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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Twitterstadl – vom intellektuellen Fraktionszwang und Helmen über Dessous

In aktuellen Debatten geht es weniger darum, was gesagt wird, sondern von wem es kommt. Twitter zum Beispiel ist eine große virtuelle Hundewiese, auf der sich zwei Parteien um die immergleichen Positionen balgen, findet stern-Stimme Micky Beisenherz.

stern-Stimme Micky Beisenherz

Micky Beisenherz über den Twitterstadl und die umstrittene Helmkampagne

Na? Seid ihr auch noch voller Wut über die #helmerettenleben- Kampagne des Verkehrsministers? Kann man sich natürlich prima drüber aufregen. Auch, wenn es jetzt nur bedingt überraschend ist, dass ein CSU-Mann ein etwas, sagen wir mal, unterkomplexes Frauenbild hat. "Sexistenschwein!" "Reißt die Plakate runter!"

Die User, so wütend wie nie. Und das jeden Tag.

Ich frage mich ohnehin, wie jemand noch die Kraft aufbringt, weiterzulesen, wenn ein Text beginnt mit "Kritik hagelte es im Netz für…." Gut, man könnte auch sagen, dass hier recht behände auf der Klaviatur der Aufmerksamkeitsökonomie gespielt wurde.

Klassisches Shitmarketing. Ein wichtiges Thema wird vom erregungsgeilen Besserbürgertum bis in den letzten Winkel (e)chauffiert. "Fahrradhelme mit Nacktheit bewerben! Was eine sexistische Kackscheiße!" Wenn schon jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird, schreib wenigstens vorher Deinen Namen drauf. Oder Deinen Hashtag.

Das "klassische Shitmarketing" hat gewirkt

Die Kampagne hat gewirkt. Und sie kam dort an, wo sie sollte. Sexistisch, ja, aber clever: Da in der Sprache der Zielgruppe. Kann man natürlich so nicht schreiben in Zeiten des intellektuellen Fraktionszwanges, wo es unschicklich ist, Leuten wie Lindner oder Spahn (Team Pfui!) auch nur ein Spurenelement richtigen Denkens zuzubilligen. Das geht natürlich nicht. Wir haben 2019. Es kommt weniger drauf an, was gesagt wird, sondern VON WEM es kommt. Dort, wo die Fronten klar sind und im Grunde genommen jeder nur noch Volksmusik für sein Publikum macht und ernsthaft glaubt, im Dienste der Aufklärung….ja, genau wen eigentlich zu erreichen?

Es ist zum permanenten "Preaching to the Converted" verkommen.

Eine Dauerpredigt zu denjenigen, die sowieso schon Dein Lied singen. Und das in einer Herablassung und Hybris, die niemals auch nur einen dazu bewegen wird, mal - um im Bild zu bleiben - zu gucken, was denn so in der anderen Kirche los ist.

Twitter zum Beispiel ist eine große virtuelle Hundewiese, auf der sich die Pitbulls, die Poschardts und Fleischhauers mit den Sixtus' und Böhmermanns um die immergleichen Positionen balgen - während der Rest drumherum steht und hofft, in nichts hinein zu treten. Der Erkenntnisgewinn ist natürlich gleich null, da es lagerübergreifend nie zu einem ernsthaften Denkangebot, dafür aber stets zu Sternstunden der Selbstgefälligkeit und Verachtung Andersdenkender kommt. Schade eigentlich, da diese Menschen, würden sie sich abseits irgendeines Publikums begegnen, tatsächlich Substanzielles zu sagen hätten.

So aber: Twitterstadl. Ein Online-Zwergstaat, dessen Oberhäupter in ihrer Pose erstarrt sind. (Oder bei Plasberg ihren 52sten Geburtstag feiern. Was traurig genug ist.)

Habeck hatte Recht

Dasselbe, das andernorts als plumper Populismus gegeißelt wird, ist woanders schon herrlich freche Satire. Habeck (Team Hui!) hatte Recht, als er an sich selber feststellte, dass soziale Netzwerke sich am besten dann nutzen lassen, wenn man sich selber entgegen besserem Wissen oder komplexerem Empfinden auf ein paar knackige Slogans runter dummt. Eine Verführung, der ich selbst noch zu häufig erliege. Und ich ärgere mich jedes Mal selbst darüber. Ich weiß um die erotische Strahlkraft von großer Resonanz.

