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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Dörrdattel und Winterkürbis - der Mann und sein Gesäß

Der Mann und sein Gesäß, das ist eine Geschichte von Selbstliebe und Selbstzweifel. Und jenseits der 50 scheidet sich die Männerwelt in zwei Lager


Das . Ich habe es gesehen. In Hamburg. Bei einem Herrenausstatter.

Der schlanke Spätfünfziger, Typ Steppjacken-Aficionado mit Logen-Dauerkarte für den , kommt aus der Umkleide. Mit einem Schwung, für den er selbst von Joachim Llambi die Höchstpunktzahl bekommen würde, dreht er sich um die eigene Achse. Sein Blick in den Spiegel fällt auf sein Hinterteil, das sich seit eben in einer noch zu kaufenden Jeans befindet.

Theoretisch müsste er sich selbst wegen sexueller Belästigung anzeigen.

Das Kritische in seinem Blick wird binnen weniger Sekunden zu blanker Verliebtheit. Sanft streicht er mit der Hand über die Kurven seines Hinterns, als sei es der Kotflügel eines Daytona oder die Armlehne eines Eames Lounge Chair. "Toller Sitz", entfährt es ihm.

Theoretisch müsste er sich selbst wegen sexueller Belästigung anzeigen. Es wirkt aber alles sehr einvernehmlich.

So ein Altherrenhintern ist eine spannende Angelegenheit. Ist man die ersten 50 Jahre mehr oder minder erfolgreich bemüht, einen bradpittigen "Knackpo" ("Gala") zu bekommen oder zu erhalten, teilt sich die Steißfraktion fortan zunehmend in zwei Lager: Glich die Region in den besseren Jahren einem Apfel, so tendiert das Ganze nun entweder Richtung platter Dörrdattel oder halbfaulem Winterkürbis. Nur wenigen ist das Glück beschieden, bis in die Siebziger hinein über ein Gesäß wie ein 15-jähriger Watussi-Krieger zu verfügen.

Allerdings hat dieses nicht selten eine Kehrseite, und die ist in diesem Fall vorn. Ich habe schon Exemplare beobachtet, wie sie, die Hände wie eine stolze Drillingsmutter in die Hüfte gestemmt, in ihrer knappen Badehose an der Playa de Palma standen und eine zum Zerbersten gespannte Bierpocke in die Seebrise hielten. Ein wahrlich beeindruckendes Zusammenspiel gänzlich unhomogener Körperseiten.

Ein muskulöses Gesäß ist rein biologisch ja nicht sinnlos, signalisiert es dem archaisch geprägten Weibchen schon aus der Ferne, dass der Kerl gut rennen, sie im Fluchtfalle packen und weglaufen oder, ja, klar, auch besteigen kann.

Ein letzter Streichler über den eigenen Glutaeus besiegelt die Kaufabsicht.

Paviane können das eigentlich nicht wissen, weil sie in der Regel wenig lesen. Dennoch machen sie sich diesen biologischen Mechanismus zunutze und versuchen sich gewohnheitsmäßig in einem beeindruckenden Wettrüsten. Teilweise übertreiben sie es allerdings mit der Po-Prahlerei bis ins Groteske, sodass sie mitunter ein knallrotes Gebamsel als verlängerten Rücken mit sich herumschleppen, das in Form und Farbe sogar den Kopf von Uli Hoeneß in den Schatten stellt.

So weit ist unser Freund im Modefachgeschäft allerdings noch nicht. Wie Narziss am Teich verharrt er verdreht vor seinem Spiegelbild. Seine Frontansicht ist ihm gerade genauso egal wie der Umstand, dass ich ihn begeistert anstarre. Ein letzter Streichler über den eigenen Glutaeus besiegelt die Kaufabsicht. Meine Gedanken sind in dieser Stunde bei den tapferen Männern des THW, die Dorian Gray senior irgendwann aus dieser Hose werden flexen müssen. Ob er den Weg über die Mönckebergstraße rückwärts Richtung Auto gehen wird, um mehr Passanten an dem prachtvollen Sitz seiner Jeans teilhaben zu lassen?

Und wäre es nicht vielleicht möglich, Trump, Erdogan oder Duterte für den Rest ihrer Amtszeit mit einer gut sitzenden Hose in der Umkleide eines Herrenausstatters zu beschäftigen, ohne die Restwelt weiter zu behelligen?

In Chino veritas.

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