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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Zwischen Solidar- und Solitärgemeinschaft: Was die EU von deutschen Treppenhäusern lernen kann

Aufmerksamkeit, Solidarität, Fürsorge – das zählt in dieser Krise. Zwischen Flensburg und Rosenheim haben das fast alle begriffen. Es wird Zeit, dass sich die EU ein Beispiel daran nimmt, findet Micky Beisenherz.

Die Corona-Krise stellt Europa und die gesamte Welt vor riesige Herausforderungen

Die Corona-Krise stellt Europa und die gesamte Welt vor riesige Herausforderungen

AFP

Falls Sie gerade aus Wut über die grassierende Unmoral Ihren Adidas-Schuh verbrennen:

  1. Vorher besser ausziehen
  2. Zünden Sie Ihren EU-Hoodie vom letzten Jahr doch gleich mit an!

Oder schneidern Sie einen schicken Mundschutz draus. Dann ist das Ding wenigstens für etwas gut. Die Marke Europa ist nämlich so tot wie deutsche Innenstädte im März. Als die EU den Friedensnobelpreis gekriegt hat, haben damals nicht wenige geunkt, dass der in etwa so viel wert sei wie, sagen wir mal, der Antifa-Bambi für Xavier Naidoo. Dieser Award war an die Hoffnung geknüpft, Europa möge sich als Einheit, ja, als solidarische Gemeinschaft begreifen. Wir wissen nun endgültig: Damit ist es nicht weit her.

Keiner traut dem anderen weiter als er niesen kann

In diesen Tagen der Entlarvung neigen die einzelnen Teile dieser Staatengemeinschaft zur Verpuppung, zum endgültigen Cocooning. Medizinische Hilfe, Ausrüstung oder gar finanzielle Unterstützung? Weitestgehend Fehlanzeige. Die Grenzen sind dichter als Ihr Lieblingscafé, die Nationalstaatlichkeit erlebt ihre Renaissance und keiner traut dem anderen weiter als er niesen kann. Den Rechtsnationalisten müsste ob dieser Entwicklung eigentlich der Mussolini in der Bundfaltenhose schwillen.

Wäre da nicht die Vollverschleierung zum Infektionsschutz – aber irgendwas ist ja immer. Dass Hilfe dann ausgerechnet in Gestalt von den Todessternen China oder Russland kommt, ist eine Pointe, die nur noch zu toppen wäre, würde Merkel bei Adidas anfragen, ob die ihr noch einen schönen Jogger fürs Podcasten auf der heimischen Couch sponsern könnten. Aber lasst doch lieber mal den Papst für uns alle gegen Corona beten. So alleine, wie er da am Balkon vom Petersplatz steht wie ein Oppa, der darauf wartet, dass ein junger, fitter Nachbar ihm was vom Penny mitbringt, so einsam ist auch jeder Staat in dieser Solitärgemeinschaft.

Um nicht vollends die Hoffnung zu verlieren, lohnt der Blick vom Großen ins Kleine. In den Alltag, in dem es beeindruckend vielen Menschen gelingt, sich solidarisch zu verhalten, einen Blick für andere zu haben, sich zu kümmern. Sicher ist das nur eine Momentaufnahme, und gewiss würden Notärzte und Pflegekräfte sich mehr über anständige Bezahlung freuen als über Standing Ovations vom Balkon zur moralischen Selbsterbauung und weil das Clueso-Konzert ja eh ausgefallen ist.

Der Blick für die Existenz des Anderen wird geschärft

Trotzdem ist es im Hier und Jetzt schön zu erleben, dass nicht nur ganze Berufsgruppe eine völlig neue Wertschätzung erfahren, der Blick für die Bedürfnisse oder schlicht die bloße Existenz des Anderen wird geschärft. So kommt es zu wunderbaren, kleinen Gesten, die man wegen Überkitschung aus jedem Merci-Spot gestrichen hätte.

Wie Salim, der junge Typ im Block, der für alle Alten dort einkaufen geht. Ergün, der wunderbare Chef meines geschlossenen Lieblingsrestaurants, der mir als Survival Kit ein Tütchen mit Klopapier aus London und Seife aus Paris schenkt. Vermutlich aus Dank, dass er mein DHL-Paket mit den 20 Kilo-Hanteln nicht annehmen musste. Die unzähligen Mommies, Frauen und rührige Männer, die auf eigene Faust Schutzmasken für Nachbarn, Freunde oder völlig fremde Helfer nähen, um ihren Teil beizutragen. Die Geschichten von leer gefegten Regalen, Menschen, die sich für Klinikpackungen Klopapier an Supermarktkassen ketten oder Polizisten, die in bester Stanford-Experiment-Manier junge Familien von Tischtennisplatten knüppeln sind naturgemäß attraktiver, aber sie sind zum Glück nur ein kleiner Teil der Wahrheit, denn die Realität ist eine andere: Die Menschen interessieren sich füreinander.

Die Anonymität deutscher Treppenhäuser scheint aufgehoben. Sie kümmern sich. Vielmehr noch. Sie LÄCHELN. Man musste bislang annehmen, dass der Deutsche über solche Muskeln im Gesicht gar nicht verfügt. Immer häufiger begegnen mir Menschen auf der Straße oder joggend am Ufer, die mich anlächeln mit dem alle einenden Blick, der sagen will: "Ist das alles eine Scheiße hier, was." Aufmerksamkeit, Solidarität, Fürsorge. Zwischen Flensburg und Rosenheim haben das fast alle begriffen. Wird Zeit, dass man sich zwischen Helsinki und Athen ein Beispiel daran nimmt.

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