Der Reflex, breitbeinig den einen wirkmächtigen Standpunkt zu vertreten - obwohl da zwischen schwarz oder weiß eigentlich die Wahrheit liegt. Und ja, wer hunderttausende Follower hat, kommt sich morgens nicht selten vor wie der Bundespräsident. Schwarzenegger im dialektischen Armdrücken. Doch abseits dieser digital überstimulierten Häuptlinge gibt es zehntausende Indianer, die zur Verbesserung der Welt in kleinen Schritten das Verbot von Indianerkostümen an Kitas, die humoristische Unversehrtheit von Frauen mit Doppelnamen oder Cafébesuche auch für Kinder unter sechs Jahren fordern. Volkssport Bürgerkrieg, irgendwo zwischen Karnevalsapachen und Babyccino-Paria. Kann man machen. Man kann aber z.B. auch akzeptieren, dass es die Politik der Cafébetreiberin und -besitzerin ist, keine kleinen Kinder im Laden zu wollen, mit den Augen rollen- und einfach woanders hingehen. Hat man damals gemacht. Ehrlich.

Das ist aber in einer Yelpgesellschaft, in der es stets darum geht, alle zu raten, zu ranken und den gesellschaftlichen Wandel zum Besseren zur Not auch durch den virtuellen Pranger herzustellen, fast undenkbar geworden. Sicherlich. Das sind ehrenvolle Absichten. Schließlich muss jedweder Form der Diskriminierung Vorschub geleistet werden. Und digital ist es auch herrlich bequem.

Dass diese Themen, egal ob #Genderpaygap oder #steltergate trotz unterschiedlicher Relevanz stets in derselben Phonzahl diskutiert werden, trägt überdies mächtig dazu bei, dass die (Online-) Debatten sich gegenseitig nivellieren, ja banalisieren. Umso verwunderlicher, dass dieser so aufmerksamen Gesellschaft, die eben noch den "AfD-Komiker" Mario Barth (natürlich völlig zurecht. Außerdem ist der ja Team Pfui!) für seine russiatodaymäßige Feinstaub-Reportage abgesaut hat, völlig entgangen (?) zu sein scheint, dass mit Serdar Somuncu einer ihrer Lieblingssatiriker kürzlich auf einer Live-Veranstaltung in Münster die Kontrolle verliert und jemanden aus dem Publikum mit dem Satz "geh wieder zurück ins Behindertenheim, Du Jude!" bedenkt, bevor er ihm noch wütend Bier über den Kopf kippt. Voll meta. Oh, richtig. Wie war das noch? "Nach Verlassen der Bühne schnappt sich jemand aus dem Publikum das Mikro und erzählt spontan einen Judenwitz."

Eine interessante Grenzverschiebung

Scheint wohl wieder in zu sein. Eine interessante Grenzverschiebung, der das Publikum da beiwohnen durfte. Oder musste? Wollte? War sicher Satire. Und ich habe es nur nicht verstanden. Stimmt. Ich habe es nicht verstanden. Wäre eine schöne Parabel auf "die Welle". Wäre es denn Absicht gewesen. Aber hey, DAS kann ja nicht sein. Schließlich ist DER ja einer von den Guten, also "Team Hui!".

Und ich versteh das. Würde man dort jetzt mahnend den Finger heben, müsste man schnell erkennen, dass man womöglich schon ein paar mal Karten für solche Abende hatte oder oft und mitgelacht hat, wenn mal wieder herrlich ironisch "Fotze", "Jude" oder "Neger" gerufen wurde.

War ja immer meta. Immer in Ordnung. Ist einer vom richtigen Team. Bei Gauland hätten alle entsetzt aufgeschrien. Oder Chris Tall. Oder bei Matusseks unglücklichem Kammermusiker Reinhold Beckmann.  Der wird nach aktueller Anschauung der Populärsatire übrigens bereits in einem Atemzug mit dem Christchurch-Attentäter genannt. Excuse me, are you fucking insane?!

Aber, klar: Es geht halt weniger darum, was gesagt wird, sondern WER es sagt. Oder? Und denkt man zu lange über das nach, geht es am Ende womöglich noch an den eigenen Arsch. Das wäre echt zu unbequem. Dann doch lieber eine kleine Wutwelle gegen Kramp-Karrenbauer, Spahn oder Scheuer. Den Feder- oder den Lebensrettungskopfschmuck. Die Latte-Macchiato-Diktatorin oder die Essener Tafeln.

Ihr Helden.

P.S.: Heute war ich in meiner Kfz-Werkstatt und mit leicht zuckendem Blick auf den Kalender, der im Pausenraum der drei Monteure hing, wurde mir wieder schlagartig klar, dass Twitter und Co. nur ein sehr kleiner Teil der Wirklichkeit sind. Selten empfand ich das als so angenehm wie heute.