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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Mach doch, was Du willst! Ein paar Gedanken zum Weltfrauentag

Seiner zweijährigen Tochter hat er gerade erst ein Spielzeugauto geschenkt. Eigentlich ein klassisches Jungsspielzeug. Zum Weltfrauentag hat sich Micky Beisenherz deshalb Stereotypen vorgenommen - und stößt dabei auf Widersprüche. 

Warum sollten sich Frauen nicht für Autos interessieren dürfen?

Warum sollten sich Frauen nicht für Autos interessieren dürfen?

"Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar!" ( )

Gefühlt habe ich gestern gegen alle gesellschaftlichen Konventionen verstoßen. Habe ich es doch gewagt, meiner zweijährigen Tochter ein zu kaufen. Hier in Eimsbüttel, dem prenzlbergigsten Teil Hamburgs zwar natürlich aus Holz - aber eben immer noch: Ein Auto. Klassisches Jungsspielzeug.

Sie hatte es sich gewünscht. 

Ich habe sogar vor, demnächst gemeinsam mit ihr die Halle eines befreundeten Porscheschraubers zu besuchen. Ging leider gestern nicht. Deshalb mussten mein Kumpel Jonas, sein kleiner Sohn Kalle und ich ohne sie hin.

(Kalle durfte aber später noch ihr Kinderzimmer begutachten.)

Eine Halle voller . Sie interessiert das. Und deshalb kann sie so ziemlich jede Marke aufzählen, die irgendwer aus ihrer Verwandtschaft oder ihr Papa fährt. Das macht sie so leidenschaftlich, dass man sich in der Kita schon fragt, ob ich ihr das eingetrichtert habe.

Habe ich nicht.

Heute morgen hat sie mich gefragt, ob ich mit ihr zum Fußball gehe. Und das alles, während sie ihrem Stoffaffen fachmännisch eine Windel umgelegt hat.

Die Technik hat sie sich natürlich von ihrem Papi abgeschaut, klar.

Dann haben wir ihr den Pulli angezogen.

Rosa. Trendet gerade. Allerdings nur bei Klamotten.

Bei Strohhalmen greift sie eher zum blauen.

Was ich damit sagen will?

Wenn bereits eine Zweijährige so unterschiedliche und vermeintlich widersprüchliche Fähigkeiten und Interessen aufblitzen lässt, sollten wir den Frauen erst recht etwas weniger stereotyp begegnen.

Die gleichermaßen kluge wie attraktive Kollegin eines Freundes hat die Rolle der Frau (im Berufsleben) einmal ganz schlau umrissen:

"Jeder Mensch hat Schubladen, in die er den anderen gerne steckt, und das ist auch völlig okay.

Aber für Frauen gibt es meist nur drei:

Das beschlafbare Dummchen.

Die verbissene Zicke.

Und 'die gute Seele'.

Was wir verlangen sind einfach mehr Schubladen, in die man uns stecken kann."

Passenderweise kam es mir zum wieder in den Sinn.

M. Beisenherz: "Ist denn dann an den anderen 363 Tagen im Jahr Weltmännertag?"

Was ist das eigentlich? Der Weltfrauentag?

Qua Definition anderer Weltirgendwastage liegt der Schluss nahe, bei der Frau handle es sich um eine bedrohte Spezies. Demnach kann es jederzeit dazu kommen, dass ein PETA Mitarbeiter sich schützend über sie wirft oder sogar wider ihren Willen aus irgendeinem Haushalt befreit.

Ist denn dann an den anderen 363 Tagen im Jahr Weltmännertag?

Muttertag mal abgezogen.

Schenkt man da wirklich eine Rose?

So wie der Bachelor?

Nennen Sie mich empfindlich, aber das ist nun wirklich keine Sendung, die exemplarisch für die Stärkung der Rolle der Frau in der Gesellschaft steht.

Überdies empfand ich es als treffliche Pointe der , dass man ausgerechnet an ebendiesem Tage mit Heiko Maas einen Mann einer höher qualifizierten Frau für eine Spitzenposition vorgezogen hat.

Schön fand ich auch das Kompliment des russischen Kosmonauten Anton Schklaperow, der von der ISS grüßte:

"Dank Euch - unseren Müttern, Frauen, Schwestern, Freundinnen und Töchtern- sind wir Männer bereit zu Heldentaten."

Das Gegenteil von gut gemeint und so.

