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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Wir Rassisten

Es ist toll, wenn man von sich sagen kann: Ich bin kein Rassist. Hilfreicher wäre es, sich mit Misstrauen zu betrachten und zu schauen, wo man eben doch den Unterschied macht. Denn sehr viele Muster dieser erlernten Überheblichkeit stecken noch tief in uns.

Von Micky Beisenherz

Teilnehmerin einer Anti-Rassismus-Demo in Berlin

Teilnehmerin einer Anti-Rassismus-Demo in Berlin

Getty Images

So, jetzt ist auch mal gut mit Rassismus!

Jetzt, da ich diese Kolumne schreibe, haben sich – auch die deutschen – Medien sehr eingängig mit dem Thema Rassismus befasst. Nichtweiße Prominente, die sonst nur eher selten im Fernsehen zu sehen sind, bekamen den Platz von Wolfgang Bosbach und die Chance, ihre Erfahrungen mit Diskriminierung zu schildern, nur, um danach Gefahr zu laufen, zu keinem anderen Thema je wieder etwas beisteuern zu dürfen.

Man sitzt zu Hause vor dem TV, schüttelt den Kopf und ist fassungslos, was sich Menschen anhören müssen, die jetzt nicht unbedingt gerade aussehen wie Dieter vom Schwenkgrill beim Sparkassenfest.

Mit unserem bedauernden Erstaunen ist es dann aber auch meist getan. Wir hören zu, freuen uns aber auch, dass da nächste Woche endlich wieder ein alpinaweißer "Tatort"-Kommissar mit einem Wanderbuch sitzen wird.

Wir sind verwundert, wissen aber: Das hat mit uns nichts zu tun. Wir sind ja nicht so! Ich hab sogar eine Patenschaft für Kinder in Afrika. Oder Brot für die Welt. Irgendwie sowas halt.

Ehrlicher wäre es, sich selbst zu sagen: Ich bin ein Rassist. Nicht aus böser Absicht. Nicht als freiwillige Entscheidung. Und trotzdem gibt es rassistische Bordsteine, die wir als kulturelle Prägung schon früh mitbekommen haben. Und die zeigen sich eben nicht nur im Falle bewusster Beleidigung.

Ich musste 40 Jahre alt werden, um im Ansatz zu erfahren, was Diskriminierung bedeutet. Meine Frau ist in Teheran geboren. Suchst du nach einer Wohnung in einem "guten Viertel" Hamburgs und gibst in der Selbstauskunft unter Geburtsort der Mitmieterin (warum wird das eigentlich verlangt?) "Teheran" ein, kannst du dir förmlich dabei zusehen, wie du in die C-Kategorie abgleitest. Aber man kann auch wohlmeinend verletzten. Das anerkennende "Ach, Sie sprechen aber gut deutsch!" ist da sicherlich das bekannteste Beispiel.

Schon vor 30 Jahren gab es eine bemerkenswerte Szene in der TV-Show "Flitterabend": Das zu vermählende Paar, sie blond, er mit afrikanischen Wurzeln (herrlich exotisch, die beiden!) sprechen über ihre Pläne. Man erzählt dies und das, bis der Mann schließlich erwähnt, dass er demnächst sein Abitur (nachmachen) werde. Tosender Applaus! Das ist ja ungeheuerlich! Ein Schwarzer mit Hochschulabschluss! Nett gemeint ist nicht nett gemacht.

Diskriminierung beginnt da, wo wir uns besser fühlen

Die Diskriminierung beginnt da, wo wir uns besser fühlen, weil wir so besonders nett mit dem türkischen Gemüsehändler geplaudert haben. Obwohl er ja Türke ist! Da, wo wir uns wie Albert Schweitzer vorkommen, weil wir dem schwarzen Fahrer fünf Sterne in der Taxi-App geben, weil der die ganz normalen Freundlichkeitsstandards eingehalten hat, anstatt erwartungsgemäß wild auf uns einzustechen.

Bei manch einem Auftritt von Ethno-Komikern lag der Verdacht nahe, dass der Oberstudienrat aus Reihe zwei auch aus pädagogischer Zufriedenheit über das eigene Werk klatscht, dass "wir als Gesellschaft den da auf der Bühne gut hinbekommen haben."

Es ist toll, wenn man von sich sagen kann: Ich bin kein Rassist. Hilfreicher wäre es, sich mit Misstrauen zu betrachten und zu schauen, wo man eben doch den Unterschied macht. Wenn wir ganz ehrlich sind, stecken sehr viele Muster dieser erlernten Überheblichkeit noch tief in uns. Das ist nicht schön.

Schlimm wird es , wenn wir uns nicht täglich neu überprüfen und diese Dinge rauswaschen. Wie viele der letzten sieben Autos haben sie eher bei einem Herrn Brinkmann gekauft als bei einem Herrn Hasanovic? Sehen Sie, und da geht es schon los.

Übrigens kann uns ein Herr Brinkmann genauso gut bescheißen wie Herr Hasanovic. Nur bei Herrn Brinkmann kämen wir selten auf den Gedanken, zu sagen "so sind die halt." Und wenn, würden wir auf ihn als Vertreter der Gebrauchtwagenhändlergilde schließen, nicht aber als Vertreter der Deutschen.

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Der eigenen Privilegien bewusst werden

Der beste Kampf gegen rassistische Ressentiments ist nicht, laut gegen Rassismus zu brüllen (das aber natürlich auch gerne), sondern regelmäßig Kontrastmittel durchs eigene Bewusstsein laufen lassen, um zu sehen, was wir da doch in uns tragen. Und klar, uns immer wieder der eigenen Privilegien bewusst zu werden. Dann würde zum Beispiel auch einem Friedrich Merz klar werden, warum die schlimmste Diskriminierung, die er je hat erleben müssen, die war, sich als Mittelständler bezeichnen zu lassen.

Bis dahin wäre es nicht schlecht, künftig mehr Schwarze in Talkshows zu sehen, auch wenn es um Virologie, Finanzwesen oder Klimastudien geht. Dann können wir sie wenigstens runtermachen, weil uns deren Expertise nicht gefällt. Allemal besser, als diese gönnerhafte Freundlichkeit, weil sie sich so überraschend gut in diesem Land eingegliedert haben.