HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Vom Schmerz, plötzlich Bayern-Fan zu sein

Dem FC Bayern München die Daumen drücken? Das kommt für Micky Beisenherz normalerweise nicht infrage. Warum das heute Abend gegen PSG anders ist.

Bayern-Fans

Micky Beisenherz drückt gegen PSG ausnahmsweise dem FC Bayern die Daumen.

Dass ich mal zu den Bayern halten würde, hielt ich bis vor Kurzem für ausgeschlossen. Allerdings war mir da auch noch nicht klar, dass mir der nordkoreanische Machthaber im Vergleich zu seinem amerikanischen Gegenüber mal witzig und geradezu sympathisch vorkommen würde.

Ich habe nie ganz verstanden, warum ich bei internationalen Spielen immer zu den deutschen Mannschaften halten muss. Ich entwickle keine Zuneigung nur über das Abstammungsland einer Person oder eines Clubs. Sonst wäre mir Dieter Bohlen lieber als Michael Jackson. Und Dieter Bohlen ist mir noch nicht einmal lieber als Joseph Jackson.

Viele internationale Spiele von euch Bayern habe ich völlig ungerührt geguckt, ja, manchmal war ich sogar für den Gegner. Im Champions-League-Finale 2012 habt ihr mir leid getan.

2013 gegen meinen BVB konnte ich erstaunlicherweise noch am besten mit eurem Triumph leben - diese Mannschaft von Schweinsteiger und Co. war einfach "dran". (Davon ab wären wir sonst nicht 2014 Weltmeister geworden.)

Heute Abend aber bin ich erklärtermaßen Bayern-Fan. Gut, ich werde kein Trikot anziehen. Aber ich werde hoffen, dass ihr Paris Saint Germain tüchtig den Arsch aufreißt. Denn hier geht es nicht um Nationalität, sondern um eine Philosophie.

Eine sportliche. Und eine marktwirtschaftliche. Zwei Komponenten, die, so inkompatibel sie oft wirken, doch nicht mehr zu trennen sind. Denn mit der Entscheidung, bei dem absurden Rattenrennen um Ablösesummen und Transfers nicht mehr den Jockey geben zu wollen haben die Bayern sich - zumindest auf europäischer Ebene - für einen schweren Weg entschieden.

Uli Hoeneß und das Festgeldkonto

Nicht, dass kein Interesse vorhanden gewesen wäre, sich einen weltweiten Topstar zu kaufen. Man musste nur schnell erkennen, dass bei der derzeitigen Marktlage keiner zu bekommen war. Zumindest keiner unter 70 Millionen. Und das wäre dann auch nur die Hälfte der aktuell zweithöchsten (!) Transfersumme dieses Sommers gewesen. Vom das Gehaltsgefüge sprengenden Monatssalär mal abgesehen.

Lange Jahre haben Uli Hoeneß und sein eichenrustikaler Lederhosenlaptopclub mit dem berühmten Festgeldkonto geprahlt - nur, um im Sommer 2017 festzustellen, dass es im Zweifel noch für nur gerade mal einen Starspieler reicht. Wie konnte es nur soweit kommen?

Auch, wenn sie immer so tun, als würde bei der Meisterschaft auch nur ein Spurenelement von Glückshormon ausgeschüttet, wollen die Bayern natürlich die Champions League gewinnen. Wenigstens ins Halbfinale kommen. Aber offenbar nicht buchstäblich um jeden Preis. Weshalb sich ein Top Transfer von rund 40 Millionen schwer bescheiden ausnimmt.

Plötzlich ist man international so etwas wie, sagen wir mal, der SC Freiburg. Den Underdog mögen alle. Und wenn man schon die Bayern nicht mag, dann gibt es reichlich Anlass, Paris Saint-Germain leidenschaftlich abzulehnen. Der Transfer von Neymar war ein außenpolitisches Statement von Katar an die Welt. Der Deal mit Mbappé so etwas wie der Textmarker darüber.

Die Kapitalexzesse der Großklubs

Sollte es darum gegangen sein, das schwer verrufene Emirat durch den Glanz des brasilianischen Goldjungen sympathischer zu machen - der Versuch darf als gescheitert gelten.

Mit den 222 Millionen, die sie in den Markt gepumpt haben, scheint ein ohnehin schon entgrenztes Business endgültig den Verstand verloren zu haben. Der Trickle Down Effekt sorgt dafür, dass selbst Spieler von Mainz plötzlich 20 Millionen kosten. Von den Kapitalexzessen der hochambitionierten Großklubs ganz zu schweigen. Barcelona, Manchester City, Manchester United, Chelsea: Ein Zirkel, in dem selbst Real Madrid auf einmal zu Vertretern seriöser Kaufmannschaft werden konnten.

Eine vermeintliche Blase, von der die Bayern glauben, dass man sie aussitzen könne. (Das haben vermutlich schon einige gedacht, als Rummenigge 1984 für 11 Millionen Mark von den Bayern zu Inter gewechselt ist.) Spieler kosten plötzlich so viel wie sonst nur ganze Vereine, erstreiken sich einen Wechsel, wenn nötig, oder kloppen sich fast um einen Elfmeter, weil ihnen die eine Million Prämie als Torschützenkönig zu entgehen droht.

Natürlich schießt Geld Tore

Letzteres natürlich auch bei PSG geschehen, zwischen Neymar und Cavani. Mittlerweile hat der Scheich dem Uruguayer Millionen geboten, falls er auf die Elfer verzichtet. Cavani hat dies abgelehnt. Geld sei "ihm nicht so wichtig". Ach, so.

Im Grunde möchte ich mich fast bei den Kataris bedanken. In einer Zeit, da einem das Dauerspektakel Fußball mit seiner eng getakteten Reizüberflutung nur wenig Emotionen abnötigt und selbst Real Madrid kaum mehr als Laufkundschaft ist, bin ich für einen neuen, globalen Supervillain direkt dankbar.

Als würde man dem Todesstern die Daumen drücken, weil plötzlich ein neuer, größerer und viel mieserer Todesstern auftaucht. Als wäre Blofeld auf einmal der smarte Antiheld, weil Maschmeyer im Sessel sitzt und die Katze krault. Wie man ja auch mit dem T 800 zu fiebern begann, als auf einmal der T 1000 ...

...ich denke, Sie haben begriffen, was ich meine. An dem frankensteinesk zusammen genähten Gebilde Fußball und Katar ist alles schlecht. Und ich will es scheitern sehen. Auf allen Ebenen. Natürlich schießt Geld Tore. Auf lange Sicht. Aber heute Abend will ich, dass "das alte Europa" seine neureichen Nachbarn aus dem Stadion schießt.

Und warum? 

Nur für den Kick. Für den Augenblick.

10 Geheimnisse: Vor wichtigen Spielen geht Robert Lewandowski immer in die Kirche