Der Gedanken, dass Frauen selbst zu Heldentaten in der Lage sein könnten, ist für den Russen vermutlich so absurd wie ein Homo als Fußballstar.

Man hörte am Donnerstag förmlich das kollektive Seufzen der Ladies:

"Was wir wollen ist:

gleiche Bezahlung,

gleiche Möglichkeiten,

gleiche Darstellung,

gleiche Rechte.

Was wir bekommen, ist: Rosen."

Das sind nicht meine Gedanken, sondern ein Zitat aus einem lustigen Meme, das die Tage die Runde machte.

Es scheint also viele zu beschäftigen.

Hysterie ist gut

Die MeToo-Debatte kam also keinen Tag zu früh. Und wie bei vielen Debatten, die dieser Tage geführt werden, geht das Ganze nicht ohne die handelsübliche Hysterie vonstatten.

Aber Hysterie ist gut.

Nur so bricht man Grenzen auf, dringt in jedes Bewusstsein vor.

Um Leitlinien neu einziehen zu können, bedarf es einer Radikalität, bei der viele von uns mit den Augen rollen. Es kommt uns mitunter so blöd vor, dass es weh tut.

Begreifen wir es als einen gesellschaftlichen Wachstumsschmerz.

Und nur, weil wir selber nichts Derartiges erlebt haben, heißt es ja nicht, dass es das nicht gibt.

Am Rande der Berlinale konnte man die Schauspielerin Anna Brüggemann dabei beobachten, wie sie mit einem "Nobody's Doll"-Button in schwarzem Rollkragenpullover und flachen Schuhen auf dem roten Teppich Interviews gab, um Frauen dazu aufzurufen, sich mehr als starkes Individuum zu präsentieren, anstatt anderen gefallen zu wollen.

Das allerdings bitte ebenfalls in schwarz. Und ohne High Heels.

Währenddessen saß Dame Helen Mirren im Saal.

Wie so häufig im tief ausgeschnittenen Kleid und, tja, wie soll ich's sagen:

Scharf in allen erdenklichen Interpretationen dieses Wortes.

Ich gebe zu, ich bin der einen Frau näher als der anderen.

Aber wichtig sind natürlich beide.

Wir sind ja die Zivilen. Die Aufgeklärten.

Aber es gibt sie schon. Diejenigen, die Schwierigkeiten damit haben, eine Frau kompetent UND sexy zu finden.

Und wenn sich letzteres einstellt, die Finger bei sich zu lassen.

Man kann nur mutmaßen wie lange es gedauert hat, bis eine Gesellschaft es akzeptiert hat, dass man dem Nachbarn nicht einfach eine Latte über den Schädel ziehen kann, nur, weil einem dessen Kutsche gefällt.

Natürlich spielt Prägung eine wichtige Rolle. In dem Mehrgenerationenhaushalt, in dem ich aufgewachsen bin (ich hatte übrigens eine Barbie-Puppe), war das System mit Omma und Mutter eine Art verstecktes Matriarchat.

Soll heißen: Die Männer standen vielleicht auf dem Klingelschild.

Die wichtigen Entscheidungen durften sie aber natürlich nie treffen.

So lange ich festangestellt war, hatten ich ausschließlich Abteilungsleiterinnen und Programmdirektorinnen, bzw. Geschäftsführerinnen:

Allesamt hochkompetente, witzige, kluge, durchsetzungsstarke Frauen, die es als Beleidigung empfunden hätten, hätte man ihre Weiblichkeit übersehen.

Damals hieß der CDU-Vorsitzende noch Helmut Kohl und der Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Mittlerweile ist der Bundeskanzler eine Frau. Die SPD feiert sich als Innovationsmotor, weil sie eine Frau zur Vorsitzenden machen will.

Im Kino bricht Wonder Woman Kassenrekorde und Jennifer Lawrence holt 20 Millionen pro Film heraus.

Ihre männlichen Kollegen verdienen immer noch mehr. Und dafür gibt es keinen Grund.

Dennoch tut es gut, zu wissen, dass Mädchen in eine Gesellschaft hinein wachsen, in der die kleinen und großen Ungerechtigkeiten, die Ungleichheit und der Machtmissbrauch besprochen, diskutiert und ausgefochten werden.

In der jeder alles werden und sein darf.

Mädchen und Jungen.

P.S.: Heute morgen gefragt, was Kalle am gestrigen Tag am besten gefallen habe, sagte der mit leuchtenden Augen:

"Pippas Küche."

Das hat mir gefallen.