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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Heul Hitler - ist der Führer plötzlich out?

Die Serie über den jungen Hitler scheint keinen Abnehmer zu finden, der ewige Medien-Hype um den Diktator ist offenbar verflogen. Kein Wunder, meint Micky Beisenherz: Das Publikum ist akut überhitlert.

Adolf Hitler

Damals war er noch gefragt: Adolf Hitler in den 1930er Jahren in seinem Arbeitszimmer in Obersalzberg.

Picture Alliance

Jetzt kann man sich noch nicht mal mehr auf Hitler verlassen. Regelrecht geschockt war ich, als ich las, dass die Ufa keinen Sender für ihre Serie über den jungen Hitler findet.

Wirklich? Die Ufa?

Diese unglaublich erfolgreiche Produktionsfirma, die schon den Tunnelbau in den Westen, die Entführung der Landrut oder den autofreien Sonntag zu Blockbustern gemacht hat, muss plötzlich feststellen, dass der kultige Irre aus Braunau zum Kassengift geworden ist. Das ist schon einigermaßen unglaublich. Immerhin gehen Spin-offs wie "Young Indy", "Young Sheldon" oder "Zärtliche Cousinen" traditionell sehr gut.

Ein Dauerbrenner der Unterhaltungsindustrie

Außerdem muss man ganz klar sagen, ist Hitler seit Jahrzehnten fester Bestandteil des deutschen Unterhaltungsbetriebes: Hitlers Helfer, Hitlers Hunde, Hitlers Hoden. Seit Jahren liefern sich Printmedien und Guido Knopp, der schon seit Jahrzehnten wie blöd in dessen Erbe herummaikerichtert, eine wilde Rangelei um den Nachlass des urigen Diktators. Für den "Spiegel" ist er gar so eine Art Pin-up, ohne den kaum Auflage zu machen scheint. Bei manchen Fernsehsendern läuft er neben Haien und Schrotthändlern in Dauerschleife. Ganz klar: Hitler ist der Pilawa von N24.

Zahllose Kabarett-Progrome, äh, -Programme, drittklassige Kolumnisten oder Comedians haben ihn in ihren Texten und Programmen durchgenudelt, sodass er am Ende gar zur verlässlichen Lachkonstante zwischen Flitzerblitzer und Seitenbacher-Reklame im Formatradio wurde: der Kult-Hitler! Heute als Busfahrer, Fernsehkoch, Fußball-Kommentator. "Ooond da kommt er, mit dääärrr Rööckennommmääärrrr 88. Däärrr Stöööömerrrr öberrrr räääächtss! Toooorrrr. Sieeeeg! Siiiiiieggg!" Hohoho. Zum Piepen.

Der Hitler-Hype ist vorbei

"Mein Kampf", die aberwitzige Rassenprosa ist seit Jahrzehnten als irgendwas zwischen "Ich bin dann mal rechts" und "50 Shades of Brown" ein derartiger Hit, dass man sich zuletzt entschied, es nochmal neu aufzulegen.

Diesmal als kommentierte Ausgabe, sodass der Leser die Stellen, wo es etwas merkwürdig wird, nicht selber suchen muss. Sogar auf den Bühnen der Nation wurde das Buch aufgeführt, weil man unter dem Vorwand der Aufklärung als Schauspieler mit den Texten Hitlers super touren, brüllen und die Leute erschrecken konnte.

Hype Hitler. Und jetzt plötzlich soll er nicht mehr gut genug sein! Was hat der Mann verbrochen?

Adolf war zu Lebzeiten nicht ganz koscher. Überrascht?

RTL ist als Sender bereits abgesprungen. Womöglich konnte man sich inhaltlich nicht darauf einigen, die Abenteuer des jungen Hitler nackt auf einer Insel mit anderen Promis dieser Zeit, wie Göring oder Göbbels, abzubilden. Und auch in Sachen Besetzung mag es geklemmt haben. Vermutlich hatte Mario Barth einfach keine Zeit.

Auch die Öffentlich-Rechtlichen verloren plötzlich ihr Interesse. Der Grund: "Politische Vorbehalte". Offensichtlich ist der Diktatorenlegende ein fleißiger Rechercheur dahinter gekommen, dass Adolf zu Lebzeiten wohl auch nicht ganz koscher war. Klar, das Arier-Original aus unserem Nachbarland ist immer noch beliebtes T- Shirt-Motiv auf asiatischen Flohmärkten. Aber sonst? Der Hype ist weg.

Mein Kampf

Das Publikum ist akut überhitlert

Schon morgen kann er in der "Bild"-In&Out-Liste in der rechten Spalte geführt werden. Womöglich sind die Gründe ganz profan: In Zeiten, da der Nationalismus der heiße Scheiß der Stunde ist, die rechten Demagogen ein Parlament nach dem nächsten stürmen, ist das Original vielleicht einfach nicht mehr fresh genug. Schwarz-Weiß kann man vielleicht denken - gucken dann aber schon lieber in Farbe.

Das Publikum ist akut überhitlert. Warum soll ich mir Björn Borg mit seinem Holzschläger angucken, während das Spiel von Nadal mit seinem Karbongeschoss doch viel smoother ist. Oder, um es etwas weniger charmant zu formulieren: Warum soll ich mir eine Serie über den Aufstieg des jungen Hitler anschauen - da kann ich auch nach Österreich zappen und die 20-Uhr-Nachrichten gucken.*

(*wie gesagt: Schwarz-Weiß-Denken ist in.)

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