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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Corona-Weihnacht: Wenn der Saug­roboter zum Familienmitglied wird

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Corona-Weihnacht: Wenn der Saug­roboter zum Familienmitglied wird
© Illustration Dieter Braun/stern
Nein, nicht alle haben all die Jahre gern mit Opa vorm Baum gesessen. Aber Heiligabend mit dem Saugroboter ist auch nicht das Wahre.
Von Micky Beisenherz

Waren Sie auch so bitter enttäuscht, als Jens Spahn völlig überraschend verkündet hat, dass Weihnachten dieses Jahr anders ausfallen wird als die Jahre zuvor?

Ich habe sofort die 50 Einladungskarten eingestampft und das 120-Teile-Raclette-Set wieder zurück in den Schrank gestellt. Gut, das ist gelogen. Wer mich kennt, weiß: Bei uns im Haushalt gab es bis vor Kurzem nicht mehr als zwei Gabeln, und meine Frau und ich empfangen seltener Gäste als der Yeti.

Was hingegen stimmt: In den vergangenen 43 Jahren bin ich zu Weihnachten immer ins Ruhrgebiet gefahren. Da lebt meine Familie, vier Generationen unter einem Dach, eigentlich großartig, jedenfalls bis jetzt.

Das muss man sich mal vor Augen führen: Was all die Jahre eine Zusammenkunft wie aus der Merci-Reklame war, ist jetzt ein potenzielles Superspreading-Event. Über den Daumen gepeilt sind Weihnachten bei uns immer sechs bis sieben Haushalte mit rund 20 Leuten zusammengekommen. Da leuchtet der Stern von Bethlehem als feierliche Co­rona über dem Hause. Würden wir das dieses Jahr genauso machen – wir wären im öffentlichen Ansehen kaum besser als die Abou-Chakers oder die Manson Family. Und wie regeln das eigentlich die Wollnys?

Karl Lauterbach rutscht zur Kontrolle durch den Kamin

Dieses Jahr wird alles anders. Da wird nicht der Weihnachtsmann durch den ­Kamin rutschen, sondern Karl Lauterbach, der mal gucken will, ob sich alle an die ­Vorgaben halten. Beim Adventskalender werden schon am 5. Dezember alle Türchen geöffnet, weil man überall mal stoßlüften sollte. Und wenn Papa die Weihnachts­geschichte vorliest, fehlen Caspar, Melchior und Balthasar. Die drei waren eindeutig nicht geschäftlich unterwegs und hatten als Touristen nicht das Recht, einzureisen.

"Last Christmas, I gave you my heart"? – in diesem Jahr darfst du nicht einmal die Hand geben!

Ende Oktober wurde uns der Lockdown light als gemeinschaftliche Kraftanstrengung verkauft, für die wir mit einem schönen Weihnachten belohnt werden sollten. Da haben sich bereits viele gefragt, was das für ein Deal sein soll. Warum sie auf Partys, Sex und Restaurantbesuche verzichten sollen, nur um an Heiligabend wieder von Tante Else gefragt zu werden, warum sie keinen oder keine abkriegen.

Speziell das mit dem Mann oder der Frau, und sei es nur für ein paar Stunden, würde sich dieses Jahr an Weihnachten auch nicht ­regeln lassen. Denn die Provinzdisco, in der alle Exilanten nach Erfüllung des Protokolls gegen null Uhr zum Besaufen und zum Sich-in-Erinnerungen-Hineinkopu­lieren zusammenkommen, ist höchstwahrscheinlich dicht. Davon ab­gesehen wäre man auch nicht in Wettkampfform, weil mit ­jeder Woche Lockdown eine Kleidergröße dazugekommen ist.

Nein, es wird ein Weihnachten werden, in dem der Saug­roboter zu einem geachteten Familienmitglied aufsteigt und "Stirb langsam" endlich mal die Beachtung zuteil wird, die diesem wunderbaren Film über die Isolation am Heiligen Abend schon lange zusteht.

Dafür könnte Silvester ein echtes Highlight werden – sofern der Impfstoff ab null Uhr verteilt wird. Da kann man echt behaupten, dass nächstes Jahr alles anders wird.

Und wenn die viel geprie­sene türkische Herkunft der Gründer von Biontech nun mal kurz eine Rolle spielen darf – dann kommt das Wunder der Weihnacht in diesem Jahr tatsächlich aus dem Morgenland. Irgendwie. Amen.


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