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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Mama

Jeder hat eine Mutter – so eine Frau mit lebenslangem Erziehungsauftrag. Kolumnist und Mama-Freund Micky Beisenherz hat eine Huldigung für seine Mutter.

War auch mal niedlich: Micky Beisenherz.

War auch mal niedlich: Micky Beisenherz.

"Deine Stirn könntest Du auch mal botoxen lassen."

Tres charmant, Mama.

Gut, dass ich die Kolumne eh schon angefangen hatte.

Sollte eigentlich eine Lobhudelei werden.

Müssen ja nicht immer Blumen sein.

Was haben Kim Jong Un, Margot Honecker und Carsten Maschmeyer gemeinsam? Abgesehen von ihrer frisurtechnischen Pionierarbeit.

Richtig, selbst die kommen aus einer Frau, die so etwas wirklich lieben konnte.

Obwohl ich mich z.B. bei Lutz Bachmann schon frage, an welches Kellerlabor er heute den Fleurop-Strauß schickt.

Kann ja nicht ernsthaft sein, dass der irgendwann mal süß und...

nee, wirklich nicht.

Hat man heute eigentlich schon Horden besoffener Frauen mit Bollerwagen durch die Straßen marodieren sehen?

Muttertag.

Der Tag, an dem Ulla von der Leyen einen Staatssekretär abstellt, die gekrakelte Fanpost abzuarbeiten- und Uschi Glas von BILD Reportern angerufen wird, sich doch mal die Facebook-Seite ihres Sohnes anzugucken.

Meine kriegt jetzt ne Kolumne, scheiß drauf.

Fast vierzig Jahre macht diese Frau den Job als Mutter jetzt schon.

Streng genommen hätte sie den Erziehungsauftrag vor zwanzig Jahren auch abgeben dürfen.

Aber gelingt das überhaupt je?

Erst vorgestern erzähle ich ihr von einem Termin, der nicht ganz unwichtig ist und, ohne dass sie auch nur ein Wort sagen muss, sehe ich diesen Blick, der mir sagen will:

'Dann kannste Dich aber vorher auch mal rasieren, Junge.'

Darauf angesprochen, fing sie an zu lachen.

Ich hatte sie ertappt.

Nie wird sich das ändern.

Dieser Impuls, das Leben des eigenen Sohnes wie ein unaufgeräumtes Kinderzimmer mal eben so auseinanderzumuttern.

Meine Omma (mit der ich unter einem Dach aufgewachsen bin und die für mich emotional mit meiner Mama auf einer Stufe steht) fragt mich immer noch regelmäßig, ob ich noch Arbeit habe.

Jetzt muss man wissen, dass meiner Mutter Optik, nun, wie soll ich´s sagen, nicht ganz egal ist.

Mein Elternhaus mit dem Garten sieht aus, als stünde es direkt auf der Rafaello-Insel, und meine Mutter selber wurde garantiert irgendwo im Gehirn von Wolfgang Rademann entworfen.

Ich war zwischenzeitlich davon überzeugt, ein Guldenburg zu sein.

Dieser hörbigerhafte Kubitschekismus, gepaart mit einer gut geföhnten Alterslosigkeit- wenn meine Mutter mit Omma und Tante Helga als Kaschmir-Troika samstags durch die Städte flanieren, machen sie aus jeder Ruhrgebietsfußgängerzone ruckzuck die KÖ.

Dabei verbirgt sich hinter dieser Apothekerinnen-Fassade eine regelrechte Rabaukin. Immer die erste, wenn es irgendwen irgendwo in einen Pool zu schmeißen gilt, für jeden Scheiß zu haben, lustbegabt, kein Thema, über das man nicht mit ihr sprechen könnte.

Noch heute sitzen wir bis tief in die Nacht zusammen und quatschen über das Leben.

Ihr Männergeschmack ist natürlich schrecklich.

Die Begeisterung für Howie Carpendale (seit er diesen pelikanartigen Kehlsack hat, hat sie sich von ihm abgewandt) oder Engelbert Humperdinck (zumindest, bis er den Schnäuzer abnahm. Danach ging es mit ihm bergab.)

Irgendwann brennt sie mit Sky DuMont durch, da bin ich sicher.

Gut, geschmacklich kommen die Ruhrgebiets-Deneuve und ich selten zusammen.

Mein Bart erscheint mir selbst oft wie eine postpubertär-ödipale Auflehnung.

Und das mit dem Auto...nun ja.

'Der Range Rover, der passt zu Dir. Der hat sowenig Glanz.'

Na, Danke. Dass sie´s nicht als Gag gemeint hatte, macht es nur schlimmer.

Mama ist immer da, immer eine Bank.

Damals, mit 19. Zivildienst. Ich musste, wie jeden Sonntag, um sieben Uhr morgens zu Opa Klima fahren, um dem Schlaganfallpatienten seinen Apfel zu schälen.

