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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Das Ende ist Nahles - Post von Beisi

Wenn sie wie Samson aus der Seltsamstraße Richtung Rednerpult töffelt, krallen sich Delegierte erwartungsschwanger ins Furnier. Micky Beisenherz schreibt einen Brief an Andrea Nahles, dem stets übergriffig gut gelaunten Stimmungstanker aus der Eifel.

Liebe ,

an einem Tag, der geprägt war von Bränden in und Jerusalem, noch für ein besonderes Lowlight zu sorgen, das muss man auch erst einmal schaffen.

Sicher, wenn du weißt, es ist -Parteitag, dann muss man kein Trüffelschwein für Peinlichkeiten sein, um auf ebendiese zu stoßen. Irgendwo zwischen Gewerkschafterchor in roten Jacken und hektisch befleckten Jusos findet sich immer jemand, der einem nachhaltig auf die Verdauung schlägt.

Und es war dann tatsächlich nicht einmal Flip-Flop-Schulzi, auf den Hashtags gekloppt wurden wie sonst nur Schlappen auf Bilder von (mit 81,9 Prozent bei der Wahl zum Parteichef hat er es übrigens fertig gebracht, binnen kürzester Zeit noch mehr Prozente zu verlieren als seine eigene Partei. Kompliment.)

Natürlich waren Sie es: Andrea Nahles, der stets übergriffig gut gelaunte Stimmungstanker aus der  Eifel. Wenn Sie wie Samson aus der Seltsamstraße Richtung Rednerpult töffeln, dann krallen sich erfahrene Delegierte erwartungsschwanger zentimetertief ins Furnier. Und Sie liefern. Bei Gott, Sie liefern.

Ich kann es ja durchaus verstehen, dass es irgendwie ein erhebendes Gefühl sein muss, als Partei am Boden liegend es doch nochmal irgendwie Richtung Ringecke zu schaffen. Ist gewiss schön, die Not der Kanzlerin zu spüren und sich plötzlich wieder wichtig fühlen zu dürfen. Große Politiker hätten solche Situationen souverän erkannt und lässig ausgespielt. Aber es ist eben nicht nur wichtig, ein guter Verlierer zu sein. Es ist noch viel wichtiger, ein guter Gewinner zu sein. Oder irgendwas dazwischen. Zum Beispiel eine gute Fraktionsvorsitzende.

Oder halt eben Andrea Nahles. Die es fertig gebracht hat, eine vermeintlich gute Verhandlungsposition in Sachen GroKo wie folgt zusammenzufassen: "Die SPD wird gebraucht. Bätschi, sage ich dazu nur. Und das wird ganz schön teuer. Bätschi, sage ich dazu nur."

Bätschi. Ja. Sie hat Bätschi gesagt. Worte wie Verzögerungscreme fürs Ohr. Es hat mir körperlich weh getan. Und das passiert mir derzeit eigentlich immer nur bei Trump.  

Bätschi. Ja, wirklich.

Nur fürs Protokoll. Andrea Maria Nahles ist 47 Jahre alt und durch einen irren kosmischen Zufall Fraktionsvorsitzende einer großen deutschen Partei und nicht etwa die Zweitbesetzung von Bibi Blocksberg in der Schultheateraufführung von "Bibi und Tina" in der Stadthalle Gütersloh. 

Mit jedem Bätschi stirbt irgendwo ein roter Schal. 

Was ist bloß los mit Ihnen? Wie kann man beim Gegenüber jedweden Anflug von Kompetenzvermutung binnen weniger Sekunden einfach so wegkarnevalisieren. Gehen wir mal davon aus, aus irgendeinem unerfindlichen Grunde wäre man auf diesem Parteitag plötzlich wieder für die SPD entflammt. Schulz gibt den Willy, die "Vereinigten Staaten von Europa" oder die Sondierungsanbahnung, wasweißich.

Spätestens, wenn der letzte noch aktive Vulkan aus der Eifel loslegt, wird dieses zarte Glimmen Sympathie zertreten, ausgetrampelt und totprovinzialisiert. Es ist ein Drama. 

Es ist alles so bollerig, so unelegant

Mit der Grazie einer pfälzischen Leberwurst-Königin planiert sie sämtliche Ambitionen ihrer Partei auf so etwas wie Wählbarkeit oder macronsche Klasse.

Gerade mal ein paar Wochen ist es her, dass ihr "jetzt gibt es in die Fresse"-Ausflug in die Welt von Schlüters Boxbude rauf und runter zitiert wurde. Als Beleg dafür, dass diese Frau zwar fleißig ist, aber als würdevolle Repräsentantin eines Volkes so geeignet ist wie Harvey Weinstein als Chefaktivist bei Femen.

Berti Vogts war fachlich ja auch ganz gut. Und der hat nicht einmal gesungen. (Oder doch?)

Es ist alles so bollerig, so unelegant, so heillos provinziell kurtbeckig, dass man flennen möchte. Vor allem, wenn man hört, dass es innerhalb der Partei Menschen gibt, die sie ernsthaft als Spitzenkandidatin bei möglichen Neuwahlen sehen. Lachend in die Kreissäge. Wobei mit "Kreissäge" nicht die Stimme von Nahles gemeint ist.

Gut, es gibt auch die Anderen, die in Malu Dreyer sehnsuchtsvoll den Gegenentwurf anschmachten. Was ich nachvollziehen kann.

Andrea Nahles singt Pippi Langstrumpf

Viele von uns haben Jahre gebraucht, um Ihren Pippi Langstrumpf "ich mach mir die Welt wiede wiede wie sie mir gefällt"-Auftritt mit Terpentin wieder aus dem Gehörgang zu kriegen, und jetzt dieser erneute Ausfall.

Ich möchte die SPD gut finden. Wirklich. Diese einst so stolze Arbeiterpartei. Aber wenn Schulz bedauerlicherweise schon mehr Würselen als Washington ist, dann sind Sie der Beleg dafür, dass es die Genossen wohl auch nicht besser verdient haben, als in der verregneten Fußgängerzone von Dülmen zwischen Pimkie und C&A Luftballons zu verteilen. Die einen sind Bundeskanzler, die anderen eben mehr Bundeskegelbahn.

 Im Zuge der Sexismus-Debatte haben Sie unlängst Ihre Erfahrungen eingebracht und bilanziert: "Ich habe in meinem Leben unglaublich oft gehört: Die kann das nicht." 

Das glaube ich sofort.