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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Mein Leben als Trottel

Einfach mal neben den Stuhl gesetzt, anderntags den lässigen Auftritt im Szenecafé verstolpert. Ist es zu früh, sich mit 39 einen Betreuer zu nehmen?

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Wenn Sie demnächst an dieser Stelle nichts mehr von mir lesen, werde ich mich umgebracht haben. Das ist aber nichts Persönliches. Ich habe nichts gegen Sie. Gegen mich eigentlich auch nicht. Ich mag mich ganz gut leiden. Wobei ich mich in letzter Zeit oft zur Ordnung rufe. Das nützt aber wenig, da ich bei mir ein erhöhtes Tollpatschigkeitsaufkommen bemerke. Daran werde ich letzten Endes auch vergehen, denke ich.

Erst gestern habe ich mich bei einem Geschäftstermin, den Stuhl verfehlend, geradezu legendär auf die Fresse gelegt. Ein geächztes "Ich mache alle meine Stunts selbst" konnte das Entsetzen der Umsitzenden nur bedingt abfedern. Trottel sterben selten den Heldentod.

Peinlich statt lässig

Leider passiert mir so etwas mittlerweile täglich. Und Stan Laurel'sche Aussetzer passen nicht zu einem, der am liebsten in Zeitlupe durch die Straßen hipstern würde. Slap- statt Selfiestick.

Es gibt nichts Unlässigeres, als sich den eigenen Auftritt vor dem Szenecafé stolpernd zu versauen. Da hilft dann auch ein bemüht cooles Nachhopsen nicht mehr, als sei das so geplant gewesen. Ich werde einen Helm brauchen.

Allein wie häufig mir in den letzten Tagen die Sonnenbrille aus der Brusttasche meines T-Shirts gefallen ist. Ein Schimpanse hätte spätestens nach dem dritten Mal eine andere Lösung gewählt. Ich bin jetzt bei 258.

Muti-Tasking mit Pannen

Die Variante mit dem Brillenbügel im Halsausschnitt des Shirts funktioniert ja auch nicht! Vorgestern versuchte ich, das verhedderte Kopfhörerkabel des iPhones - das nach 4782 Stürzen wundersamerweise noch funktioniert - vom Brillenbügel zu entknoten. In der rechten Hand einen Becher Cappuccino, die Linke am Kinderwagen. Schlimm wird es, wenn man versucht, so etwas elegant, in einer fließenden Bewegung zu tun. Das Einzige, was am Ende floss, war der Kaffee. Das Ergebnis: ein apartes Kuhfleckenmuster auf Shirt, Hose, Schuhen. Zum Glück kann ich es noch aufs Kleinkind schieben.

Aber wissen Sie, wie es ist, wenn Sie versuchen, Ihren Nachwuchs ins Bett zu bringen, möglichst leise durch die knarzende Wohnung tapsen - um dann unvermittelt in die Stille hinein eine Dose Cola oder ein Dreirad scheppernd umtreten? Es ist ermüdend. Ich gehe mir auf die Nerven.

Ich werde auch kein Vegetarier oder Abstinenzler mehr. Es lohnt sich nicht, da ich höchstwahrscheinlich bald vor einen fahrenden Bus rennen werde. Meine Missmotorik arbeitet gezielt gegen mich. Das gibt es.

Ich hoffe nur, es wird nicht so schlimm wie in der Geschichte von dem bedauernswerten Iren, der eine Glühbirne wechselte, einen Stromschlag bekam, von der Leiter fiel, mit dem Kopf im Putzeimer landete - und ertrank. Erklär das mal dem Ordner an der Himmelspforte.

Trotteligkeit ist erbbar

Woher habe ich das bloß? Es sind wohl die Gene. Unvergessen, wie mein Vater versuchte, im Treppenhaus nach der Tennistasche zu greifen, während er eine Kirschtorte Richtung Kühltruhe im Keller balancierte. Nun, es gelang ihm nicht, und er verteilte die Torte in beeindruckender Terrakotta-Wischtechnik auf der Treppenhauswand. In diesem Moment ist in meiner Mutter etwas zerbrochen, glaube ich.

Und nun ich. Ich bin unversicherbar geworden, mein eigener Opa. "Wohin mit Beisi?" Was kostet ein Heimplatz? Haben die WLAN da? Ist es zu früh, sich mit 39 einen Betreuer zu nehmen? Na ja, vielleicht reicht es auch erst einmal, wenn ich jemanden habe, der für mich die Glühbirnen auswechselt. Sicher ist sicher. 

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