Selbstredend kam ich erst gegen sechs Uhr aus dem Dortmunder Soundgarden, so betankt, dass Opa Klima eigentlich MIR den Apfel hätte schälen müssen.

Mama konnte mich gerade noch abfangen, als ich mit dem Restalkoholpegel einer mallorquinischen Bodega pflichtbewusst dahin fahren wollte. Also hat sie mich kurzerhand komplett verpennt und struwwelig chauffiert und wie ein Fluchtwagenfahrer mit laufendem Motor vor dem Zechenhäuschen gewartet.

Ist es weltweit jemals einem Jugendlichen geglückt, sich betrunken an den eigenen Eltern vorbeizuschleichen?

(Danach hat man natürlich versucht, sich mit einem ungewöhnlich heftigen Wortschwall aus der Situation rauszulabern. Vergebens, natürlich)

Sie hat mich abgeholt, als ich ihr, komplett betrunken, erzählen wollte, ein anderer habe mich von oben bis unten vollgekotzt.

Sie hat es mir nicht geglaubt.

'Ich bin nicht sauer. Nur sehr, sehr enttäuscht.'

Wie beschämt (und verkatert) ich am nächsten Morgen mit dem Fahrrad losgeeiert bin, Blumen für sie zu kaufen.

Tausende von D-Mark wurden in Gitarren-, Tennis- oder Nachhilfeunterricht investiert. Jede T- Aktie hätte mehr abgeworfen.

Man kann mit dieser Frau über alles reden.

'Und Du bist Dir wirklich sicher, dass Du dieses Mädchen nochmal drei Wochen zu Dir einladen willst?'

Man muss dazu wissen, dass ich mich mit 16 gerade in eine verrückte finnische Austauschschülerin verliebt hatte, die beim letzten Abschied vor Wut und Trennungsschmerz spontan die Schaufensterscheibe von Castrops größtem Möbelhaus eingetreten hatte.

Der Denkanstoß war also nicht ganz unberechtigt.

Die Finnin kam trotzdem. Nach drei Wochen war ich nervlich am Ende.

Ich war schon immer eine Prüfung, glaub ich.

Immer schon etwas obrigkeitskritisch, musste man mir jeden Mist erklären, bevor ich ihn akzeptierte.

Geburtstagsparties wurden regelmäßig doppelt so groß, weil ich es nicht übers Herz brachte, einen Klassenkameraden nicht einzuladen, wenn er fragte.

Zum Unterricht kam ich immer zu spät, weil ich im Dorf auf dem Weg zur Grundschule noch in jedem Zeitschriftenladen, jeder Bäckerei vorbeimusste, um wie der Stadtteilfürst ein kurzes Pläuschchen zu halten.

Sie hat es alles ertragen.

Als man ihr in der Schule sagte, dass man mich ändern müsste, sagte meine Mutter nur:

'Aber der gefällt mir so, wie er ist.'

Das Beste, was Eltern für ihr Kind tun können.

Ihnen zu signalisieren, dass sie sie lieben- und sie richtig so sind, wie sie sind.

In jeder Lebensphase.

'Mach irgendwas, aber mach was.' Da konnte sie noch nicht ahnen, dass ich mal für den Stern schreiben würde.

Als Zweitgeborener erfährt man eh immer etwas mehr Milde.

Meinem sechs Jahre älteren Bruder hat sie noch die Heftseiten rausgerissen.

Meine Mama war so schlau, aus dem persönlichen Scheitern der Anderen in meiner Familie die richtigen Schlüsse zu ziehen und ihr eigenes Kind nicht in ein Korsett zu pressen.

Nichts ist ungerechter als die Gleichbehandlung von Ungleichen.

Ich hatte wohl einfach Glück mit meinen Eltern.

Ich durfte so sein, wie ich bin.

Mütter sind toll.

Erst quellen sie monatelang auf, um dann in stundenlangen Presswehen einen undankbaren Speckegel rauszudrücken, der Jahre später nicht mal die simpelsten WhatsApp beantwortet ('Junge, ich sehe doch, dass Du online bist. Da kannst Du Deiner Mama ruhig mal schreiben.')

Sie haben ein Schlafdefizit, für das jeder Guantanamo-Häftling dankbar wäre.

Sie organisieren den Haushalt, schmieren Stullen, machen Fahrdienste, Erstversorgung, Seelsorge, planen die Woche oder Blauhelmeinsätze im Kinderzimmer der Geschwister, müssen sich nebenbei auftakeln für den stumpfen Kerl auf der vermilbten Couch, besorgen Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke (über die der Vater des Kindes am meisten überrascht ist) und sind einfach:

 

Die besseren Menschen.

 

Danke, Mama.

Danke, Omma.

 

Und Danke, Silli, für dieses wundervolle, verrückte Kind, das Du mir geschenkt hast.