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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Keinohrfürtraditionshasen

An diesem Wochenende ist wieder Ostern. Es ist nicht nur verboten zu tanzen, jetzt wird uns auch noch der Osterhase genommen. Er heißt jetzt Traditionshase. Logisch, dass die üblichen Hassprediger und Kleingartenimame sofort wieder zum Plantschen im intellektuellen Bällebad rufen mussten.

Sind sie auch so wütend, weil der Moslem uns den gestrichen hat und das Tanzen an Karfreitag flach fällt? Sehen Sie. Ich auch nicht. Wobei ich zugeben muss, dass dieser massive Eingriff von Religion in meine Freiheit als Bürger schon lange verstört. Also, das Tanzverbot. Wie kann das eigentlich sein, im Jahr 2018, mitten in einem säkularen Staat in Europa. Sollte da nicht vielleicht mal der Heimatminister Seehofer ..? Okay, vergessen wir das.

Ostern, was ist das eigentlich genau. Manche sind sich sicher, Ostern erinnert daran, wie Jesus mit seiner Frau und den Hunden ins Haus auf Sylt gefahren ist. Wieder andere meinen, wäre er nicht an Karfreitag gestorben, hätten heute die Geschäfte geöffnet. Fakt (!) ist, an Karfreitag ist der Zimmermann Jesus am Kreuz gestorben und tauchte am Sonntag zum Osterfest wie bestellt wieder auf. Was in 2000 Jahren das erste mal gewesen sein dürfte, dass ein Handwerker pünktlich aufgetaucht ist.

Take THIS, Jesus

Gehen wir mal davon aus, dass die Geschichte stimmt:  Was um alles in der Welt muss PR- technisch bei diesem Märtyrertod schief gelaufen sein. Ich lasse mich mit Dornenkrone auf dem Kopf, schwer blutend ans Kreuz nageln, und um daran zu erinnern, gehen die Menschen im Garten Eier (?) suchen, die der Osterhase (?!) versteckt hat?! Ich mein, was zum Geier? Wer will da noch Märtyrer werden? Ob Ghandi in seinen letzten Momenten gedacht hat "Ah, noch in Jahrhunderten werden sie meiner gedenken, wenn sie den Schoko Bons scheißenden Flamingo im Partykeller aufstellen."

Und, wo wir gerade an Märtyrer und Karfreitag denken: Julien Assange haben sie in der ecuadorianischen Botschaft das Internet abgestellt. Take THIS, Jesus! Übrigens: Seitdem ich mich an Karfreitag 2016 mit dem iohawk meines Neffen unfassbar aufs Kreuz gelegt und Ostersonntag mühsam wieder aufstehen konnte, weiß auch ich genau, wie Jesus sich gefühlt hat.

Die Sache mit dem Traditionshase

Allerdings muss man uns Deutsche auch mal loben, denn wenn es uns gelingt, etwas von der Stimmung widerzuspiegeln, die 33 nach Christus geherrscht haben muss, dann ist es gewiss die Hysterie der Bürger, die unbedingt wen am Kreuz sehen wollten. In diesem Falle ist es natürlich wieder einmal der böse Muselmane, der uns nach ALLEN Weihnachtsmärkten jetzt auch noch den Osterhasen wegnehmen will.

Anlass der kollektiven Empörung war das Foto, das wie das Leichentuch von Turin zum religionsumwitterten Beleg werden sollte.  Das Zeugnis der Existenz des Bösen. Abgebildet war ein Karstadt- Kassenzettel, auf dem der allseits beliebte Schokoladenhohlkörper als "Traditionshase" deklariert war.

TRADITIONSHASE!!! Ja, wo kommen wir denn da hin? Logisch, dass die üblichen und Kleingartenimame sofort wieder zum Plantschen im intellektuellen Bällebad rufen mussten- und ihnen viele nur zu gerne gefolgt sind! Jetzt darf der Osterhase nicht einmal mehr Osterhase heißen! Manch einer war nicht einmal in der Lage zu erkennen, wie unfassbar komisch es ist, martialische Reden zu schwingen, in denen Begriffe wie "Umvolkung", "Genozid" und "Traditionshase" sich im selben Satz begegnen.

Selbst die Intelligenteren fallen mitunter auf den kulturellen Bedrohungscharakter des Milka "Schmunzelhasen" rein, vergessen dabei allerdings, dass der schon seit 1973 so heißt. Der Lindt- Goldhase sogar schon seit 1952. Wer auch immer der Nager an unseren kulturellen Wurzeln sein mag - The Artist formerly known as Osterhase ist es wohl eher nicht. Manchmal, so scheint es, befindet sich der Hohlkörper vorm Regal und nicht darin. Wenn überhaupt, dann haben Formulierungen wie "Wintermarkt" oder "Traditionshase" marketingtechnische Gründe und wurzeln in der größtmöglichen Form der Gewinnmaximierung - was schlussendlich ja auch eine Form von ist.

Bei all dem Irrsinn sollten wir übrigens nicht vergessen, was die wahre Bedeutung von Ostern ist: Den Kindern Geschenke machen, die uns noch letztes Jahr zu Weihnachten ne ganze Spur zu übertrieben waren.