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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Zwischen Hoodies, Caps und MEGA-Pullis: Hört auf mit dem Europa-Hype!

Am Sonntag ist Europawahl und Millionen Bürger machen sich auf, ihre Wahl irgendwo auf der Liste zu treffen. Aber es ist ähnlich wie im koreanischen Restaurant: Man weiß weder, was genau man da bestellt hat - und schon gar nicht, was drin ist.

Europawahl

Wahlplakate der FDP, SPD und CSU zur Europawahl

DPA

Wie sehr Europa dann doch zusammenhängt, merkt man allein daran, dass Vorgänge auf einer spanischen Insel direkte Auswirkungen auf die politische Lage in Österreich haben. Kurz war bislang nur der Name des Kanzlers. Die Länge seiner Amtszeit allerdings wäre damit auch gut umrissen.

Europa ist schon ein verrückter Ort. Da legt Madonna einen Auftritt bei einem Gesangswettbewerb hin, der sogar kurzzeitig den deutschen Beitrag vergessen macht und lässt beim Videomaterial davon im Nachhinein die Tonspur verändern. Dem Vernehmen nach arbeitet man bei der FPÖ fieberhaft an einer ähnlichen Lösung.

Dass ausgerechnet der nationalistische Strache im europäischen Ausland politisch zu Fall gerät, ist eine schöne Pointe. Die österreichischen Rechten haben scheinbar eine Schwäche dafür, den Karren vor die Wand zu fahren. Wobei ich sicher bin, dass auch dieser Vorfall nur auf ihr Opfer-Konto einzahlt und schlussendlich sogar deren Position stärken wird.

Am Sonntag ist Europawahl und Millionen Bürger auf diesem Kontinent machen sich auf, ihre Wahl irgendwo auf der Liste zu treffen. Ähnlich wie im koreanischen Restaurant, wo man weder weiß, was genau man da eigentlich bestellt hat - und schon gar nicht, was drin ist.

Europawahl, das ist - wie in den letzten Jahren eigentlich immer -, wenn junge, erfolgreiche, junge und erfolgreiche oder Menschen, die sich an junge, erfolgreiche oder junge und erfolgreiche Menschen dranhängen der Nation erklären wollen, dass man, oder besser noch, was man zu wählen hat.

Auf diese Art hat man zuletzt sehr erfolgreich den Aufstieg der AfD, den Brexit oder Trump verhindert. Wann immer es irgendwo etwas zu wählen gibt - und sei es der Schatzmeister vom Dackelzüchterclub Erkelenz e.V. - man kann sich sicher sein, es gibt einen passenden Hashtag, der die moralische Selbstvergewisserung der Besserleberpeergroup gut zusammen fasst. #wirsindmehr, #unfollowme, #makeeuropegreatagain

Speziell der #MEGA-Hashtag der "Bild" ist eine schöne Pointe, wenn man bedenkt, dass dasselbe Blatt mit seinem lustigen Hashtag vorgibt, die europäische Union zu stärken, während man direkt auf der nächsten Seite mit der üblichen "Flüchtling prügelt deutschen Rentner ins Koma"-Berichterstattung dafür sorgt, dass dem wutaffinen Teutonen gerade doch eher nach "Grenzen dicht!" ist. Man muss sie dafür lieben.

Europa als hippes It-Piece für Besserverdiener

Egal, wo du hinschaust: Überall rennen Influencer, Hipster, Instagram-Propheten mit blauen Hoodies herum, auf denen die Europafahne prangt im Dienste der guten Sache. Ein Hoodie, der mit 70 Euro deutlich mehr kostet, als jemand in Dortmund-Brackel für ein komplettes Outfit im Jahr investiert. Nicht, dass es ehrenrührig wäre, mit diesem Kapuzenpullover oder einer Cap von irgendeinem angesagten Berliner Künstler herumzulaufen, der sich so auch nochmal zu unserem vereinten Kontinent bekennen wollte. Allein, es wird nichts bringen. Ich fürchte sogar, es ist kontraproduktiv.

Plötzlich wirkt Europa wie das hippe It-Piece für Besserverdiener und die Hafermilch-Bourgeoisie. Entweder predigen die immergleichen Hashtag-Höchstleister die Hits zum Chor der Filterblasen-Gemeinde – oder sie senden komplett an denen vorbei, für die die EU gleichbedeutend ist mit gendergerechter Walddidaktik oder Gurkennormiergestapo. Im besten Falle.

Im schlimmeren und realistischeren Fall zieht sich ein Hautgout von Bevormundung durchs Netz, der wie ein aufdringliches Parfüm abstoßend wirkt. Nur, weil sich Fashion-Blogger im blauen Hoodie am Brandenburger Tor umarmen, macht Bernd aus Braunschweig noch lange nicht nicht sein Kreuz bei den Schmuddelparteien.

Von wem soll sich der von der Politik abgetörnte Wut-Willi denn influencen lassen? Von dem Juso-Pol-Pot, der uns alle zu Kommunisten machen will? Der aufsässigen Feminismus-Barbie und ihren Klima-Blagen, die erst die alten Männer zum Satan machen und uns auch die Malle-Flüge streichen will? Oder dem Porsche-fahrenden Fernseh-Heinz, der das Europa-Shirt nur deshalb trägt, weil es das auch als Tank Top gab! Es mag defätistisch sein, aber diese Art der Animation scheint mir persönlich wenig zielführend - und ich habe mich noch vor jeden Karren spannen lassen, wenn es denn der "guten Sache" dient. (Und die Guten, das sind wir doch!)

Die EU hat ein beschissenes Marketing - und Günther Oettinger

Natürlich wäre es schön, wenn die Leute alle längst wüssten, dass Europa für Reisefreiheit steht. Keine nervigen Grenzkontrollen. Finanzielle Vorteile (gerade für uns Deutsche!). Freien Handel. Wirtschaftliche Stärke (Hallo, China! Geh kacken, Trump!). Kontrolle der Großkonzerne. Sicherheit. Stabilität in Zeiten galoppierenden Unsinns. Europa kann sogar Spuren von Dialog enthalten!

Um nur ein paar Dinge zu nennen, die so selbstverständlich scheinen, dass viele Willens sind, das rotzig aufzugeben. Die EU hat einfach ein ganz beschissenes Marketing. Plus Günther Oettinger. Und die Erkenntnis, dass die EU natürlich das Beste ist, was wir haben, sickert nicht dadurch ein, dass der Sternenkreis auf blauem Grund von stylischen Besserverdienern als trendiges Polit-Accessoire zur Schau getragen wird, die vielen durch ihren pausenlosen digitalen Frontalunterricht ohnehin schon auf die Eier gehen.

Ich mach da nicht mit. Aber freue mich, wenn ich Unrecht habe. Bis dahin viel Glück.

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