seinen Song "Hurt" singen hörte. Der Erschaffer des Songs, der Kopf der Band Nine Inch Nails, betrachtet seinen eigenen Song nicht mehr als seinen. "Ach, der Song ist gar nicht von Cash?", heißt es oft, wenn doch irgendwo mal die schrottige Version von Nine Inch Nails läuft.

Sollten die Covernden die Original-Interpreten um Erlaubnis fragen? 

Doch diese hohe Kunst des Coverns, wenn das Original zur Version schrumpft, ist selten. Es wäre schön, wenn man sicherstellen könnte, dass ein Interpret künstlerisch das Beste aus einem Song rausholen will und nicht nur wirtschaftlich. Eigentlich sollten die Covernden den Original-Interpreten (oder dessen Erben) um Erlaubnis fragen müssen. Doch rechtlich gesehen ist das nicht nötig, sobald das Original veröffentlicht und bei einer Verwertungsgesellschaft wie der GEMA registriert ist.

Seit einem besonderen Moment in der Berliner Bar 25 vor einigen Jahren habe ich ein Lieblingscover: eine Brass-Version des Marvin-Gay-Klassikers "Sexual Healing". Als ich es erstmals hörte, war es frühmorgens, alles tanzte, durch die Hütte aus Holz brachen die ersten Sonnenstrahlen herein. Ich mag diese Version des eigentlich intimen Songs deswegen so, weil er von der Hot 8 Brass Band umprogrammiert und somit: entschnulzt wurde. Der Song sagt nicht mehr "Honey, let’s go to bed", sondern "Come on, let’s have a party". Ein kluges Cover von solchen bräuchten wir mehr.

Dieser Artikel ist erstmals in der NEON-Ausgabe 01/2017 erschienen.

Gut hinhören: Kennt ihr den kürzesten Song der Welt? Er feiert gerade ein Revival